+
"Wir rutschen jetzt in einen richtigen Fachkräftemangel", sagt Ruth Hoffmann, Altenhilfeplanerin beim Landkreis. (Symbolfoto: dpa)

Fachkräftemangel

"Die ersten ambulanten Pflegedienste können ihre Kunden nicht mehr bedienen"

  • schließen

Der Fachkräftemangel in den Pflegeberufen wird sich in den kommenden Jahren im Kreis Gießen deutlich niederschlagen. Auch wenn man hessenweit momentan noch im Mittelfeld liege, sagt Ruth Hoffmann (60). Die Sozialarbeiterin ist seit 2011 Altenhilfeplanerin beim Landkreis. Im Interview spricht sie über die Nöte der Branche und erzählt, warum sich die Situation wohl erst in einem Jahrzehnt entspannen wird.

Frau Hoffmann, wie groß ist der Fachkräftemangel im Kreis Gießen?

Ruth Hoffmann:Wir liegen hessenweit im Mittelfeld, bei uns sieht es noch relativ gut aus, obwohl es natürlich auch hier den Mangel gibt. Aktuelle Zahlen sind aber noch nicht veröffentlicht. Der Pflegefachkräftemangel zeigt sich allerdings schon.

Wie genau macht er sich bemerkbar?

Hoffmann:Die Beratungsstellen, insbesondere BeKo und Pflegestützpunkte, aber auch die Kliniksozialdienste berichten immer wieder, dass die ersten ambulanten Pflegedienste ihre Kunden nicht mehr bedienen können, weil sie nicht mehr genug Personal haben. Gerade auf dem flachen Land sind die Fahrtwege häufig weit. Da ist die Pflegekraft für einen einzelnen Patienten sehr lange unterwegs, das muss auch bezahlt werden. Die Zeit, die für die Fahrt gebraucht wird, fehlt dann woanders, deshalb verzichten Pflegedienste lieber auf den einen oder anderen Kunden. Für manche ist es inzwischen schwer, einen Pfleger zu finden. Aber die Pflege ist nur das eine, auch der Bereich der Hauswirtschaft ist unterbesetzt.

Pflege: "Ein Kurzzeitpatient ist immer gleichbedeutend mit hohem Personalaufwand"

Wie hat sich denn die Nachfrage nach Teilzeit- und Vollzeitpflege entwickelt?

Hoffmann:Aufgrund des demographischen Wandels haben wir immer mehr alte Menschen, aber auch durch die neue Pflegegesetzgebung wächst der Anspruch auf Pflege generell. Wir haben besonderen Bedarf im Bereich der Kurzzeitpflege. Aber genau das ist die Krux, Pflegeheime sind mehr an Langzeitpatienten interessiert, ein Kurzzeitpatient ist immer gleichbedeutend mit hohem Personalaufwand. Nach drei Monaten ist er wieder weg. Und dann müssen sich die Heime wieder auf einen neuen Patienten einstellen. Unser großes Problem ist aber der Pflegekräftemangel. Generell muss man einfach sagen, dass die Pflegeberufe in der jetzigen Form nicht attraktiv sind. Man kann dankbar sein über jeden, der diese Ausbildung macht.

Sie spielen auf die Bezahlung an?

Hoffmann:Nein, ganz so schlecht ist die Bezahlung für ausgebildete Pfleger gar nicht, zumindest wenn sie tariflich bezahlt werden. Vergleichen Sie das Gehalt doch mal mit einer Friseurin, die verdient deutlich weniger. Trotzdem ist Friseur kein Mangelberuf. Das hängt wirklich mit der Attraktivität des Berufsbildes zusammen.

Regelung zu Pflegezeit: "Das muss aber auch noch bei den Arbeitgebern ankommen"

Was müsste denn geschehen, damit die Pflege attraktiver wird?

Hoffmann:Pflege ist mit sehr vielen Vorurteilen belegt. Es müssten endlich einmal die positiven Dinge herausgestellt werden. Auch die Betriebe selbst sollten aufhören, sich so negativ darzustellen. Oft hört man von ihnen, dass es ihnen nicht besonders gut geht, das steigert natürlich nicht die Attraktivität. Nehmen wir uns doch ein Beispiel an der Industrie. Schon seit Jahrzehnten sagen sie, diese und jene Sachen sind toll an unserem Beruf. Das Handwerk fängt inzwischen auch damit an, aber die Pflege hängt deutlich hinterher.

Eine Tatsache ist, dass viele ihre Angehörigen pflegen. Müssen wir gesamtgesellschaftlich umdenken, etwa in dem pflegende Arbeitnehmer mehr Sicherheiten vom Arbeitgeber erhalten?

Hoffmann:Durch die neue Regelung, dass man inzwischen auch Pflegezeit nehmen kann, hat sich in dem Bereich schon einiges getan. Da ist der Bund schon relativ weit. Das muss aber auch noch bei den Arbeitgebern ankommen. Und das wird noch Jahre dauern, das ist immer so. Bei der Elternzeit war das ähnlich. Man darf aber auf keinen Fall vergessen, dass die Pflege zu Hause, durch wen auch immer sie erfolgt, keine professionelle Pflege ersetzen kann. Wir brauchen eine hochprofessionelle Pflege. Die neue Ausbildung ist auf jeden Fall ein erster Schritt in die richtige Richtung. Wir sehen es ja im Ausland. In den Ländern, die eine bessere Ausbildung bieten, gibt es auch eine höhere Akzeptanz des Pflegeberufes. Das erhoffe ich mir nun auch.

Zukunft der Pflege: "Im Moment hängen wir zehn, wenn nicht sogar 15 Jahre hinterher"

Was ist denn das Innovative an der neuen Ausbildungsregelung?

Hoffmann:Zum einen sicherlich die generalisierte Ausbildung. Dass man nicht mehr hoch spezialisiert ist. Und wir werden eine höhere Durchlässigkeit bekommen. Eine Kinderkrankenschwester ist beispielsweise nicht ihr Leben lang darauf angewiesen, Kinder zu pflegen. Dasselbe gilt für einen Altenpfleger. Der Beruf wird dadurch attraktiver, weil die Durchlässigkeit da ist und es bessere Aufstiegschancen gibt. Altenpfleger könnten dann einfacher ins Krankenhaus wechseln, wenn sie wollten. Das ist heute in der Form kaum möglich. Gerade für männliche Azubis dürfte der Beruf dadurch ansprechender werden, denn in der Regel gibt es in der Krankenpflege mehr Männer als in der Altenpflege.

Das klingt so, als wären Sie zuversichtlich, was die Zukunft der Pflege angeht.

Hoffmann:Ja, das bin ich. Aber das Problem ist, dass alle Maßnahmen erst in der Zukunft greifen werden. Im Moment hängen wir zehn, wenn nicht sogar 15 Jahre hinterher. Das holen wir so schnell nicht auf. Wir rutschen jetzt in einen richtigen Fachkräftemangel.

Und darauf sind wir nicht vorbereitet?

Hoffmann:Genau. Zudem sind wir auch noch in einer Zeit, in der sich alle um Auszubildende streiten. Alles konkurriert miteinander. Da ist die Pflege nach wie vor die große Verliererin.

Was sind die Konsequenzen?

Hoffmann:Prognosen sind schwer. Es wird irgendwie gehen, aber es wird eindeutig zulasten der pflegenden Angehörigen gehen. Es gibt einfach keinen Plan B.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare