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Erste Hilfe für die Seele

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Von: Rebecca Fulle

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Im vergangenen Jahr wurde die Notfallseelsorge im Landkreis Gießen zu rund 170 Einsätze gerufen. »Etwa 80 Prozent sind häusliche Einsätze«, sagt Leiter Hans-Theo Daum. Aber auch Verkehrsunfälle oder das Überbringen von Todesnachrichten gehören zu den Aufgaben eines Seelsorgers. SYMBOL © Imago Sportfotodienst GmbH

Leiter der Notfallseelsorge, Hans-Theo Daum, erzählt, was die Arbeit ausmacht, wie nah man die Situation an sich heranlassen darf, und warum Kaffeekochen manchmal genau das Richtige ist.

Ein plötzliches Ereignis, das alles verändert - ein Herzstillstand etwa, ein Verkehrsunfall oder ein Suizid. Ehepartner, Verwandte, Freunde bleiben zurück. Zuerst stehen sie unter Schock, dann stellen sich häufig Fragen wie diese: Wie soll das Haus bezahlt, die Kinder groß gezogen, das ganze Leben geregelt werden? Mit solchen emotionalen Szenen hat Pfarrer Hans-Theo Daum bei seiner Arbeit regelmäßig zu tun. Denn er ist Notfallseelsorger.

Seit 2016 leitet Daum die Notfallseelsorge im Landkreis Gießen. »Wir leisten in den ersten Stunden in dieser Ausnahmesituation Beistand«, erzählt der 65-Jährige. Den Menschen soll ein Stück Stabilität vermittelt werden und sichergestellt werden, dass sie nicht allein sind. »Es geht dabei akut um Erste Hilfe für die Seele«, sagt er.

Daum und seine rund 60 ehrenamtlichen Kollegen werden genau wie Rettungsdienst oder Feuerwehr über die Leitstelle gerufen. »Wenn der Notarzt vor Ort den Eindruck hat, dass die Betroffenen noch weiter betreut werden sollten, werden wir gerufen«, erklärt Daum. Über einen Melder werde der Notfallseelsorger, der zu dem Zeitpunkt Rufbereitschaft habe, dann alarmiert.

Dienst ist unabhängig von jeglicher Religionszugehörigkeit

Die evangelische Kirche ist im Kreis Gießen der Träger des Notfallseelsorgedienstes. »Wir arbeiten eng mit der katholischen Kirche zusammen. Die Vertreterin ist Alexandra Haustein«, sagt Daum, der derzeit auch stellvertretender Dekan im Dekanat Gießener Land ist. Auf Wunsch sei es möglich, dass ein Notfallseelsorger die Aussegnung eines Verstorbenen durchführt oder Gebete spricht. »Nichtsdestotrotz ist unser Dienst vollkommen unabhängig von jeglicher Religionszugehörigkeit, Herkunft und anderem.« Etwa ein Viertel des Teams wird von kirchlichen Mitarbeiterin abgedeckt.

Im vergangenen Jahr hatte die Notfallseelsorge im Landkreis rund 170 Einsätze. »Etwa 80 Prozent sind häusliche Einsätze. Aber wir werden auch zu Verkehrsunfällen gerufen.«

Eine wichtige Tätigkeit sei ebenfalls die Überbringung von Todesnachrichten gemeinsam mit der Polizei. Die meisten Einsätze seien Todesfälle, auch häufig Suizide, sagt Daum. »Im Normalfall gehen wir davon aus, dass wir es mit Sterben und Tod zu tun haben, wenn wir gerufen werden.«

Balance zwischen Empathie und Distanz

Doch wie nah dürfen Daum und seine Kollegen die Situation an sich heranlassen? »Es ist die Kunst, die Balance zwischen Empathie und Distanz zu finden.« Empathie sei wichtig, um zu spüren, was für den Einzelnen nötig ist, Distanz, damit man selbst der stabilisierende Faktor im Geschehen bleibe. Der Fokus liege darauf zu vermitteln: »Du bist nicht allein, ich harre mit dir aus. Vielleicht können wir sogar erste Schritte aus dem Chaos machen«. Selbstwirksamkeit sei in dem Zusammenhang ein wichtiger Begriff. Im Einsatz möchten er und seine Kollegen immer sicherstellen, dass die Menschen nicht alleine bleiben. »Wir schauen dann, ob Verwandte oder Freunde vorbeikommen können.«

Wenn bei Hans-Theo Daum der Melder geht, atmet er als erstes tief durch. »Anschließend spreche ich ein kurzes Gebet für die Situation.« Er versuche, möglichst offen und gelassen in die Situation zu gehen. Denn im Dienst muss er sich sehr flexibel auf alles einstellen können. »Es gab Einsätze, da saßen wir eine halbe Stunde schweigend am Küchentisch und haben nur ein paar Sätze gewechselt.« In solchen Situationen habe er als Seelsorger das Gefühl, er habe nichts tun können. »Dann bekomme ich aber das Feedback, wie wichtig es war, dass ich da war«, erzählt er. In anderen Situationen hingegen könne man hochaktiv sein, führe sehr intensive Gespräche. »Es ist ein Geschenk für einen Seelsorger, wenn ein Mensch in so einer Extremsituation diese Nähe zulässt. Das ist nicht selbstverständlich.« Es gebe auch Menschen, die wünschten kein Gespräch. »Auch das respektieren wir. Der Betroffene steht im Mittelpunkt.«

Auf den Impuls des Gegenüber eingehen

Bei einem Einsatz gehe es nach Angaben von Daum auch häufig darum, auf einen Impuls vom Gegenüber zu warten und dann darauf einzugehen. »Da sitzt man mitten im Chaos, im Nebenraum liegt der Verstorbene. Wir sitzen am Küchentisch, plötzlich fragt die Ehefrau, ob sie mir einen Kaffee kochen soll.« Da sei der erste Impuls zu sagen, dass es doch Wichtigeres gebe. »Aber ich sage, dass es eine tolle Idee ist. Denn es ist der erste Impuls, wieder etwas selbst in die Hand zu nehmen. Aus dem Chaos aufzutauchen.«

Auch das Miteinander mit den anderen Einsatzkräften wie Rettungsdienst oder Feuerwehr sei durchweg positiv, hebt Daum hervor. »Da machen wir sehr gute Erfahrungen, das Verhältnis ist von Wertschätzung und Respekt geprägt.« Finanziell werde die Notfallseelsorge auch durch den Landkreis Gießen unterstützt. Daum ergänzt: »Wir freuen uns aber auch immer über eine Spende. Das hilft uns dabei, unsere Leute gut ausstatten zu können.«

NOTFALLSEELSORGE: Nächste Ausbildung startet im März

Um Notfallseelsorger im Kreis Gießen zu werden, können sich Interessierte ab März ausbilden lassen. Den Kurs leiten Pfarrer Hans-Theo Daum und Eberhard Hoppe. Bei den Anmeldungen für die Ausbildung sei mit Blick auf Alter und Beruf alles vertreten, sagt Daum. Die Theorieeinheit dauere bis Mai, danach folgten Hospitationen und Teamtreffen. »Auch läuft jeder mal bei einer Schicht von Rettungsdienst und Polizei mit«, erklärt Daum. Wenn man während der Ausbildung oder auch danach merke, dass es doch nichts sei, könne man immer aussteigen. Anfang November gibt es dann einen Blaulicht-Gottesdienst. »Da werden die neuen Seelsorger offiziell beauftragt.«

Interessierte können sich an Hans-Theo Daum wenden per E-Mail an hanstheo.daum@t-online.de oder telefonisch unter 0 64 06/80 03 53 4.

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