Ein Bild noch aus Zeiten vor Corona: Singen macht glücklich, es fördert die Gesundheit. Doch plötzlich gilt das Singen im Chor als gefährlich. Das macht vielen Vereinen im Kreis zu schaffen. FOTO: DPA
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Ein Bild noch aus Zeiten vor Corona: Singen macht glücklich, es fördert die Gesundheit. Doch plötzlich gilt das Singen im Chor als gefährlich. Das macht vielen Vereinen im Kreis zu schaffen. FOTO: DPA

Gesangvereine in Corona-Zeiten

Erste Chöre im Kreis Gießen treffen sich wieder - "Sehnsucht nach Gemeinsamkeit"

  • vonStefan Schaal
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Die Corona-Pandemie wird die Chöre im Kreisgebiet noch lange einschränken. An Proben mit 20 singenden Senioren in einem engen Raum ist derzeit nicht zu denken. "Es ist eine Katastrophe", sagt ein Chorleiter. Einzelne Gruppen treffen sich trotzdem - unter freiem Himmel.

Die Sehnsucht ist groß - nach dem Miteinander. Und nach der Magie, die beim gemeinsamen Singen entsteht. Seit drei Monaten sind die Gesangvereine im Kreis aufgrund der Corona-Auflagen weitgehend zur Stummheit verurteilt. Doch es gibt erste Chöre, die sich wieder treffen, wenn auch unter ungewohnten Bedingungen und trotz der Nachrichten über die Infektion von 200 Menschen nach einem Gottesdienst mit Chorgesang einer Baptisten-Gemeinde in Frankfurt.

"Es wird keinen Schnellschuss geben"

Groß ist die Sehnsucht auch in der "singenden Stadt", in Pohlheim. Der "Sängerkranz" 1876 Watzenborn-Steinberg hat einen Antrag an die Stadt gestellt, um kurz nach Pfingsten in der Volkshalle zu proben. "Ich würde oben auf der Bühne am Flügel sitzen", sagt Chorleiter Peter Schmitt. Die 30 Sänger sollen unten mit Abstand Lieder anstimmen.

Es ist allerdings schwer vorstellbar, dass die Stadt dies erlaubt. "Wir warten auf das Hygienekonzept des Vereins", sagt Bürgermeister Udo Schöffmann. Erforderlich sei unter anderem eine schriftliche Erklärung jedes Sängers, dass ihm das Risiko bewusst ist. "Jeder müsste in der Halle eine Maske tragen", sagt Schöffmann. Der Verein müsste die Halle nach der Probe desinfizieren. "Singen ist schön", sagt Schöffmann. "Aber vielleicht doch nicht so wichtig, um ein solches Risiko einzugehen." Auch vor dem Hintergrund der Infektionen in Frankfurt könne man Versammlungen von Chören nicht auf die leichte Schulter nehmen. Er fügt hinzu: "Es wird keinen Schnellschuss geben."

Plötzlich gilt das Singen als gefährlich

Währenddessen treffen sich erste Chöre wieder unter freiem Himmel. Am gestrigen Freitagabend hat sich eine Gruppe im südlichen Kreisgebiet zum Singen versammelt, in einem Garten erklang das Lied "I’m still standing". Das Ordnungsamt der Stadt hat das Treffen genehmigt - unter Auflagen wie dem Einhalten von Abständen. "Wenn sich Menschen draußen zum Sport treffen können, dann auch zum Singen", erklärt der Leiter des Ordnungsamts.

Eigentlich macht Singen glücklich, es fördert die Gesundheit. Doch plötzlich gilt das Singen im Chor als gefährlich. In Amsterdam sind nach einem Konzert des "Gemengd Koor" im März viele Mitglieder an Corona erkrankt, vier sind gestorben. Virologen vermuten, dass die Infektionsgefahr auf Aerosole zurückzuführen ist - winzige Tröpfchen, die man beim Singen verstärkt ausatmet und die sich in der Raumluft halten.

"Es ist eine Katastrophe"

Die vor diesem Hintergrund geltenden Beschränkungen machen den Chören im Kreis schwer zu schaffen. "Vor allem für die älteren Mitglieder ist das eine Katastrophe", sagt Peter Schmitt, der unter anderem zwei Chöre in Daubringen leitet. "Die wöchentliche Probe ist ein Mittelpunkt in ihrem Leben." Da gehe es nicht nur ums Singen. "Sie sitzen zusammen, essen gemeinsam. Es ist furchtbar für sie, dass sie jetzt Mittwochabends daheim sitzen müssen."

Ihm fehle der innere Ruhepunkt, den er beim Singen finde, sagt der Vorsitzende des Vereins "Frohsinn" Langgöns, Armin Elmshäuser. Chöre seien ohnehin Kulturgüter, die vom Aussterben bedroht sind. Er vermisse auch den Freund, der im Chor immer neben ihm steht und ihn bisweilen korrigiert. "Wenn ich heute falsch singe, dann zuhause", sagt Elmshäuser - und fügt lachend hinzu: "Das merkt jetzt nur noch die Ehefrau. Die schmeißt dann die Tür zu."

Chöre - ein fragiles Gebilde

Ein Leben ohne Singen könne er sich nicht vorstellen, sagt Axel Pfeiffer, unter anderem Chorleiter der Sängervereinigung Staufenberg. Mit regulären Chorproben in den kommenden Monaten rechnet er nicht.

In Wißmar befüchtet Mike Mülich von der "Germania-Eintracht", dass der klassische Männerchor des Vereins, in dem überwiegend Mitglieder über 70 Jahren singen, durch die lange Corona-Pause "auf Dauer wegbricht".

Chöre seien ein fragiles Gebilde, sagt auch Peter Schmitt. Seine Gruppen verabreden sich wie derzeit viele weitere Chöre im Kreis im Internet. Ein gemeinsames Klangerlebnis sei per Videostream nicht möglich. Aber jedes Mal beobachtet er Szenen, die ihn rühren: "Die Sänger, auch die älteren, winken sich zu, lachen laut, sind nicht zu bremsen." In solchen Momenten spüre er, was das Singen im Chor ausmacht. "Es ist das Gefühl von Gemeinsamkeit."

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