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Frühstücksdosen mit gesunden Sachen gibt es für die meisten Kinder aktuell nicht. Trotzdem sollten Eltern die Ernährung ihrer Kleinen genau im Blick haben. FOTOS: DPA/PM

Corona

Ernährungsberaterin warnt: Kinder werden immer dicker

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Die aktuellen Beschränkungen verändern den Alltag von Kindern massiv. Die Licher Ernährungsberaterin Alexandra Renkawitz fürchtet, dass die Zahl übergewichtiger Kinder steigen wird.

Die Kitas sind geschlossen, die Schulen nur für wenige Jahrgänge eingeschränkt geöffnet. Toben auf dem Spielplatz ist erst seit gestern wieder erlaubt. Sport im Verein? Fehlanzeige. Vielen Kindern fehlt neben den gewohnten Bewegungsmöglichkeiten zudem ein geregelter Tagesablauf mit festen Mahlzeiten - gerade wenn die Eltern mit der Situation überfordert sind.

All diese Faktoren könnten zu einem Anstieg der Zahl übergewichtiger Kinder führen, sagt Alexandra Renkawitz, Heilpraktikerin und Ernährungsberaterin mit einer Praxis in Lich. "Wir haben sowieso schon eine unglaubliche Zunahme an übergewichtigen Kindern. Durch die häusliche Quarantäne wird das Problem sicherlich noch größer werden."

Hinsichtlich der Bewegungsmöglichkeiten seien Kinder auf dem Land prinzipiell in einer sehr viel komfortableren Lage, sagt Renkawitz. Die Frage ist nur: Bewegen sich Kinder automatisch genug, nur weil sie den Platz dazu haben - auch, wenn Spielkameraden fehlen? Renkawitz hat ihre Zweifel. "Hunde und Katzen machen nach dem Aufstehen eine Art Yoga und dehnen sich komplett durch", sagt sie. "Sie tun das aus einem natürlichen Bedürfnis heraus. Das scheint den Menschen immer mehr abhanden zu kommen."

Diese Entwicklung mache auch vor den Kindern nicht Halt. "Ich fürchte, dass auch ihnen der natürliche Bewegungsdrang zunehmend abhanden kommt, weil letztlich die Bequemlichkeit siegt."

Gerade bei Kindern, die sich ohnehin schon zu wenig bewegen, sei eine Verschlimmerung der Situation zu vermuten - eine Entwicklung, die Renkawitz für fatal hält. "Der Dehnungsreiz der Sehne am Knochen führt letztlich dazu, dass sich eine richtig dichte Knochensubstanz aufbaut und ein stabiles Skelett entwickelt", sagt sie.

Wichtig sei dabei auch Vitamin D, was allen Stubenhockern fehle. Insofern schaffe mangelnde Bewegung bei jungen Menschen heute bereits die Osteoporose-Patienten von morgen. "Es ist ein Drama", sagt Renkawitz.

Für größere Kinder und Jugendliche empfiehlt die Expertin in der aktuellen Situation Sportarten wie Skateboardfahren oder Inlineskaten, für kleinere Kinder Bewegungsspiele, wie sie sonst in der Kita oder im Kinderturnen angeboten werden. Jetzt müssten eben die Eltern die Rolle der Betreuer übernehmen und etwa Verse aufsagen, zu denen dann bestimmte Bewegungen gemacht werden. Renkawitz legt direkt los: "Einmal hoch und einmal tief, einmal gerade, einmal schief", singt sie. "Das ist ein ganz goldiges Bewegungsspiel."

Und wer sich mit der Materie überhaupt nicht auskennt, dem hilft ein Blick ins Internet. "Es gibt so viele tolle YouTuber, die 20-minütige Workouts für jede Altersgruppe anbieten, selbst für die Kleinsten", sagt Renkawitz. Sie ist davon überzeugt, dass "digitaler Spaß" und Workouts gut miteinander kombinierbar sind. "Sinnvoll kann es sein, zu einer bestimmten Uhrzeit jeden Tag einen Alarm für eine Bewegungsaktivität zu setzen, damit sich eine Routine entwickelt", rät sie.

Gesunde Routinen hält Renkawitz auch in der Ernährung für wichtig. "Leberverfettungen entstehen ratzfatz", warnt sie. "Und obwohl die Leber ein äußerst regenerationsfreudiges Organ ist, wissen wir doch alle, wie schwer es ist aus ungesunden Gewohnheiten wieder auszubrechen." Ihr Rat lautet daher: "Es erst gar nicht einreißen lassen."

Da die meisten Kinder momentan eben nicht mehr in Kita oder Schule gehen, haben sie eben auch keine Brotdose dabei, die im besten Fall mit frischen und vitalstoffreichen Lebensmitteln bestückt ist. "Wenn sie niemand kontrolliert, wählen sie natürlich nach dem Lustprinzip aus", sagt Renkawitz. Das bedeute häufig: zu süß und zu fett.

Zudem ist die ständige Verfügbarkeit von Essen ein Problem, da Nahrung leicht zur Ersatzbefriedigung und zum Zeitvertreib werde. "Ich habe Kunden, die aufgrund der Corona-Einschränkungen eine Binge-Eating-Symptomatik entwickelt haben", erzählt sie. Der englische Begriff "binge" bedeutet "Gelage" und meint hier einen Verlust über die Kontrolle des Essverhaltens, der sich in periodischen "Fressattacken" widerspiegelt.

Auch bei Erwachsenen sei zu beobachten, dass viele gerade "ohne Ende an Gewicht zulegen", sagt Renkawitz. Oftmals fehle der Instinkt, die Energiemenge, die man in Form von Nahrung zu sich nehme, an den Grund- und Leistungsumsatz des Körpers anzupassen, wodurch Übergewicht hervorgerufen würde.

Da Kinder sehr stark vom Lustprinzip gesteuert werden, sieht sie die Eltern in der Verantwortung. Diese müssten darauf achten, dass die Kost vital- und mineralstoffreich sei und viele sekundäre Pflanzenstoffe beinhalte. "Wenn die Ernährung aus Aufbackpizza und Gummibärchen besteht, dann sind das leere Kalorien, die nichts Sinnvolles zur Versorgung des Körpers beitragen", sagt sie. Es sei wichtig, so viel Haushaltszucker und Primitivfette wie möglich einzusparen und den Kindern eine bunte Kost zu bieten.

Wenn das Kind etwas Süßes wolle, könne man aus pürierten Beeren und Naturjoghurt schnell etwas Leckeres zubereiten. "Wenn unsere Ernährung aufgrund von Corona extrem schmalspurig wird, entstehen Stoffwechselerkrankungen", warnt sie. Das hinterher wieder ins Lot zu bekommen, koste viel Geld und Zeit. "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in einen Abwärtsstrudel geraten."

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