Erinnerungsarbeit

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In den Biebertal-Dörfern macht man sich jetzt auf den Weg, an die Opfer des Faschismus zu erinnern. Die SPD hat angeregt, die Schicksale von Bürgern aufzuarbeiten, die im Nationalsozialismus verschleppt, gepeinigt, ermordet wurden. Die Idee: Den Künstler Gunter Demnig um das Verlegen von Stolpersteinen anzufragen.

Der nationalsozialistische Terror hat auch in den Biebertal-Dörfern viele Opfer gefordert. Da sind zuvörderst die toten Männer zu nennen: Die Väter, Brüder, Ehemänner, Söhne, die auf den Schlachtfeldern der Welt in dem von Deutschland angezettelten Krieg gefallen sind. Da sind zum anderen Menschen, die aufgrund ihrer Religion, ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer politischen Gesinnung oder einer Erkrankung Opfer faschistischer Gewalt geworden sind.

In der Gemeinde haben die Sozialdemokraten jetzt eine Diskussion angestoßen, um Biografien aufzuarbeiten und den Opfern der Naziherrschaft ein Denkmal zu setzen; durch das Verlegen von "Stolpersteinen" durch den Künstler Gunter Demnig. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, in ganz Europa Stolpersteine zu setzen vor den Häusern, die der letzte frei gewählte Wohnsitz von Menschen waren, die von den Nazis vertrieben, verhaftet, deportiert, gequält oder getötet wurden.

"In Zeiten, in denen sich Anschläge auf Menschen anderer Hautfarbe, Kulturen und Glaubensrichtungen mehren und offen von einer erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad in Verbindung mit der deutschen Geschichte von 1933 bis 1945 geredet wird, ist es nötig, sich diesem Gedankengut entgegenzustellen", sagt Sozialdemokrat Sebastian Kleist. Er hat jetzt in der Gemeindevertretung dafür geworben, die Schicksale der NS-Opfer aufzuarbeiten - gemeinsam etwa mit den lokalen Heimat- und Geschichtsvereinen, der Gemeinde selbst und interessierten Bürgern.

Die Initiative stieß auf breite Zustimmung bei der Mehrheit der Gemeindevertreter; es gab lediglich eine Gegenstimme und drei Enthaltungen aus der Fraktion der CDU.

Offene Fragen

Aber auch offene Fragen, wie die Diskussionsbeiträge von Freien Wählern und CDU zeigten: CDU-Fraktionschef Thorsten Cramer, Vorstandmitglied im Heimatverein Rodheim-Bieber, hat schon einmal ins Archiv geschaut und wusste von zwei Frauen aus Rodheim-Bieber, die nach Hadamar gebracht wurden und nicht wieder heimkehrten. Zudem benannte er zwei Fellingshäuserinnen, die aufgrund ihres Glaubens in Konzentrationslagern inhaftiert wurden, aber nach Kriegsende "unversehrt" wieder nach Hause kamen.

Just um diese Formulierung, "unversehrt", entspann sich ein kleiner Disput: Cramer erntete umgehend Widerspruch aus der SPD, die ihm vorhielt, dass niemand unversehrt aus KZ-Haft zurückkam. Körperlich vielleicht - aber wohl kaum psychisch, verwies Thomas Prochaska (SPD) auf dort erlittene Traumata der Menschen.

Die Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler, Inge Mohr, mochte sich mit der Idee der Stolpersteine noch nicht recht anfreunden. Sie regte an, über eine Skulptur oder ein Mahnmal, womöglich von einem heimischen Künstler, nachzudenken. Dies könnte an einem zentralen Ort aufgestellt werden.

Die Kosten für Stolpersteine, so die Idee der SPD, sollten von der Gemeinde übernommen werden. Zur Deckung könnte zudem ein Spendenaufruf an die Bürger erfolgen. Auch Patenschaften sind denkbar. Ein Stein kostet 120 Euro. Ein Stolperstein trägt jeweils den Namen, Geburts- und Todesdatum sowie den Ort, an dem der Mensch zu Tode gebracht wurde.

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