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Erinnerungen an den Gallmärt anno dazumal

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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1946, der Krieg war nur ein gutes Jahr vorüber, wurde in Grünberg erstmals wieder Gallusmarkt gefeiert. Noch im kleinen Rahmen zwar, aber immerhin. Zwei Jahre später gab es auch wieder die offizielle Eröffnung am Dienstagabend; samt Bummel durch die Kneipen der Stadt. Womit die 1929 begonnene Tradition ihre Fortsetzung fand (die GAZ berichtete).

Und dieses Jahr? Corona hat nicht nur die Markteröffnung, sondern das komplette Marktgeschehen verhindert. Die Verantwortlichen von Stadt und Gallusmarktkommission geben sich redlich Mühe, an die Traditionen des Jahrmarktes zu erinnern. Klar ist aber auch, dass trotz aller Bemühungen die Wehmut gerade der eingeborenen Grünberger groß ist. Kein ausgelassenes Feiern in den Lokalen. Kein Marktbummel, bei dem man zu 100 Prozent all jene trifft, die man nur einmal im Jahr trifft. Kein Frühschoppen mit der Wurzelbürgerbürsterei.

Dass die Absage des Volksfestes erst recht den Mitgliedern der Gallusmarktkommission "Herzeleid" verursacht, versteht sich von selbst. Zu dieser Spezies zählt auch Dr. med. dent. Werner Faust, Bürstmeister von 1984 bis 2004. Erst recht seit dem Ruhestand widmet er sich der Geschichte. Gerade, was das "Oktoberfest der Oberhessen" anbelangt, kann er auf einen reichen Erfahrungsschatz und einen nicht minder ergiebigen Fundus an Dokumenten verweisen. Wozu etwa uralte Ansichtskarten auszählen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Jahrmarkt-Szenen auf der 1897 versandten Karte haben nichts mit Grünberg zu tun, zumindest ist nichts von einer Riesendame oder von einer der menschenverachtenden "Völkerschauen" mit Südsee-Insulanern überliefert.

Verbürgt aber ist, was die Absender der Karten tatsächlich auf dem Juxplatz zu sehen bekamen: "Fernando, Krämer, Zuckerschmidt, das sind die Namen der wichtigsten Unternehmen, die in den Jahren nach der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg ganz regelmäßig auf den Gallusmarkt kamen." So schrieb Heinrich Christian Schmidt in seinem Büchlein "Anno dazumal".

Der Name "Fernando" steht dabei für einen Kinematografen. "Krämer" für ein zweistöckiges Karussell, gezogen von einem Pferd, gebremst von älteren Knaben, die sich auf ein über den Boden schleifendes Brett stellten. Und Zuckerschmidt? Nun, hier war der Name Programm, zählten "Veilchenguts", Lakritz und "Stundenlutscher" zum verführerischen Angebot.

Um vom Ehrenwurzelbürger Heinrich Christian Schmidt zum Ehrenbürstmeister zurückzukommen: Werner Faust (Jahrgang 1945) hat immer wieder mal zur Feder gegriffen, seine Gedanken über die Zeitläufte im Allgemeinen und den Gallmärt im Besonderen in Reimform gebracht. Gerade in diesen surreal anmutenden Tagen, da ein nur Nanometer großer Virus unseren Alltag beherrscht, dürften sie willkommen sein. Zitiert seien zunächst einige Zeilen aus dem Gedicht "Gallmärt":

"De Niwwel hängt eam Brunnental / des Laab fällt vo de Beem / die Äcker sei dr’ wai gebotzt / jetzt hot mer Zeit deheem. (...) Ian alle Stroase hänge Fähnchen / ian ruut ean weiß ean blo / (...) Vom Vuelsberg, de Roawenau / meat allerlei Gefährt / do mächt mer sich noach Grimmich off / dann do eas wirrer Märt (...).".

Am Ende, noch "druckfrisch", ein paar Zeilen aus seinem jüngsten Gedicht "Es wär’ so schön gewesen":

"Vielleicht hat’s Ganze doch en Seann / damit die Leut vernünftig werrn / sich oh das hahle woas gesaht (...) Doas se Abstand hahle voennee / mit Maske sei se nur zu seh / die Hänn sich wäsche so beizeire / doas kann des Virus goarnit leire / wann mir uns dodroff all besinne / dann kann des Virus nix gewinne / dann feiern mir halt nächstes Jahr / de Gallmärt wie er immer war.tb/FOTO: TB

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