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Architekt Paul-Martin Lied hat sich auf Spurensuche von Le Corbusier begeben. Links: Die Zeichnung der geplanten, aber nicht gebauten Klipstein-Villa (Quelle: Charles-Édouard Jeanneret (Le Corbusier, 1887-1965), Projekt der »Klipstein-Villa« in Laubach, 1914. Kopie der Zeichnung. Sammlung der Geschwister-Klipstein-Stiftung Laubach).

Erinnerungen an ein Genie

  • Nastasja Akchour-Becker
    vonNastasja Akchour-Becker
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Er ist einer der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts: Le Corbusier. Als er im April 1911 »zwölf ganz phantastische Tage« in Laubach verbracht hat, wie er selbst in einem Brief schrieb, lag seine Karriere noch vor ihm. Paul-Martin Lied hat sich auf Spurensuche begeben und die Informationen über den Oberhessenbesuch zusammengetragen.

Ganz unerwartet ist Paul-Martin Lied aus Lich beim Aufräumen des Büros auf einen alten Zeitungsausschnitt gestoßen. »In einem Nebensatz wurde erwähnt, dass Le Corbusier in Laubach bei Familie Klipstein zu Gast war«, erzählt er begeistert. Denn eigentlich ging es in dem Artikel um Editha Klipstein (1880-1953), die Schriftstellerin, die mit dem Roman »Anna Linde« 1935 ihr Debüt feierte und mit dem Maler Felix Klipstein (1880-1941) in Laubach lebte.

»Da war natürlich sofort mein Interesse geweckt«, sagt Lied, »denn schließlich haben wir Le Corbusier beim Architekturstudium in Darmstadt in den 1980er Jahren oft durchgenommen. Jeder Bleistiftstrich von ihm ist von mindestens fünf Fachleuten interpretiert worden.« Manche Studenten sind zu einigen seiner berühmten Bauwerken gepilgert, wie etwa der Villa Savoye (1929/31), dem Wohnhaus in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung (1927) oder dem Wohnkomplex Unité in Berlin (1958), der Kapelle in Ronchamp (1955) oder dem Kloster La Tourette (1960) bei Lyon. »Er war für uns sehr inspirierend.«

Denn in der Tat ist Charles-Édouard Jeanneret-Gris, der 1887 als Uhrmachersohn in der Schweizer Stadt La Chaux-de-Fonds geboren wurde und sich später selbst das Pseudonym Le Corbusier, angelehnt an den Namen seiner Urgroßmutter Lecorbésier und dem französischen Wort für Rabe, »corbeau«, gab, einer der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts - neben einigen Bauhaus-Architekten. »Und dabei hat er nie studiert, er hat sich alles autodidaktisch beigebracht«, erläutert Architekt Lied.

Als er damals nach Laubach kam, lag dieser Weg noch vor dem jungen Jeanneret. Es war der Freundschaft zu August Klipstein (1885-1951), Felix Klipsteins Bruder, geschuldet, dass der Schweizer Ende April 1911 Oberhessen besuchte. Beide lernten sich während Augusts Studium in München kennen und schlossen schnell Freundschaft. Während des Aufenthalts in Laubach wollten sie ihre Orientreise planen. Doch Jeanneret lernte auch Felix und Editha Klipstein kennen und fertigte im Anschluss im Jahr 1914 für sie Skizzen für ein Atelierhaus, die sogenannte Klipstein-Villa, oberhalb des heutigen Schwimmbads an. Es sollte einen Innen-Rosengarten und eine Pergola haben, über die man laufen kann. »Zwei Gebäude werden durch sie miteinander verbunden«, berichtet Architekt Lied. »Generell ist das Ganze sehr vom Mittelmeerraum beeinflusst.«

»Aus der Umsetzung wurde leider nichts«, berichtet Lied. Im Zuge der Inflation verlor das Ehepaar Klipstein sein Vermögen und konnte sich den Bau nicht mehr leisten. Aus dem heute noch in Laubach anzutreffenden Klipstein-Turm, in dem die Enkelin von Editha und Felix lebt, zog das Ehepaar in ein Waldhaus, für dessen Anbau Jeanneret auch Ideen lieferte. 1911 hatte Jeanneret auch die Räume des Stadtturms ausgemessen, schreibt Editha in ihren Erinnerungen. Immer habe ihn interessiert, wie die Größe eines Plans alle theatralischen Vorstellungen von äußerer Größe und Pracht übertrumpft, erinnert sie sich.

Die Reise, die Le Corbusier gut einen Monat später mit August Klipstein antrat und die die beiden in sechs Monaten von Dresden über Prag, Wien, Budapest, Belgrad und Bukarest nach Istanbul führte, und über den Berg Athos und Athen und Italien zurück, nahm auch Einflüsse auf sein späteres Schaffen. Beide Freunde hinterließen auch reich bebilderte Tagebücher zur Reise.

Den Kontakt zu den Klipsteins hielt Le Corbusier auch danach weiter. Editha und Felix besuchten ihn anlässlich der Weltausstellung 1937 in Paris. August wurde Kunsthändler in Bern. Auch nach seinem Tod hatte Le Corbusier noch intensiven Briefkontakt mit dessen Witwe. »Wenn ich die Aufzeichnungen lese, wird Le Corbusier plötzlich ganz menschlich«, sagt Lied. »Früher wirkte er immer kühl und unnahbar.«

Die Tage in Laubach beschreibt Le Corbusier in einem Brief an den Schweizer Schriftsteller William Ritter, den man bei Guiliano Gresleri »Le Corbusier. Reise nach dem Orient« nachlesen kann, so: »Ich habe zwölf phantastische und unvorhersehbare Tage in Laubach verbracht. Mitten in Hessen, weit von jeder Stadt entfernt.« Er bezeichnet Laubach als ein »pittoreskes Dorf« und zählt auf: »Misthaufen, spitze Giebel mit auf unverschämte Weise unregelmäßigen Holzfeldern: Hühner, Gänse, Schweine usw. All das sieht man von hier aus.« Der Gastwirt heiße Peter, so schreibt er weiter. Und fast jeden Abend habe man sich um 23 Uhr gegenseitig daran erinnert, »zu ihm zu gehen, um ein Glas Apfelwein für 2 Pfennige zu trinken«.

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