+
Kontaktlose Übergabe: Justine Augenstein, Mitarbeiterin von "Essen auf Rädern" des Oberhessischen Diakoniezentrums in Laubach, reicht Stefan Herwig die Warmhaltebox für dessen 80-jährige Mutter. FOTO: TB

Corona-Krise

Erhöhte Vorsicht: "Essen auf Rädern" in Zeiten der Krise

  • schließen

Beim Kampf gegen das Corona-Virus stehen die Risikogruppen im Fokus. Melanie Parusel und ihr Team vom Diakoniezentrum Laubach haben das stets im Hinterkopf, ihre zumeist betagten Kunden von "Essen auf Rädern" verlassen sich darauf.

Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen", sagt ein altes Sprichwort. Doch was, wenn der Mensch körperlich oder geistig nicht mehr in der Lage ist, sich ein warmes, gesundes Mahl zuzubereiten?

Seit vielen Jahren bereits gibt es dafür das Angebot des Oberhessischen Diakoniezentrums Johann-Friedrich-Stift (OD) mit Sitz in Laubach. Neun Kolleginnen in der Küche bereiten an sieben Tagen die Woche warme Speisen frisch zu. Tag für Tag werden 450 Essen ausgeliefert, 300 für die Altenheime des OD in Laubach, Lich und Hungen. Der 14-tägige Menüplan umfasse jeweils zwei Gerichte - eins mit, eins ohne Fleisch, erklärt Melanie Parusel, die für "Essen auf Rädern" Verantwortung trägt.

Klar, dass die Corona-Krise auch sie vor bislang ungekannte Herausforderungen stellt: "Wir müssen jeden Tag neu angehen", sagt die Bereichsleiterin.

Nicht mal ein Augentkontakt

"Mir schmeckt es", versichert an diesem späten Vormittag Karin Loren. Die 79-Jährige ist in Freienseen zu Hause. Die in Zeiten von Corona gebotene kontaktlose Übergabe ist hier kein Problem, führt doch ein Fenster zum Hof. Ausfahrerin Justine Augenstein stellt die Warmhaltebox ab, wartet kurz, bis die Seniorin erscheint - und schon geht es weiter zur nächsten Adresse in der Rinnstraße. Dort allerdings gibt es an diesem Tag nicht mal einen Augenkontakt mit der Kundin, der 80-jährigen Irene Herwig. Sohn Stefan tritt vor die Tür und nimmt die Box entgegen.

Die beiden Freienseener sind nur zwei von 150 Kunden aus dem Kerngebiet Laubach, Lich und Hungen, hinzukommen Senioren in Grünberg.

Ihre Bestellungen wandern von der Küche im Pflegezentrum "Laubacher Stift" direkt in die Autos, um zügig an den Mann oder die Frau gebracht zu werden. Dank der speziellen Transportboxen mit dem bezeichnenden Namen "Thermoport" sollen die Speisen ganze drei Stunden warm bleiben, kein Kunde muss sich also hetzen. "Wir liefern nicht nur Essen, wir schenken unseren Kunden auch ein offenes Ohr und immer ein Lächeln. Dies ist uns ein Anliegen: Menschen zu helfen und ihnen Menschlichkeit zu vermitteln. Es entspricht unserem diakonischen Leitbild", betont an dieser Stelle Bereichsleiterin Parusel.

Nur: Seitdem es Kontaktsperre und Abstandsgebot gibt, falle etwas nahezu flach, das allen im Team doch so wichtig sei: Gespräche, bei denen man zur Freude der Kolleginnen und Kollegen die Wertschätzung der Senioren erfahre, die allen zugleich Bestätigung ihrer Arbeit sei.

Wie überall in der Republik, so gelten selbstredend für die Mitarbeiter von "Essen auf Rädern" strenge Hygieneregeln. Regelmäßige Desinfektion der Transportfahrzeuge und Behälter, das Wechseln der Handschuhe nach jeder vierten Auslieferung sind Pflicht - und auch möglich, da alles zum Schutz vor dem Virus Nötige "aktuell noch ausreichend vorhanden ist". Mundschutzmasken braucht es hier in der Regel nicht. Erfolgt doch die Auslieferung ohne Kontakt zu den Kunden. Dafür werden die Boxen vor die Haustür, auf eine Fensterbank oder auf die Terrasse hinterm Haus abgestellt. Ein- oder zweimal geklingelt, und der Kunde oder ein Angehöriger weiß Bescheid. Und wenn nicht, helfen Nachbarn oder der Pflegedienst.

Nur in zwei Fällen, da die Senioren stark behindert sind, gehen die Fahrerinnen noch ins Haus, stellen die Box vor der Korridortür ab, klopfen an und eilen weiter. "Auch wenn in diesen Tagen die Übergabe schwieriger ist, bislang haben wir noch für jeden eine Lösung gefunden", unterstreicht die Chefin des Lieferdienstes der Diakonie.

"Auf Dauer darf das nicht so bleiben"

Was keinen verwundern darf: Auch dieser Service verzeichnet seit Ausbreitung der Pandemie eine erhöhte Nachfrage und musste bereits eine Warteliste erstellen, auf der bislang rund 15 Namen stehen. "Opa, du bleibst jetzt daheim und lässt dir dein Essen bringen", zitiert Parusel eine junge Frau, die gerade noch auf die Kundenliste kam.

Dass inzwischen auch "Essen auf Rädern" vom OD am Limit angelangt ist, liegt wider Erwarten weder am Personalmangel noch an der Kapazität der Küche. Woran dann? Die Firma, die die speziellen Warmhalteboxen liefert, komme nicht mit der Lieferung nach. Drei bis vier Wochen müsse man derzeit auf eine Bestellung warten,

Um am Ende nochmals ihr Leid über die Folgen der Krise zu klagen: Gerade bei ihrer Klientel - die Kunden sind alle über 70 Jahre alt, einige bettlägerig, andere dement - sei der persönliche Kontakt, die Ansprache der alten Menschen so wichtig. Statt einem Plausch in der Wohnung bleibe da oft nur ein freundliches Winken durch die Fensterscheibe. Melanie Parusel: "Auf Dauer darf das nicht so bleiben."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare