Erheblich beeinträchtigt

  • Rüdiger Soßdorf
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Nachdem er im Wahn in Heuchelheim auf seine Ehefrau eingestochen hat, bleibt ein 28 Jahre alter Mann vorerst in der geschlossenen Psychiatrie.

Ihre Ehefrau hat es auf den Punkt gebracht: Sie will nicht, dass Sie bestraft, sondern dass Sie behandelt werden - dass Ihnen geholfen wird". So erläuterte Richterin Regine Enders-Kunze Salem A. das Urteil des Schwurgerichts. Ihm solle geholfen werden, sodass er zu seiner Familie zurückkehren könne - wenn er genesen ist.

Just deshalb bleibt Salem A., ein 28 Jahre alter Syrer, in einer psychiatrischen Klinik und soll sich dort einer weiteren Behandlung unterziehen.

Der junge Mann hatte im März dieses Jahres seine Frau in der gemeinsamen Wohnung in Heuchelheim mit mehreren Messerstichen lebensgefährlich verletzt. Die Frau konnte flüchten. Der Mann aber verschanzte sich mit seinen drei kleinen Kindern für mehrere Stunden in der Wohnung. Erst ein Spezialeinsatzkommando der Polizei beendet das Drama in den späten Abendstunden. Was hat den Mann zu der Gewalttat veranlasst, die das Gericht als gefährliche Körperverletzung einstuft? Ein versuchter Totschlag wird nicht unterstellt, da A. nach der Attacke seiner blutüberströmt flüchtenden Frau nicht nachgesetzt hat. Warum die Unterbringung in der Psychiatrie? Der Mann selbst sagt, er habe keine Erinnerung an die Ereignisse. Er zweifelt aber nicht an den Aussagen seiner Frau und weiterer Zeugen.

Salem A. kann für seine Tat nicht zur Rechnenschaft gezogen werden, ist sich das Gericht sicher, nachdem in den vergangenen Wochen eine Vielzahl von Zeugen gehört wurden, darunter ein behandelnder Arzt und am gestrigen letzten Verhandlungstag nochmals ein psychiatrischer Gutachter. Denn der junge Mann leidet laut Gutachter Dr. Rainer Gliemann unter einer akuten schizophrenen Psychose mit paranoiden Vorstellungen. Als er mit dem Messer auf seine Frau losging, sei seine Steuerungsfähigkeit sicherlich erheblich beeinträchtigt gewesen, wenn nicht gar abhanden gekommen, so Gutachter Gliemann. Vereinfacht ausgedrückt: Er gilt als schuldunfähig. Deshalb war es kein Strafverfahren im eigentlichen Sinne, sondern ein so genanntes Sicherungsverfahren.

A. wurde als neuntes von zwölf Kindern eines Tagelöhners in Südsyrien geboren und ging als 13-Jähriger in den benachbarten Libanon, um dort als Servicekraft in einem Café zu arbeiten. In Beirut lernte er auch seine Frau kennen, die er mit 21 Jahren heiratete. 2016 kam das Paar über die Balkanroute nach Deutschland, lebte mit den Kindern in Heuchelheim. Er besuchte zwei Deutschkurse, aber beruflich stabil Fuß zu fassen, das gelang nicht.

Inwieweit der regelmäßige Konsum von Haschisch bei der Erkrankung des Mannes eine Rolle spielte, erörterte der Gutachter ebenfalls. Gliemann vertritt die Auffassung, dass der Stoff den Ausbruch der psychischen Erkrankung ausgelöst haben könne. Nach Einschätzung des Gutachters sei es durchaus möglich, dass die Psychose wieder aufflammen könnte, wenn A. wieder Haschisch konsumiere oder aber wenn er seine Medikamente weglasse, die ihn derzeit stabilisierten.

Der Mann wird von Nachbarn und Freunden sowie der Ehefrau im Zeugenstand als freundlich und unauffällig charakterisiert, als liebevoller und treu sorgender Ehemann und Vater mit einem besonders innigen Verhältnis zu einem seiner Söhne, der an Autismus leidet. In der ersten Hälfte des März veränderte er sich jedoch: Salem A. fühlte sich verfolgt, äußerte Ängste, mutmaßte, dass auf einem Baukran gegenüber der Wohnung eine Kamera einzig zur Überwachung seiner Person installiert sei. Sein Verhalten eskalierte binnen weniger Tage. So gab es eine Auseinandersetzung mit Nachbarn, dann drang er in eine nahe gelegene Aldi-Filale ein, wandte sich dort hilfesuchend ans Personal. Dreimal wurde der Mann binnen weniger Tage in eine psychiatrische Klinik in Gießen gebracht. Dreimal wurde er binnen kurzem wieder entlassen - weil er wohl keine Gefahr für sich selbst oder andere sei und keine Gründe für eine zwangsweise Behandlung gesehen wurden.

Man habe hier über ein trauriges Schicksal zu entscheiden, sagte der Rechtsbeistand des jungen Syrers. Er kommentierte mit Blick auf den dreifachen Besuch der Psychiatrie vor der Tat: "Wir müssten hier nicht sitzen, wenn andere Stellen vorab sorgsamer gearbeitet hätten". Der Verteidiger plädierte dafür, Alternativen zur Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie zu prüfen und warb dafür, die stationäre Behandlung unter strengen Auflagen und flankierenden Maßnahmen zur Bewährung auszusetzen. Immerhin sei A. bis zum März völlig unauffällig gewesen, und seine Frau stehe hinter ihm. Dem wollte das Gericht um Vorsitzende Regine Enders-Kunze aber aus Sicherheitsgründen nicht folgen und schloss sich der Einschätzung des Gutachters an: Ohne stationäre Therapie könnte es wieder eskalieren.

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