Erfolgsstory ohne Happy End

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Zwölf Jahre lang war Bernd Klein Bürgermeister von Lich. Er hat viel gearbeitet, viel erreicht und wird von vielen geschätzt. Heute ist der letzte Tag seiner Amtszeit. Doch der Erfolgsstory fehlt das Happy End.

Er hat den Mitarbeitern der Stadtverwaltung adieu gesagt. Er hat sich mit einem letzten Weihnachtsbrief im Wochenblatt an die Bevölkerung von Lich gewandt. Aber eine offizielle Verabschiedung mit Rückblicken, Dankesworten und guten Wünschen hat es nicht gegeben. Ganz still und leise geht am heutigen Mittwoch in Lich die zwölfjährige Amtszeit von Bürgermeister Bernd Klein zu Ende, der 52-Jährige hat es so gewollt.

Im Chefzimmer der Stadtverwaltung wird tags darauf Julien Neubert Platz nehmen. Klein selbst wird, wie seit Donnerstag bekannt ist, am 1. Februar als Geschäftsführer beim Oberhessischen Diakoniezentrum in Laubach beginnen.

Dass der künftige Licher Rathaus-Chef ein wohlbestelltes Haus übernehmen kann, darauf hat Bernd Wieczorek, der Bürgermeister von Lollar, schon bei Neuberts Amtseinführung hingewiesen. Und er machte auch keinen Hehl daraus, dass die Bürgermeister-Kollegen eine dritte Kandidatur Kleins sehr begrüßt hätten. Doch der entschied sich anders. Noch lange bevor der Streit ums Logistikzentrum an der Langsdorfer Höhe die geordneten Licher Verhältnisse durcheinanderwirbelte, hatte er seine Entscheidung getroffen: Zwei Amtszeiten sind genug.

Rückblende ins Jahr 2007: Kleins Wahlsieg war für die Licher SPD ein Triumph. Nach 24 Jahren unter CDU-Regie stellten die Sozialdemokraten in einer der wichtigsten Städte des Landkreises wieder den Bürgermeister. Klein ist kein impulsiver Typ. Er arbeitet nach Plan, und so hatte er sich seine Kandidatur wohlüberlegt. Für ihn, das hat er später erzählt, sei nur eine Bewerbung in einer Kommune mit gestalterischem Potenzial infrage gekommen. Lich passte ins Schema.

Gesellschaftlich etwas bewirken, die Dinge voranbringen: Auf diese Beweggründe hat sich der Mann, der in der Gießener Weststadt aufgewachsen ist und für den die sozialdemokratischen Bildungsversprechen der 70er Jahre Wirklichkeit geworden sind, seit jeher berufen. Und wenn er sich ein Ziel gesetzt hat, dann will er es auch umgesetzt sehen. "Er gibt immer Druck aufs Kärrnchen", weiß Landrätin Anita Schneider.

Die Dynamik hat Wirkung gezeigt. Lich hat aktuell 14 650 Einwohner, 700 mehr als noch vor zehn Jahren. Vor allem in der Kernstadt entstanden Neubaugebiete, die sich bald schneller verkauften, als dass man sie ausweisen konnte. Die Stadt ging dabei finanziell nicht in Vorleistung, alle Grundstücke wurden von Investoren erschlossen und vermarktet. Manche alteingesessene Licher betrachten dieses Wachstum mit Unbehagen. Doch Klein hat stets die Überzeugung vertreten, dass die Stadt ihre Standortvorteile ausspielen muss: "Schrumpfende Einwohnerzahlen setzten eine Spirale des Niedergangs in Bewegung", hat er vor zwei Jahren in einem Interview betont und hinzugefügt: "Für die Gemeinschaft aller hier in Lich Lebenden ist der Zuzug ein Mehrwert."

Stolz hat sich der scheidende Bürgermeister auch stets über den Schuldenabbau bei gleichzeitigen Investitionen in die Infrastruktur geäußert. Nicht nur Hallen und Bürgerhäuser wurden saniert. Geld floss auch in die Erneuerung etlicher Gemeindestraßen. Allerdings nicht immer zur Freude der Anlieger, die zu den Kosten herangezogen wurden. Wie die Frage von Straßenbeiträgen künftig gehandhabt werden soll, ist eine Frage, der sich der künftige Bürgermeister zu stellen haben wird.

Dass Lich so boomt, hat sich Klein nie allein zugeschrieben. Stets hat er auf die gute Zusammenarbeit im Stadtparlament verwiesen und auf die Bereitschaft zahlreicher Bürger, sich zu engagieren. Ohne sie gäbe es die Stadtbibliothek nicht und auch nicht den Dorf- und Kulturladen in Eberstadt, den Bürgerpark, die Aktivitäten der Turmfreunde, den Internationalen Garten und vieles mehr.

Die Formel war schlicht: Ohne Fleiß kein Preis. Wenn Bürger die Dinge selbst in Bewegung setzten, durften sie auf die Hilfe der Stadt zählen. Dass der Bürgermeister notfalls hart sein konnte, hat sich am Beispiel des Waldschwimmbades gezeigt. Als sich 2010 die Pächter verabschiedeten, drohte er mit der Schließung. Rasch sprang mit dem neu gegründeten SEK auch hier ein Verein in die Bresche.

Geschätzt wurde Klein für sein überörtliches Engagement: "Er hat erkannt, dass man manche Fragen nur interkommunal lösen kann", sagt Landrätin Schneider und verweist auf den Breitbandausbau. "Ich weiß nicht, ob das ohne Bernd Klein so geklappt hätte." Auch sein Engagement für den sozialen Wohnungsbau führt sie an. "Ich fand, er hatte genug Elan und Esprit für eine dritte Amtszeit." Dass er sich anders entschieden habe, sei zu respektieren.

Eine weitere Zusammenarbeit mit Klein hätte sich auch Erste Stadträtin Barbara Kröger gut vorstellen können. "Es war ein offenes und aufrichtiges Miteinander", sagt sie. "Er hat sich immer Zeit genommen und die Dinge transparent gemacht."

Doch Klein hat sich nicht nur Freunde gemacht. Seinen ersten großen Kampf focht er 2010 aus, als er, einer Forderung des RP folgend, gegen erheblichen Widerstand die Einbahnstraßen-Regelung in der Altstadt durchdrückte. Er ging davon aus, dass ihn von nun an nichts mehr schocken könne. Er hat sich getäuscht. Dass man ihm den Vorgarten verwüsten, den Klingeldraht durchtrennen, Unrat und anonyme Drohbriefe in den Briefkasten stecken und ihn als Lügner titulieren würde, hätte er sich damals noch nicht vorstellen können.

Solche Erlebnisse bescherte ihm erst die Kontroverse um das Logistikzentrum an der Langsdorfer Höhe. Die Lust auf öffentliche Belobigungen war ihm danach wohl vergangen. Und so endet Kleins Amtszeit nicht mit einer Abschiedsfeier, sondern mit einem Wunsch, geäußert im letzten Weihnachtsbrief: "Ich wünsche mir zum Abschluss dieses Jahres und meiner zwölfjährigen Amtszeit, dass wir wieder näher zusammenrücken und uns wieder freundlich und höflich begegnen."

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