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Er hat den Holocaust überlebt

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Von: Rebecca Fulle

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Mieczyslaw Grochowski ist mittlerweile 83 Jahre alt. Als er vier war, wurden er und seine Familie aus Danzig in das KZ Stutthof deportiert, da sie ihre polnische Identität nicht aufgeben wollten. An der Pohlheimer Adolf-Reichwein-Schule erzählt er von dieser Zeit. © Rebecca Fulle

Am Freitag ist Internationaler Holocaust-Gedenktag. Aus diesem Anlass war Mieczyslaw Grochowski, ein Überlebender der Nazi-Gräueltaten, am Dienstag an der Adolf-Reichwein-Schule zu Gast und erzählte seine Geschichte. Doch es ging nicht nur um die Vergangenheit. »Mit dem Ukraine-Krieg fühle ich mich wieder unsicher«, sagte Grochowski.

Ein 83 Jahre alter Mann tritt vor die neunten Klassen der Adolf-Reichwein-Schule in Pohlheim. »Mein Name ist Mieczyslaw Grochowski«, sagt er. »In Auschwitz hat ein Häftling in einem Bunker mit den Nägeln an die Wand gekratzt: ›Unsere Schatten rufen nicht nach Rache, sondern nach Erinnerung.‹ Und dafür bin ich hier.«

Aus Anlass des Internationalen Holocaust-Gedenktages am nächsten Freitag ist Grochowski zu Besuch in der Aula der Pohlheimer Schule. Etwa 80 Schüler sitzen auf den Plätzen. Was sie hören, ist eine Vita, die sie innehalten lässt, ob all der Gräueltaten, die der Mann erleben musste. Vieles ist für sie schier unvorstellbar, vieles animiert sie zu Nachfragen. Für Grochowski ist es wichtig, über das Geschehene mit ihnen zu sprechen, eine Erinnerungskultur aufrechtzuerhalten.

Als jüngstes von acht Kindern wird er 1939 im polnischen Pommern geboren. »Da dort viel Deutsch gesprochen wurde und das Ziel der Nationalsozialisten die Germanisierung war, sollten sich die Menschen in eine Volksliste eintragen, um Deutsche zu werden«, erzählt er. Seine Familie weigerte sich, da sie ihre polnische Identität nicht aufgeben wollte. 1943 wurde sie daher in das Internierungs- und Arbeitslager Lebrechtsdorf-Potulitz gebracht, ein Außenlager des KZ Stutthoff. Grochowski war damals vier Jahre alt. »Ich hatte große Angst davor, was passiert.«

Im Geschichtsunterricht der Neuntklässler der Adolf-Reichwein-Schule wurde die Zeit des Nationalsozialismus noch nicht behandelt, erzählt Schulleiterin Petra Brüll. Trotzdem - oder vielleicht sogar gerade deswegen - hören die 14- und 15-jährigen Schüler Grochowski gebannt zu. Er erzählt von den Umständen im Lager: von dicken Würmern in der Suppe, ständigem Frieren, Hieben mit der Peitsche und mit Urin durchnässten Strohbetten. »Wir haben unter den schlimmsten Bedingungen gelebt«, sagt er.

Täglich standen ihm als Kind, das nicht arbeitete, 800 Kilokalorien zu. Die Häftlinge, die schuften mussten, erhielten 1500. »Das war eine Balance zwischen Leben und Tod.« Krankheiten waren im Lager verbreitet. Grochowski bekam Typhus und hatte Läuse. Auch Wanzen waren verbreitet. »Mein ganzer Körper war zerbissen und blutig.«

Es ist nicht nur Grochowski, der an diesem Tag der Einladung nach Pohlheim gefolgt ist. Im Anschluss an seine Schilderungen erzählt Neithard Dahlen, Vertreter des Auschwitz-Komitees, von den Leichenbergen in den Konzentrationslagern. »Sie hatten Schwierigkeiten, mit der Entsorgung hinterherzukommen.«

Als Dahlen den Schülern erzählt, dass bei den ankommenden Zügen die Kinder aus den Armen der Mütter gerissen wurden und lebendig auf den Scheiterhaufen geworfen wurden, ist es still in der Aula. Die Grausamkeit von damals ist immer noch spürbar.

Bei der anschließenden Fragerunde erzählt Grochowski, dass jüdische Kinder im Arbeitslager von ihnen abgeschottet waren. »Freundschaften habe ich keine aufgebaut, dafür war ich noch zu klein«, sagt er. Meistens habe er, wenn überhaupt, mit seinen Schwestern gespielt.

Doch es geht nicht nur um die Vergangenheit an diesem Tag in Pohlheim. »Gab es in all den Jahren danach einen Moment, ab dem Sie sich sicher gefühlt haben?«, fragt etwa eine Schülerin Grochowski. Die Angst, sagt er, habe er bis vor einem Jahr im Griff gehabt. »Aber jetzt, mit dem Ukraine-Krieg, fühle ich mich wieder unsicher. Gerade für Polen ist die Sorge vor Russland groß.«

Wie seine Gedanken zu heutigen rechtspopulistischen Parteien sind, möchte ein Lehrer abschließend wissen. »Ich finde das ganz schlimm«, antwortet Grochowski. Deswegen will ich die Menschen warnen und zeigen, dass dieser Teil der Geschichte nicht vergessen werden darf.«

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