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Entschleunigen mit Poesie

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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"Noch n Gedicht!" - wer dabei nicht nur an die schelmischen Verse eines Heinz Erhardt denkt, ist in Laubach richtig. Zumindest, wenn sein Interesse an wohlgesetzten Worten mit der Lust an Bewegung einhergeht. "Poesie am Wegesrand" ist dieser extraordinäre Wanderweg in der alten Residenzstadt überschrieben, um den es heute gehen soll.

Gut, von einem Wanderweg zu sprechen, mag Bezwingern von Rhein- und Rothaarsteig und erst recht Tourengängern in den Alpen etwas hochtrabend vorkommen. Stimmt, die Laubacher "Wege zur Poesie" liegen nach zwei Stunden gemächlichen Schrittes bereits hinter einem. Doch gewähren sie eben mehr als eine - zudem für alle Altersgruppen geeignete - körperliche Befriedigung.

Denn 23 kleine, feine Gedichte finden sich am Wegesrand, laden zum Erinnern und auch zum Rezitieren ein, wie bei Rilkes berühmtem "Panther" oder Storms "Ein grünes Blatt". Nicht minder zum Entdecken wenig bekannter zeitgenössischer Werke wie Reiner Kunzes "Unglaubliche Nachricht über den Himmel". Nicht nur letzteres Gedicht, angeheftet an einen Eichenbaum am Ramsberg, ist in fast unberührter Natur zu genießen.

Celina Gräfin zu Solms-Laubach hatte den Anstoß zu dieser neuen Attraktion für Einheimische wie Gäste Laubachs - mit Grünberg die Fremdenverkehrshochburg im Kreis - gegeben. Sie hatte sich an ein ähnliches Vorhaben ihres Stiefvaters erinnert, konnte sich den Schlosspark sehr wohl dafür vorstellen. Zumal, wenn dort ein Rainer Rilke verewigt werden würde: Der Dichter pflegte Anfang des 20. Jahrhunderts einen regen Briefwechsel mit Prinzessin Manon zu Solms-Laubach. Die Originale werden im Schlossmuseum gezeigt.

Für die Konzeption zeichnete das Tourismusbüro der Stadt Laubach verantwortlich. Was die Auswahl der Werke angeht, ist die Kooperation mit dem Institut für Germanistik an der Justus-Liebig-Universität Gießen zu erwähnen - namentlich Elisabeth Turvold und Sandra Binnert sowie Sascha Feuchert, Professor für Neuere deutsche Literatur mit Schwerpunkt Holocaust- und Lagerliteratur. Letzterer ist in Laubach aufgewachsen und zur Schule gegangen. Fast auf den Tag vor zwei Jahren wurde der Themenspaziergang mit Klarinettenklängen eröffnet. Am Schlossteich, mit freiem Blick aufs Grafenschloss. An einer Basaltstele sind hier die Gedanken eines Friedrich Hölderlin zu lesen, die er sich 1804 über die "Hälfte des Lebens" und dessen Ende machte:

Mit gelben Birnen hänget Und voll mit wilden Rosen Das Land in den See, Ihr holden Schwäne, Und trunken von Küssen Tunkt ihr das Haupt Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm’ ich, wenn Es Winter ist, die Blumen, und wo Den Sonnenschein; Und Schatten der Erde? Die Mauern stehn Sprachlos und kalt, im Winde Klirren die Fahnen.

Friedrich Hölderlin

"An ausgewählten Orten, inmitten einer Welt hektischer Aktivität", reklamieren die für Laubachs Kultur- und Tourismus Verantwortlichen, "lädt der Rundgang zum Innehalten und Entschleunigen ein".

Der erste Abschnitt, die ersten elf Gedichte sind im Schlosspark zu entdecken. Abgestimmt auf dessen Entstehungskontext - vor gut 150 Jahren wurde er vom Botaniker Hermann Graf zu Solms-Laubach (1842-1915) im Stile eines englischen Landschaftsgartens angelegt -, überwiegen hier Werke aus dem 19. Jahrhundert. Neben Hölderlin etwa Bettina von Arnims "Blumen", Joseph von Eichendorffs "Das zerbrochene Ringlein" oder Clemens Brentanos "Hörst du wie die Brunnen rauschen".

Bald aber tritt der Wanderer hinaus aus der von Menschenhand erschaffenen grünen Oase, geht es auf Laubachs Hausberg. Das Blöken einer Schafherde begleitet den Wanderer, der in Richtung der Friedrich-Magnus-Gesamtschule strebt, um kurz zuvor nach rechts in die Kühle des Stadtwalds abzubiegen. Das "Hünengrab" von Ulrich Horstmann (geb. 1949) und "Der Hörerin" von Karl Kraus (1874-1936) laden zum Innehalten ein.

Überhaupt ist Laubachs Hausberg meist der Moderne gewidmet. Erwähnt sei etwa nur Paul Celans (1920-1970) "Die nachzustotternde Welt". Hinzu treten zeitgenössische Werke wie "Wanderung" von Jobst Quis (geb. 1953) oder "Mondän" von Elisabeth Turvold (geb. 1963).

Dem Ende des Weges nah, bietet sich ein herrlicher Blick auf Laubach. Der Schlusspunkt der kleinen Wanderung findet an einem buchstäblichen Highlight statt: an der "Kuss-allee", wie die Einheimischen einen versteckten Pfad am Schlosspark nennen. Dort ragt ein Mammutbaum in den Himmel. In die Rinde des - denkt man an die Verwandtschaft in Kalifornien - immer noch recht kleinen Sequoiadendron Giganteum geheftet sind diese passenden Zeilen:

Das End ist hier: doch wer zurückkehren kann, der trifft den Anbeginn im Ende wieder an.

Czepko von Reigersfeld

Rot-grüne Markierungen leiten den Wanderer über die "Wege der Poesie". FOTO: TB

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