+

Entschleunigen im Haus am Meer

  • schließen

Den ersten Kontakt gab es Mitte der 90er Jahre. Damals besuchte Christoph Henschel seine Schwester in Kanada. Der Blick auf den Atlantischen Ozean direkt vom Grundstück in Nova Scotia aus hatte es dem Dorf-Güller angetan. Hier wollte er leben. Obwohl er bei seiner Frau Anja nicht viel Überzeugungsarbeit leisten musste, sollte es noch über zehn Jahre dauern, ehe die Henschels nach East LaHave zogen.

Eigentlich gab es keinen Grund für einen Umzug. Anja und Christoph Henschel lebten in ihrem Haus in Dorf-Güll, die beiden Kinder Jo und Nick gingen in Pohlheim zur Schule und hatten im Dorf viele Freunde. Oma Erika und Opa Klaus Grieb wohnten Tür an Tür und unterstützten die junge Familie. Und auch beruflich lief alles wie am Schnürchen. Vielleicht sogar ein bisschen zu gut. Christoph kümmerte sich um Marketing und Sales für kleine und größere Firmen und war damit - um es vorsichtig auszudrücken - sehr gut ausgelastet. "Das Berufsleben wurde immer anspruchsvoller und stressiger", blickt er im Gespräch mit dieser Zeitung zurück. Gemeinsam habe man bei einer Bestandsaufnahme festgestellt, dass man dem Familienleben mehr Raum geben will. "Die Kinder waren klein und wir wollten mehr Zeit mit ihnen verbringen", waren sich Anja - bei ihr war ein Schuss Abenteuerlust dabei - und Christoph Henschel einig.

Nicht jeder, der sich mehr um die Familie kümmern möchte, kommt zwangsläufig auf die Idee, nach Kanada auszuwandern. Bei Familie Henschel lag diese Option jedoch nahe, weil Christoph familiäre Bindungen nach Übersee hatte. Seine Schwester - mit einem US-Amerikaner verheiratet - hatte mit ihrem Mann zunächst in Montana gelebt. Da ein Onkel bereits am Atlantik im kanadischen Neuschottland lebte, zogen seine Schwester und ihr Mann kurzerhand auf ein Nachbargrundstück in Nova Scotia. Bei seinem ersten Besuch dort 1995 war Christoph Henschel begeistert. Vom Atlantik, vom Haus am Meer, von der Weite und vom entspannten Lebensstil der Menschen.

Einige Besuche später stellten sich die Henschels die Frage: "Wir leben in Deutschland und verbringen im wunderschönen Neuschottland unseren Urlaub. Warum nicht umgekehrt?" Die Idee sollte sie nicht mehr loslassen. Es dauerte aber bis 2005, ehe man ein Visum als "Federal skilled Worker" beantragte. Weitere zwei Jahre später war es dann soweit: Das Abenteuer Kanada konnte beginnen.

Der Onkel war mittlerweile von Nova Scotia nach Neufundland gezogen, so dass die Henschels ein 26 000 Quadratmeter großes Grundstück direkt am Atlantik beziehen konnten. Doch vom Meerblick allein kann man nicht leben. "Wie haben unseren Lebensunterhalt zunächst von den Ersparnissen bestritten", berichtet Christoph. Die Familie musste sich in jeder Hinsicht umgewöhnen. Der mittlerweile 56-Jährige hat in Neuschottland auf dem Bau gearbeitet, Anja, von Haus aus Fremdsprachensekretärin, hat sich im Schnelldurchlauf mit der neuen Umgebung vertraut gemacht und Touristen als Reiseführerin die Sehenswürdigkeiten der Urlaubsregion am Atlantischen Ozean nähergebracht.

"Mittlerweile ist sie ein wandelndes Lexikon", bewundert Christoph die Geschwindigkeit, mit der seine Frau zur Expertin in Sachen Landeskunde geworden ist. Mit Energie und Beharrlichkeit hat das Ehepaar relativ schnell Fuß gefasst, bei den Kindern war die Akklimatisierung nicht ganz so einfach. "Sie haben uns damals gehasst", erinnert sich Christoph lächelnd an die Reaktionen von Tochter Jo und Sohn Nick (damals zehn und sieben Jahre alt), deren Begeisterung über die neue Heimat und den Verlust des Dorf-Güller Familien- und Freundeskreises sich zunächst in engen Grenzen hielt. Das sollte sich allerdings im Laufe der Zeit ändern.

Geändert hat sich auch die berufliche Perspektive von Familie Henschel. 2010 erwarben sie den fünf Kilometer entfernt liegenden "General Store", dessen Betreiber kurz vor der Pleite stand. "Die Immobilie war in einem erschreckenden Zustand", fasst Christoph das Erscheinungsbild des Ladens zusammen. Die Familie sanierte das Anwesen mit vereinten Kräften. "Wir haben daraus eine Mischung aus Laden und Heimatmuseum gemacht", erklärt Anja. Das Ganze funktionierte nur, weil einige Dinge anders liefen als in der alten Heimat. "Wir haben Lebensmittel, Zeitungen, Getränke und Zigaretten verkauft und gleichzeitig renoviert", erzählen die beiden und sind überzeugt, dass der Laden in Deutschland unter solchen Umständen sofort dichtgemacht worden wäre. Ein weiterer Punkt, der die deutsche Familie in Neuschottland angenehm überrascht hat: In East LaHave ist Nachbarschaftshilfe keine Worthülse. Die Menschen aus der Umgebung haben sie auf der Baustelle unterstützt - über Tage und Wochen. Herausgekommen ist der "Rose Bay Store & Bistro", der eine ganze Menge zu bieten hat: Lebensmitteln und europäische Delikatessen, Brot, Fleisch und Eier, Bier, Wein, Spirituosen, Zigaretten und Zeitungen.

Das Erfolgsrezept klingt einfach. "Wir behandeln alle gleich, egal ob lokaler Fischer oder Multimillionär", betont Christoph. Tatsächlich gibt es in der Region am Meer eine Reihe von wohlhabenden Familien, die dort ihre Ferienhäuser haben und gerne bei Henschels einkaufen oder essen. Dabei ist die Atmosphäre stets locker. "Du kannst im Schlafanzug im Laden stehen. Da schaut dich keiner komisch an", versichert Christoph Henschel.

Dass sich die Familie mit dem Rose Bay Store einen Namen gemacht hat, wird zudem durch die Tatsache unterstrichen, dass Kunden sogar aus der Hauptstadt Halifax anreisen. Vielleicht hängt der Erfolg auch damit zusammen, dass Tochter Jo mittlerweile von der zweiten in die erste Reihe aufgerückt ist und eigene gastronomische Ideen umsetzt. Aus dem kleinen Restaurant, das früher eher ein Anhängsel des Ladens war, hat die 23-Jährige ein modernes Bistro gemacht, in dem unter anderem auch vegetarische, vegane und glutenfreie Speisen angeboten werden.

Dass die Tochter sich für den heimischen Laden entschieden hat, war nicht selbstverständlich und macht die Eltern richtig stolz. Jo war nämlich als einer von sehr wenigen Frauen ein Stipendium für ein Masterstudium an der "University of King’s College", der ältesten Universität Kanadas, angeboten worden. Auch ihr Bruder Nick (20) hat nach dem Abitur den "Store" für sich entdeckt. Neben Haus- und Hundesitting ist Nick bei Abenden mit "special Dinner" für den kompletten Service verantwortlich.

Obwohl Mittelhessen mehr als 5000 Kilometer entfernt ist, pflegen die Henschels einen regen Kontakt zur Heimat. Klaus und Erika Grieb haben Tochter, Schwiegersohn und Enkel schon dreimal in Neuschottland besucht. Und selbst Uroma Emma, die vor drei Jahren mit 101 Jahren verstorben ist, hat sich mit 83 Jahren erstmals in ein Flugzeug gesetzt, um die Urenkel zu sehen. "Wenn ich in Kanada bin, sind meine Werte sofort okay", bestätigt Erika die gesundheitsfördernde Wirkung der Region am Atlantik. Und Klaus Grieb macht sich bei den Besuchen der Familie gerne nützlich. Er sorgt auf dem riesigen Grundstück an der Küste für einen professionellen Baumschnitt. Langweilig wird Opa und Oma auch ohne die Auswanderer nicht. Schließlich leben von den sieben Enkeln fünf ganz in der Nähe: Drei in Holzheim und zwei im Haus in Dorf-Güll.

Enge Bindungen pflegen Anja und Christoph Henschel nicht nur zu ihrer Verwandtschaft, auch zur Familie von Kristine und Sebastian Mende, mit denen man bereits zu Dorf-Güller Zeiten befreundet war, gibt es regelmäßig Kontakt. "Basti und Tine sind uns sehr ans Herz gewachsen", betont Anja. Der erste von mittlerweile vier Besuchen der Mendes in Kanada stand bereits beim ersten Jahreswechsel in der neuen Umgebung an.

Auch viele weitere Verwandte und Freunde aus Deutschland haben sich bereits auf den Weg nach Neuschottland gemacht. Manche haben sogar ihre kompletten Ferien in der Rose--Bay-Region verbracht. "Sobald wir in East LaHave ankommen, beginnt die Entschleunigung", verrät Sebastian Mende. "Dafür brauchen wir kein sorgfältig ausgetüfteltes Programm. Uns reicht es, gemeinsam Zeit zu verbringen." Dazu wird im Frühjahr wieder Gelegenheit sein. Dann geht es für die Henschels zunächst nach Barcelona und später nach Dorf-Güll. Darauf freut sich vor allem Anja. "Der Frühling in Deutschland ist eines der wenigen Dinge, die ich in Kanada vermisse. Draußen sitzen, wenn alles blüht - herrlich."

Vor über zwölf Jahren sind Christoph, Anja, Jo und Nick Henschel (oben v. l.) von Dorf-Güll nach Neuschottland in Kanada gezogen. Das Haus der Familie in East Lahave liegt keine 100 Meter vom offenen Atlantik entfernt (rechts). Seit 2009 betreiben die Henschels den "Rose Bay Store" mit einem frisch renovierten Bistro. Dort gibt es außer Lebensmitteln zahlreiche Spezialitäten sowie Bier, Wein, Spirituosen, Eiscreme, Zeitungen und Zigaretten. FOTOS: PM

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare