Eine Frage der Distanz: Auch die Allendorfer müssen bei Tagesausflügen bald genau überlegen, wie weit ihr Ziel von der Stadtgrenze entfernt ist.	FOTO: JWR
+
Eine Frage der Distanz: Auch die Allendorfer müssen bei Tagesausflügen bald genau überlegen, wie weit ihr Ziel von der Stadtgrenze entfernt ist. FOTO: JWR

Entscheidende 15 Kilometer

  • Jonas Wissner
    VonJonas Wissner
    schließen

Auch im Kreis Gießen tritt kommende Woche die Einschränkung in Kraft, wonach Ausflüge auf einen Umkreis von 15 Kilometer beschränkt sind. Während Wiesbaden nun Details nennt, sorgt die Regel bei einigen für Verwirrung.

Als am Dienstagnachmittag die Bundeskanzlerin und zwei Ministerpräsidenten vor die Presse traten, um über die neuesten Corona-Beschlüsse zwischen Bund und Ländern zu informieren, ließ vor allem eine Neuregelung aufhorchen: In Gebieten mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von über 200 pro 100 000 Einwohner - das gilt seit Wochen auch für den Kreis Gießen - sollen sich die Bewohner künftig nur in einem Radius von 15 Kilometern um ihren Wohnort herum bewegen dürfen. Bei triftigen Gründen, so hieß es, seien Ausnahmen vorgesehen - etwa auf dem Weg von und zur Arbeit, für Arztbesuche oder zur Pflege Angehöriger. Tagesausflüge gelten allerdings explizit nicht als »triftiger Grund«. Gerade sie sollen vermieden werden, um Anstürme wie kürzlich im Hohen Vogelsberg zu vermeiden.

In Hessen werde sich die 15-Kilometer-Regel aber explizit nur auf Tagestourismus erstrecken, äußerte sich die Staatskanzlei in Wiesbaden am Donnerstag auf GAZ-Anfrage: »Für Hessen haben wir (ähnlich wie in Bayern) entschieden, dass sich die Beschränkungen des Bewegungsradius in den sogenannten Hotspots lediglich auf tagestouristische Ausflüge beziehen.«

Auch andere Fragen waren bislang offen geblieben: Etwa die, ab wo eigentlich gemessen wird. In Sachsen gilt die 15-Kilometer-Einschränkung bereits, dort ist die Wohngrundstücksgrenze maßgeblich. Die Kanzlerin erläuterte dagegen am Dienstag, man könne beispielsweise in Berlin keinen Unterschied zwischen einzelnen Bezirken machen, müsse die Stadt als Ganzes betrachten. Demnach könnten sich Bewohner von Großstädten mit hoher Inzidenz in der gesamten Kommune und im Umkreis von 15 Kilometern bewegen. In einer kleinen Kommune ist der Raum, in dem man sich noch aufhalten darf, nach dieser Rechnung wesentlich enger gefasst.

Das werde auch für Hessen gelten, informiert die Staatskanzlei: »Für die Berechnung des Radius ist die Stadt- oder Gemeindegrenze maßgeblich, sodass der Radius je nach Größe des Wohnortes unterschiedlich groß sein kann.« Der Wohnort bezeichne »die politische Gemeinde, in der eine natürliche Person ihren Wohnsitz hat«.

Was halten Menschen im ländlichen Raum von der 15-Kilometer-Regel, die die Verbreitung des Virus bremsen soll? Fühlen sie sich gegenüber Großstädtern womöglich benachteiligt? »Vielleicht war der Beschluss nicht so durchdacht«, sagt eine Frau, die in Allendorf/Lumda am Donnerstagvormittag unterwegs ist. Aber es gehe doch nicht in erster Linie um Fairness, sondern darum, die Inzidenzwerte zu senken.

Für eine Art Neid-Debatte, findet sie, sei nun nicht der richtige Zeitpunkt. Und vielleicht liege in der Einschränkung auch eine Chance, um wertzuschätzen, dass man vieles doch noch im nahen Umfeld erledigen könne. Die neue Regel vergleicht sie mit einem »Apfel, in den man jetzt reinbeißen muss«.

Die Staatskanzlei sieht schon deshalb keine unfaire Behandlung, weil man die Regel ja nur auf Tagestourismus anwende: »Die in Hessen relevanten touristischen Ziele liegen regelmäßig außerhalb der Ballungsräume. Deshalb ist die jeweilige Größe der Stadt oder Gemeinde nicht so sehr relevant und die daraus resultierende Ungleichbehandlung fällt nicht über Gebühr ins Gewicht.«

Wenngleich die jüngsten Bund-Länder-Beschlüsse einmal mehr teils für Verwirrung sorgen und verschiedene Länder sie unterschiedlich zu interpretieren scheinen, ist das Verständnis in der Bevölkerung für die nun weitergehenden Einschränkungen offenbar groß - das zeigt zumindest eine Straßenumfrage in Allendorf/Lumda. »Was willste machen?«, sagt ein Rentner, »irgendeine Entscheidung muss man ja treffen«. Wie er sind viele der Ansicht, dass die Kontakt- und Mobilitätsbeschränkungen bisher zu lax waren, eine Verschärfung sei jetzt einfach notwendig.

»Was da am Wochenende im Taunus und im Vogelsberg abging - das geht nicht«, findet eine andere Allendorferin. Um solche Szenen zu verhindern, könne die 15-Kilometer-Regel womöglich helfen. Und wie etliche andere ist auch sie der Meinung, dass angesichts von nächtlicher Ausgangssperre, weitgehendem »Lockdown« und Kontaktbeschränkungen der einschränkende Radius gar keinen so gravierenden Einschnitt mehr darstellt.

Einige Allendorfer haben schon mal online Karten gewälzt und geschaut, was alles noch im Umkreis von 15 Kilometern um ihre Stadt liegt. »Ich darf noch bis Amöneburg, Staufenberg und Lollar geht gerade noch so«, sagt Allendorfs Bürgermeister Thomas Benz - wohlgemerkt bevor die Information kam, dass es nur um Tagestourismus geht und ausgehend von seiner Haustür in Nordeck. Angesichts der dramatischen Inzidenz im Kreis hat auch er Verständnis für die Verschärfung. Doch das städtische Ordnungsamt habe »wenig Möglichkeiten«, die Radius-Regel zu kontrollieren, ähnlich wie schon bei anderen Corona-Maßnahmen.

Dieses Problem haben viele, gerade kleinere Kommunen. Die Botschaft aus der Staatskanzlei dürfte für wenig Freude in den Rathäusern sorgen: Die Radius-Regel sei »durch die örtlichen Behörden umzusetzen und zu kontrollieren. Die betroffenen Städte oder Landkreise werden dies zeitnah umzusetzen haben.«

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare