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Ismuni Be Josef kann nun offiziell ihren wahren Namen tragen.

Kampf um eigene Identität

Warum eine 72 Jahre alte Pohlheimerin zum ersten Mal in ihrem Leben den richtigen Namen im Pass trägt - Willkürlichen Namen in Türkei bekommen

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Ismuni Be Josef aus Pohlheim trägt seit wenigen Wochen zum ersten Mal in ihrem Leben den richtigen Namen in ihrem Pass. Der türkische Staat hatte der aramäischen Familie einst willkürlich einen völlig anderen Namen gegeben. "Uns wurde die Identität genommen", sagt ihr Sohn. Dem Beispiel seiner Mutter dürften nun Dutzende folgen.

Ismuni Be Josef seufzt auf. "Endlich die Wahrheit", sagt die Pohlheimerin. 72 Jahre ist sie alt, seit mehr als 30 Jahren lebt sie in Deutschland. Zum ersten Mal in ihrem Leben steht nun der richtige Name in ihrem Pass. Die Frau mit aramäischen Wurzeln sitzt auf einem Sofa in ihrem Wohnzimmer in der Neuen Mitte in Watzenborn-Steinberg, ihre Hände liegen zusammengefaltet auf ihrem Schoß. "Ich habe gleich meinen Enkel angerufen und mich sehr gefreut", erzählt sie mit heller, leiser Stimme. "Juhu." Ismuni Be Josef kann weder lesen noch schreiben. Doch für diese zwei Wörter in ihren Papieren hat sie erfolgreich gekämpft: Be Josef. Der türkische Staat hatte der Familie einst willkürlich einen völlig anderen Namen gegeben. Ismunis Sohn, Israel Be Josef, sagt: "Wir mussten damals unsere eigene Identität abgeben."

In den kommenden Wochen werden mehrere Dutzend Pohlheimer das Rathaus aufsuchen. Sie werden ebenfalls eine Namensänderung beantragen. Ismuni Be Josef hat allein in Pohlheim 120 Familienangehörige, die - wie die 72-Jährige bis vor wenigen Tagen - den falschen Namen Budak in ihren Papieren tragen. In Pohlheim leben 1000 Familien mit aramäischen, assyrischen und chaldäischen Wurzeln, die Eigenbezeichnung dieser Ethnien lautet "Suryoye". Viele von ihnen tragen ebenfalls noch auferlegte Namen.

Überzeugungsarbeit in Familie

"Für unseren alten Namen engagieren wir uns auch, weil wir an die kommenden Generationen denken", sagt Israel Be Josef, der nun laut Ausweis endlich nicht mehr Isray Budak heißen wird. "Wir wollen unsere Kinder und Nachkommen über den Ursprung unserer Familie aufklären." Er habe vor allem eine Befürchtung, sagt der Pohlheimer. "Ich stelle mir vor, dass in 100 Jahren ein Urenkel wissen will, wer seine Großeltern waren. Hätten wir dann nichts unternommen, würde der Urenkel auf den Namen Budak stoßen und glauben, die Vorfahren seien Türken gewesen", glaubt Be Josef. "Mehr würde er vermutlich nicht herausfinden. Das wäre das Schlimmste für mich."

Beschwerlich war der bürokratische Vorgang für Ismuni Be Josef nicht unbedingt. Einen entsprechenden Antrag mit Begründung und ein polizeiliches Führungszeugnis musste sie beispielsweise vorlegen. Ihr Sohn allerdings musste für den Schritt in der eigenen Familie viel Überzeugungsarbeit leisten. Vor sechs Jahren kontaktierte er Verwandte unter anderem in Schweden, Belgien, Australien und den Niederlanden. Mehrere Angehörige seien überhaupt nicht daran interessiert gewesen, für den alten und wahren Namen Be Josef zu kämpfen. "Das hat mich erschreckt." Einige fürchteten, in der Türkei den Anspruch auf Ländereien zu verlieren. "In manchen Köpfen aber", bedauert Israel Be Josef, "sitzt der auferlegte Name so fest, dass für sie das Erfundene die Realität ist."

Verständnis unter Kollegen

Um die Bedeutung der Namensänderung für die Familie zu verstehen, muss man 84 Jahre in die Vergangenheit reisen - in das Grenzgebiet der Türkei zu Irak und Syrien. 1935 wandert ein Mann im Auftrag der Regierung durch ein kleines Dorf. Er geht von Haus zu Haus und verteilt Namen. "Du heißt Budak", sagt er. "Du auch. Und du auch." Hintergrund war ein Gesetz, wonach alle Menschen, die auf türkischem Gebiet lebten, auch türkische Namen tragen mussten. Es war eine von vielen Maßnahmen auch zur Assimilierung ethnischer Minderheiten in der Türkei.

Heute mag manch einer denken: Was ist schon ein Name? "Wenn man sich mit der Geschichte beschäftigt, stört es einen schon", sagt Israel Be Josef, der in der Kreisverwaltung arbeitet. "Als ich die Ernennungsurkunde zum Inspektorenanwärter mit dem Namen Budak bekommen habe, ist es aus mir herausgeflutscht", erzählt der 38-Jährige. Er habe seinen Kollegen dann von seinem traditionellen Familiennamen berichtet. "Ich bin in der Verwaltung auf Verständnis gestoßen."

"Es ist nicht kompliziert"

Im Jahr 2013 nahm Israel Be Josef den Kampf für den alten Familiennamen auf. Der Pohlheimer recherchierte zur Geschichte seiner Verwandtschaft - bis zum Jahr 1394 verfolgte er seinen Stammbaum. Dann berief er eine Familienkonferenz ein. "Viele der Jugendlichen meiner Familie wussten nicht mehr, warum sie eigentlich Budak hießen", erzählt Be Josef. "Als sie die Geschichte erfahren haben, waren sie aber entschlossen, ihren Nachnamen zu ändern."

Vor fünf Jahren noch wäre dazu ein jahrelanges Gerichtsverfahren nötig gewesen. In psychiatrischen Gutachten hätte man nachweisen müssen, dass man unter dem auferlegten Namen leidet. "Einige Familien hießen zum Beispiel Domuz, was Schwein bedeutet. Wir aber haben keinen schlimmen Namen erwischt." Budak bedeutet Stamm oder Baumknorpel, Google übersetzt das Wort mit "Knie". In den vergangenen Jahren aber sei eine Namensänderung wesentlich einfacher geworden, auch dank des Einsatzes des Rechtsanwalts Benjamin Djallo und des aramäischen Dachverbands. Nach dem Erfolg der 72 Jahre alten Ismuni Be Josef müssen ihre Nachkommen nur noch Anschlussanträge mit wenigen Unterlagen einreichen. "Es ist nicht kompliziert", sagt Israel Be Josef. "Das ist wichtig zu wissen."

Ismuni Be Josef reicht selbst gebackenen Hefezopf. "Sehr lecker", sagt sie. 1987 ist die Familie nach Deutschland geflohen, wegen türkisch-kurdischer Auseinandersetzungen in ihrer Heimat und nach Anschlägen auf Minderheiten. In Deutschland habe man sich zunächst weniger um den Namen gekümmert, sondern um Asyl und Arbeit, sagt Israel Be Josef. "Es ging darum, Fuß zu fassen." Die Eltern seien Landwirte gewesen, aus einfachen Verhältnissen. Integriert seien er und die acht Geschwister inzwischen sehr gut. "Mein Sohn heißt Wolfgang", sagt Israel Be Josef schmunzelnd. "Das Verlangen nach eigener Identität kommt erst mit der Bildung."

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