Das Ende der Schockstarre

  • Gabriele Krämer
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Satte Sounds wabern seit Jahren am Vorabend von Fronleichnam über den Burghof. 2020 aber fiel das Festival "Gleiberg Rocks" wegen des Corona-Virus aus. Weitere Folgen der Pandemie für Kulturveranstaltungen in ländlichen Regionen, aber auch denkbare Rettungsanker für die Konzertbranche beschreibt die Veranstalterin Sabine Glinke aus Krofdorf.

Jammern und um Spenden bitten", das sei gar nicht ihre Sache, sagt Sabine Glinke. Deshalb hat die Inhaberin von SG Events & Medien alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit das Festival "Gleiberg Rocks" mit dem Line-up von 2020 auf den 2. Juni 2021 verlegt wird.

Mit Erfolg: Als Headliner ist abermals die Muse-Tribute-Band Drones aus Italien gebucht, ebenso dabei sein werden die Unplugged-Coverband Sophisticated Butcher Fingers und die Alternative-Rockband Campaign like Clockwork aus Gießen. Immer vorausgesetzt, dass Veranstaltungen dieser Art dann wieder möglich sind.

Momentan jedenfalls scheint die Rock- und Pop-Branche in einer Art Schockstarre zu verharren: Coronabedingte Vorschriften machen nicht nur Künstlern, sondern auch Veranstaltern das Leben schwer. Vor allem letztere fühlen sich, so unterstreicht Glinke, vom Gesetzgeber alleingelassen.

Die 40-Jährige, die vormals in Wettenberg ein Pressebüro betrieb, hatte "Gleiberg Rocks" vor drei Jahren von den Festivalgründern um die Band "Mothers Milk" übernommen und war damit so erfolgreich, dass sie den Veranstalter-Job Ende 2019 zu ihrem Hauptberuf machte - da war Corona noch weit weg. Das Zittern begann im März: "Als ›Corona‹ begann, hatten wir 100 Tickets verkauft. Dabei ist es geblieben", sagt Glinke. Das "Hamsterrad" begann sich zu drehen. Erste Veranstaltungen wurden abgesagt, damit fielen potenzielle Plattformen für die Verteilung von Werbeflyern weg. Bald folgte das bundesweite Verbot von Großveranstaltungen bis (zunächst) zum 31. August - allerdings ohne Definition, was "Großveranstaltung" in Besucherzahlen bedeutet.

Erst nachdem am 8. Mai die Beschränkung auf 100 Personen je Veranstaltung folgte, konnte Glinke "Gleiberg Rocks 2020" absagen, ohne weitere finanzielle Einbußen fürchten zu müssen: "Eine solche behördliche Verordnung muss sein, damit man keine Vorauszahlungen (für Bands, Caterer etc.; die Red.) leisten muss".

Das Spektakel im Burghof dennoch zu veranstalten, wäre wirtschaftlich nicht abzubilden gewesen, gibt Glinke Kritikern zu bedenken, für die die Absage zunächst nicht nachvollziehbar war. "Bei einem Rockkonzert rechnen Veranstalter mit zwei bis vier Leuten je Quadratmeter, damit es sich rechnet. Wir leben vom Eintritt. Damit wir auch nur einen Cent verdienen und das Ganze bei Null aufgeht, hätten wir 500 Tickets verkaufen müssen". Bei einer solchen Rechnung wären allerdings ausschließlich die reinen Kosten in einer Größenordnung von 8000 bis 10 000 Euro gedeckelt. Der eigene Zeit- und Arbeitsaufwand im Vorfeld eines solchen Festivals lasse sich nicht darstellen.

Die Krux aber seien die Vorgaben in Hessen für Veranstaltungen, bei denen "Leute in Bewegung" sind. Glinke: "Hessen fährt hier einen sehr harten Kurs"; je Besucher werde ein Platzbedarf von zehn Quadratmetern festgeschrieben. Konkret wäre damit beim 565 Quadratmeter großen Burghof auf dem Gleiberg mit 56 Fans das Ende der Fahnenstange erreicht. " Man muss Idealist sein, um das überhaupt zu machen. Aber es muss legitim sein, am Ende des Tages auch etwas zu verdienen", stand für Sabine Glinke fest, als sie das Festival "Gleiberg Rocks" für dieses Jahr endgültig abhakte.

"Diese Regel ist überall in Hessen gleich bescheuert", sagt Glinke und macht sich zum Fürsprecher der Branche, die ein Heer von "Unsichtbaren" ohne Aussicht auf Unterstützung und Subventionen umfasst. Denn auch für Plakatierer, Caterer und "Promo Mädels" fällt mit den Veranstaltungen der Verdienst weg. "Kultur ist machbar - aber zu welchem Preis?", fragt Glinke und fordert neben einer Anpassung der behördlichen Vorgaben an realistische Gegebenheiten einen Schulterschluss der Akteure in der Musik- und Konzertbranche.

"Mir sind die Leute nicht laut genug. Viele sehen momentan nur sich selbst. Was wären Künstler ohne Veranstalter? Ohne Beleuchter, Techniker, Grafiker, Getränkelieferanten?" Was "Gleiberg Rocks" 2020 den Garaus machte, das wirke sich auch auf Veranstaltungen wie etwa im MuK in Gießen oder im KFZ in Marburg aus. Die Krofdorferin lässt keine Zweifel: "Wenn wir 2021 unsere Konzerte und Festivals nicht zu normalen Konditionen machen können, machen viele von uns das nie wieder. 2021/22 könnte es ein riesengroßes Veranstalter-Sterben geben." Glinke appelliert an die Fans, sich solidarisch zu zeigen und jetzt Tickets für Veranstaltungen zu kaufen, die ab Herbst geplant sind. "Was wir jetzt brauchen sind Leute, die uns nun ihr Vertrauen schenken". Karten und Soli-Merchandise-Produkte gibt es unter www.gleiberg.rocks.

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