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Männer unter sich: Ausmarsch einer Sektion der Ausschussgesellschaft 1540 Solms-Laubach aus dem Schlosshof. Der Traditionsverein nimmt keine Frauen auf, bei Entzug der Gemeinnützigkeit befürchtet er erhebliche Einbußen. Archivfoto: tb

BUNDESFINANZHOF

Ende männlicher Exklusivität?

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Verunsicherung macht sich breit unter Deutschlands Vereinen. Sofern sie denn exklusive Männersache sind, Frauen draußen bleiben müssen. Dafür gesorgt haben Äußerungen von Finanzminister Scholz, wonach Männervereinen der Entzug der Gemeinnützigkeit droht. Spenden wären nicht mehr absetzbar, ein herber Verlust in der Vereinskasse die Folge. Wie groß ist die Verunsicherung im Kreis ?

Mitte Oktober hatte sich die Nachricht verbreitet, Berlin plane eine Reform des Steuerrechts. Anlass war eine umstrittene Entscheidung des Bundesfinanzhofes, nach den Globalisierungskritikern von Attac nun auch der Kampagnenorganisation Campact die Gemeinnützigkeit zu entziehen. Begründung: Beschäftigung mit Tagespolitik sei kein "Tatbestand", der eine steuerliche Begünstigung rechtfertige, sei Parteien vorbehalten.

Eine Entscheidung, die auch Deutschlands obersten Finanzhüter Olaf Scholz irritierte: Nicht angehen könne, dass Organisationen, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzten, schlechter gestellt würden als jeder x-beliebige Verein. Zwingend bedürfe es einer Reform des Gemeinnützigkeitsrechts. So weit so gut, so folgenlos. Als Scholz ankündigte, reinen Männervereinen könnten unter Umständen die Steuervorteile entzogen werden, schlugen die Wellen hoch. Von einer "Bestrafung des Ehrenamtes", einer "absurden Einteilung nach Genderaspekten" war die Rede.

Thema sind die Erwägungen natürlich auch bei einem der bekanntesten exklusiven Männerclubs im Gießener Land, der Ausschussgesellschaft 1540 Solms-Laubach. Nur die Herren der Schöpfung dürfen bislang dem Verein beitreten, um beim Ausschussfest im Juni dann, aufgeteilt in zwölf rein männlichen Sektionen, zum Schießstand zu marschieren und den besten Schützen zu ermitteln.

Sorgt also der Fiskus dafür, dass erstmals nach über 450 Jahren eine Frauensektion auftritt? Wohl kaum. Heinrich Philippi war lange Jahre Schatzmeister der Ausschussgesellschaft und 2016 sogar dessen "Hauptmann" (Vorsitzender). Wie er sagt, nimmt man jährlich einen höheren vierstelligen Spendenbetrag ein. Könnten die Gönner des Vereins diese nicht mehr absetzen, fürchtet Philippi auch "erhebliche Einbußen".

Zudem: Der Spruch "Nur Bares ist Wahres" trifft hier nicht zu. Viel schwerer wiegen da die Sachspenden: Weit über 100 dieser "Gaben" werden so - zusätzlich zum Hammel als Hauptpreis - bei dem Volksfest ausgeschossen. Zum ganz großen Teil spendiert von Geschäftsleuten.

Auch Ex-Schatzmeister Philippi kann Scholz’ Ansinnen nicht nachvollziehen: "Kulturförderung das Wort reden, aber Kultur, die aus der Geschichte kommt, davon ausnehmen, das passt nicht." Schließlich halte sein Verein eine Tradition lebendig, die in eine Zeit zurückreiche, als nunmal einzig Männer zur Stadtverteidigung gerufen wurden und einmal im Jahr den treffsichersten Schützen "ausschossen" (daher der Name des Festes). Keineswegs auch sei das Volksfest der Jetztzeit eine reine Männerveranstaltung, feierten doch auch die Frauen mit. Überdies bat er eines zu bedenken: "Was wäre ein Hauptmann ohne die Unterstützung seiner Frau?"

Abgesehen davon, dass die konkrete Ausgestaltung der Reform abzuwarten bleibt, gewiss die Koalitionäre aus Bayern die Interessen der dort besonders zahlreichen Männerbünde wahren dürften: Auf GAZ-Nachfrage mahnte das Bundesfinanzministerium sinngemäß, die Bälle doch flach zu halten. So habe Scholz erst jüngst klargestellt, dass es nur um eine überschaubare Zahl an Vereinen gehe, die "ohne sachlichen Grund konsequent und bewusst keine Frauen zur Mitgliedschaft zulassen". Im Übrigen gebe es nun mal dazu längst Gerichtsurteile, die bei der Reform zu beachten seien (siehe Zusatzelement unten im Text).

"Sofern tatsächlich der Steuervorteil abgeschafft würde, wäre das tatsächlich eine Bestrafung der Ehrenamtler", betonte Georg Teubner-Damster, Vorsitzender des Ohm-Lumdatal-Sängerbundes (OLSB) mit seinen knapp 3000 Mitgliedern. Große Sorgen aber macht er sich nicht.

Im OLSB gibt es noch einige wenige reine Männerchorvereine, etwa in Rüddingshausen die Concordia. Dass es sehr wohl sachlich begründet sei, dass ein Männerchor eben nur Männer aufnehme, liege doch auf der Hand, meint Teubner-Damster. Allerdings kann er auf das Beispiel des Kirtorfer Männerchors verweisen: Infolge eines Gerichtsurteiles gegen geschlechtsspezifisch begründete Diskriminierung habe dieser "vorsorglich" seine Satzung geändert. Seither dürfen Frauen dem Verein beitreten, freilich nicht als Aktive. Dass Scholz klargestellt habe, niemand wolle auch umgekehrt Frauenchöre zwingen, Männer aufzunehmen, fügte der OLSB-Vorsitzende hinzu. "Gesangvereine sind also außen vor."

Zur Entwarnung an die Adresse exklusiver Männerbünde verweist er auch auf Klarstellungen aus Berlin, wonach Traditionspflege als sachlicher Grund anerkannt werde. "Ein neu gegründeter Kultur-, Geschichts- oder Sportverein aber, der sich geschlechtsspezifisch orientiere, hätte wohl Probleme, als gemeinnützig anerkannt zu werden."

,,Kulturförderung das Wort reden, aber Kultur, die aus der Geschichte kommt, davon aus- nehmen, das würde nicht passen

Finanzminister Scholz begründet seine Reformpläne nicht zuletzt mit einem Urteil des Bundesfinanzhofs (BFH) aus 2017: Danach ist eine Freimaurerloge, die Frauen von der Mitgliedschaft ausschließt, nicht gemeinnützig. Für den Ausschluss habe die Loge weder zwingende sachliche Gründe anführen können noch sei dies durch "kollidierendes Verfassungsrecht gerechtfertigt". Wie der BFH anmerkte, könnte sich das Urteil auf Vereine auswirken, die die Gemeinnützigkeit in Anspruch nähmen, aber Frauen "ohne sachlichen Grund" ausschließen. (Quelle: Bundesfinanzhof)

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