Ende eines Vorzeigeprojekts

  • vonStefan Schaal
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"Selbst.Ständig! leben in Langgöns", ein Vorzeige-Projekt für Senioren im Kreis, läuft aus. Wie wird die Arbeit nun fortgesetzt?

Für einen Moment herrscht Stille im Saal des evangelischen Kirchenzentrums in Lang-Göns. Es ist 12 Uhr. An den Tischen sitzen rund 30 Senioren, viele von ihnen haben sich in Schale geworfen. Elke Böckler hat sie begrüßt, hat ihnen eine Geschichte vorgelesen. "In jeder Kerbe auf meinem Gesicht, auf meinem Körper, versteckt sich meine Geschichte", heißt es darin. "Die Emotionen, die Gefühle, die ich erlebt habe, und meine ganze Schönheit." Dann, nach wenigen Sekunden Stille, geht es los. Messer und Gabeln klirren auf Tellern, die Senioren plaudern, lachen und essen, es gibt Tafelspitz.

Es ist freilich eine Szene, die inzwischen mehr als ein halbes Jahr her ist. Die Mittagstische in den Langgönser Ortsteilen gibt es aufgrund der Corona-Pandemie seit März nicht mehr. Und auch die Zukunft ist noch nicht geklärt. Denn "Selbst.Ständig! leben in Langgöns" - ein Vorzeigeprojekt im Kreis, das die Mittagstische organisiert hat - ist beendet. Die Finanzierung - anfangs mit Geldern der Fensehlotterie, zuletzt gemeinsam von der AWO Butzbach und der Gemeinde Langgöns getragen - ist ausgelaufen. Am vergangenen Freitag hat Bürgermeister Marius Reusch die Seniorenberaterin Böckler verabschiedet.

Dies geschieht in einer Zeit, in der Senioren während der Ausbreitung der Pandemie mit Isolation und Kontaktbeschränkungen umgehen müssen und besonders auf Beistand angewiesen sind. Böckler berichtet, sie habe zu Beginn der Corona-Krise hin und wieder Senioren beim Einkaufen getroffen, die sie kenne. "Wir haben doch Einkaufshilfen. Sie könnten zu Hause bleiben", habe sie ihnen gesagt. "Ach, Mädchen", habe häufig die Antwort gelautet. "Ich habe den Weltkrieg überlebt. Ich will weiter aus der Wohnung raus." Ängstliche Senioren aber, merkt Böckler an, treffe die Corona-Krise schwer. Das Ende des Projekts löse Wehmut in ihr aus, räumt die Seniorenberaterin ein. Wegen der Pandemie könne sie sich von den Senioren nicht einmal verabschieden.

Mehr als 200 Menschen haben die monatlichen Mittagstische in den Ortsteilen regelmäßig besucht. Zwei Stunden Plauschen und Schlemmen. Fast 40 Ehrenamtliche haben die Räume für den Mittagstisch dekoriert, zum Teil Blumen aus dem eigenen Garten mitgebracht, haben Senioren persönlich zu den Mittagstischen gefahren und wieder nach Hause gebracht. Hin und wieder gab es ein kleines Bühnenprogramm. "Wir haben darauf geachtet, dass es nicht zu viele Aktionen wurden", sagt Böckler. "Die Devise war: Lasst die Gäste einfach genießen."

Die Mittagstische in Langgöns orientierten sich an ähnlichen Angeboten in Muschenheim, entwickelten sich dann allerdings selbst zum Vorbild für andere Initiativen wie beispielsweise in Münzenberg. Das Angebot helfe, Vertrauen von Senioren zu gewinnen, sagt Böckler. "Ältere Menschen sind oft sehr zögerlich, wenn sie Unterstützung brauchen. Erst wenn in der Pflege der Super-GAU eintritt, suchen sie spät Hilfe." Durch die Mittagstische hätten sich dort immer wieder Senioren an sie mit der Bitte um Beratung, beispielsweise bei der Beantragung des Pflegegrades, gewandt und sie in ihrem Dienstzimmer im Langgönser Rathaus besucht.

Ein Jahr ist es her, als ein ungewöhnlicher Anruf Böckler in ihrem Büro erreicht. Eine ältere Frau aus der Eifel ist am anderen Ende der Leitung. Sie habe Böckler über Google gefunden. "Meine Schwester wohnt gegenüber des Rathauses", erzählt die Frau der Senirorenberaterin. "Sie sitzt im Rollstuhl, sie vereinsamt und ist unglücklich." Böckler versteht den Anruf als Auftrag. Sie wirft Zettel in die Briefkästen der Mehrgenerationen-Wohnanlage, in der die 83 Jahre alte Seniorin wohnt, mit der Anregung, ob Nachbarn vielleicht Einkäufe der Frau erledigen oder mit ihr einen Kaffee trinken könnten. "Es hat sich niemand gemeldet", erzählt Böckler. Dann aber habe sie den Pflegedienst engagiert, einen Platz in einer Tagespflegeeinrichtung organisiert und die Seniorin zum Mittagstisch mitgebracht. "Sie wurde immer motivierter und lebensfroher." Die Frau sitze nicht mehr so oft im Rollstuhl, nutze nun überwiegend einen Rollator. "Was man mit Hilfe alles machen kann", sagt Böckler lachend.

Böckler atmet tief durch. Seit Januar 2017 hat sie sich im Projekt "Selbst.Ständig! leben" engagiert. Sie hoffe, dass die Seniorenhilfe fortgeführt wird. Das sei auch Ziel der Gemeinde, erklärt der Bürgermeister - "allerdings in neuer Form", nachdem die AWO aus der Finanzierung ausgestiegen ist. Eine halbe Stelle für ein Seniorenbüro sei angedacht, eventuell unterstützt von Fördergeldern aus dem Landesprogramm "Gemeindeschwester 2.0". Um auf die Bedeutung der Seniorenhilfe hinzuweisen, zitiert Böckler die Dichterin Else Pannek: "Beachtung braucht der Mensch wie Blumen die Sonne."

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