Dass ihre Kinder insgesamt knapp vier Monate nicht wie gewohnt in Krippen und Kindergärten gehen können, belastet viele Familien. FOTO: DPA
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Dass ihre Kinder insgesamt knapp vier Monate nicht wie gewohnt in Krippen und Kindergärten gehen können, belastet viele Familien. FOTO: DPA

Kita-Situation

Eltern klagen an: "Wir werden ignoriert"

  • vonStefan Schaal
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Bald soll auch in den Kitas im Kreisgebiet der Regelbetrieb starten. Viele Familien mit kleinen Kindern fühlen sich dennoch seit Monaten im Stich gelassen.

Frust, Optimismus, Wut: Zwischen diesen drei Emotionen pendeln Alina Zidaric und Christian Rompf aus Langgöns. Seit nun 13 Wochen - wie viele weitere Eltern im Kreis. Seit Mitte März improvisieren sie jeden Tag, organisieren in der Corona-Krise die Arbeit im Büro und im Homeoffice, den Haushalt und die Betreuung des drei Jahre alten Sohns. Irgendwann aber ist das Improvisationstalent eben aufgebraucht.

Das Land verspricht ab 6. Juli wieder eine reguläre Kinderbetreuung. Bei der Einführung des eingeschränkten Regelbetriebs Anfang Juni allerdings haben Zidaric und Rompf vergebens auf einen Kita-Platz für ihren Sohn gehofft. Die Betreuung ist davon abhängig, ob jede einzelne Kita auch die Kapazitäten hat. Ob es nun wirklich im Juli klappt? "Das Schlimme ist", sagt Zidaric, "wir werden ignoriert." Über die derzeitige Situation für die Eltern werde in der Öffentlichkeit viel zu wenig gesprochen.

Das Elternpaar will nicht allein auf ein Problem in Langgöns aufmerksam machen. "Es ist überregional, betrifft auch Eltern von Schulkindern", sagt Rompf. "Eltern haben keine Lobby." Dieser Eindruck verstärke sich, während überall das Leben wieder zu beginnen scheint. "Man kann wieder in Restaurants gehen, ins Fitnessstudio", sagt Zidaric. "Überall geht das Leben wieder los." In den Nachrichten verfolgt die Familie Diskussionen über Abwrackprämien, um der Autoindustrie zu helfen. Bei der Kinderbetreuung aber gehe es sehr langsam voran.

"Viele Eltern fühlen sich im Stich gelassen"

Zidaric und Rompf bekräftigen Beobachtungen, vor deren Hintergrund eine bundesweite Initiative unter dem Stichwort "#elterninderkrise" entstanden ist. Auf Facebook tauschen sich inzwischen 14 000 Mitglieder aus. Sie beklagen eine Missachtung von Kindern und Eltern und deren Relevanz für Gesellschaft und Wirtschaft.

Ihre Thesen mögen für manchen überzogen klingen, zumal derzeit so gut wie jede gesellschaftliche Gruppe und Branche von Pflegekräften über Reisebüros bis hin zu Diskotheken mahnt, in Corona-Zeiten zu wenig Wertschätzung zu erhalten. Für die Maßnahmen zum Schutz vor der Pandemie haben die Eltern indes durchaus Verständnis, die Langgönserin Zidaric arbeitet beim Deutschen Zentrum für Lungenforschung.

Ihr Partner, Handballer beim TV Hüttenberg in der 2. Bundesliga, war in den vergangenen Monaten auf Kurzarbeit, hat den Sohn daher betreuen können, kehrt nun aber langsam wieder in den Trainingsbetrieb zurück. Andere Familien hätten es seit der weitgehenden Schließung der Kitas Mitte März wesentlich schwerer gehabt, räumt Zidaric ein. Sie wolle sich aber eben nicht nur für die eigene Situation einsetzen. "Viele Eltern fühlen sich im Stich gelassen."

Eine Woche Kita, dann fünf Wochen Pause

In Dorlar sitzt derweil der drei Jahre alte Thiago Ruiz Perez und fragt seine Mutter: "Ist das Virus weg?" Der Grund für seine Frage: Für sieben Tage hat er seine Freunde in der Lahnauer Kita endlich wieder sehen und mit ihnen spielen dürfen. Die Kinder sind aber wochenweise in Gruppen aufgeteilt, Thiago muss auf den nächsten Kita-Besuch wieder fünf Wochen warten.

Kürzlich ist er in der Wohnung vor einem Familienfoto stehen geblieben, hat es berührt und gesagt: "Ich vermisse den Opa." Die psychische Last für Kinder, für lange Zeit weder Großeltern noch Kita-Freunde sehen zu dürfen, sei enorm, sagt seine Mutter. "Kinder lernen sehr stark voneinander." Der Sohn sei nach wenigen Wochen in der Corona-Krise lethargisch geworden, habe sich bald kaum mehr mit seinem Spielzeug beschäftigt. "Die sozialen Kontakte fehlen." Sie gibt zu: "Wir haben uns auch mal heimlich mit einer anderen Familie zu Hause getroffen."

Den Plan der Bundesregierung, Eltern ab Herbst einen Bonus in Höhe von 300 Euro pro Kind zu zahlen, sieht sie als unzureichend an. Ziehe man die Steuer ab, bleibe davon wenig übrig, sagt sie.

"Wir gehen auf dem Zahnfleisch"

Aufreibende 13 Wochen liegen hinter den Langgönsern Rompf und Zidaric. "Wir gehen auf dem Zahnfleisch", sagt Rompf. "Die Kinder leiden. Und die Eltern leiden." Seine Partnerin erklärt, die Notwendigkeit der Betreuung von Kindern, deren Eltern in "systemrelevanten Berufen" arbeiten, belege die Unvereinbarkeit von Berufstätigkeit und Kinderbetreuung. In Langgöns äußert Bürgermeister Reusch Verständnis. Im Vergleich zu anderen Kommunen sei man die Öffnung der Kitas "vorsichtig" angegangen. Er selbst habe für seinen Sohn keinen Kita-Platz bekommen. "Auch als Bürgermeister ist man offenbar nicht systemrelevant."

Zidaric beklagt fehlende Transparenz. "Es geht uns nicht darum zu meckern", sagt sie. "Wir müssen aber aufhören mit der Ignoranz. Als gäbe es kein Problem."

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