Ausgesprochen Henni 19

Hendrik "Henni" Nachtsheim über Vehs Abschied, Gewalt in Stadien und sonstigen "Mist" rund um den Fußball.

Hallo Herr Nachtsheim, die Eintracht hat inzwischen den Klassenerhalt sicher, Trainer Armin Veh wurde ehrenvoll beim letzten Heimspiel verabschiedet. Möchten Sie dem scheidenden Trainer noch etwas hinterher rufen?

Henni: "Ich möchte mich für drei tolle Saisons bedanken und dafür, dass wir mal wieder europäische Fußballluft einatmen durften. Allerdings muss ich auch anmerken, dass ich seinen Satz, dass er keine Lust mehr hat, ständig gegnerischen Trainern nach dem Spiel zum Sieg zu gratulieren, vollkommen daneben fand und er mir den Abschied so etwas leichter gemacht hat."

Haben Sie eine vage Vorstellung, wer Veh nachfolgen könnte? Oder haben Sie vielleicht einen Wunschkandidaten?

Henni: "Da mein Wünschen bestimmter Kandidaten nichts genutzt hat und sie mittlerweile abgesagt haben, versuche ich es mal anders rum und wünsche mir Rolf Schafstall. Vielleicht bringt das ja Glück. Außer er kommt tatsächlich."

In der nächsten Saison muss die Eintracht nicht mehr international ran, also diese Ausrede für körperliche Verfallserscheinungen ist damit hinfällig. Was dürfen wir erwarten von den Hessen?

Henni: "Neue Ausreden, denn das ist schließlich eine der herausragenden Fähigkeiten eines jeden Hessen!"

Viele eingefleischte Fans wünschen sich natürlich, dass es auch wieder mal mit der Meisterschaft klappen möge. Allerdings müssen wir uns wohl von derlei Wunschdenken verabschieden ...

Henni: "Wobei wir bei Nummer zwei hessischer Qualitäten wären, nämlich gut gepflegtem Größenwahn! Kaum dem Abstieg entronnen, denken wir schon über mögliche Meisterschaften nach, das schafft nur der Hesse! ... Ähm, entschuldigen Sie mich bitte mal ganz kurz, ich will nur eben die Mail mit dem Heiratsantrag an Nicole Kidman losschicken ... So, jetzt können Sie weiterfragen."

Ist eine Meisterschaft in den nächsten Jahr(zehnt)en überhaupt vorstellbar?

Henni: "Gegenfrage: Glauben Sie, dass Wladimir Putin in absehbarer Zeit den Friedensnobelpreis bekommt?"

Nein, auf keinen Fall! Putin und Frieden haben nun wirklich nichts miteinander zu tun!

Henni: "Sehen Sie, genauso verhält sich das mit der Deutschen Meisterschaft und Eintracht Frankfurt."

Die Bremer haben am Samstag die Double-Mannschaft von 2004 geehrt, mit dabei Johan Micoud, Frank Baumann oder auch Ailton. So etwas würde man sich auch mal in der Commerzbank-Arena wünschen.

Henni: "Ja, aber das geht nun mal nicht, weil wir so was nicht haben. Schauen Sie, ich hätte auch gern an der Wand im Wohnzimmer das grüne Jackett hängen, das man bekommt, wenn man das Golf-Masters in Augusta/USA gewinnt. Da ich es aber nie gewonnen habe, kann ich auch keine Siegerjacke vorweisen. Wobei sich mein T-Shirt mit dem Aufdruck ›Ich war auf der Minigolf-Anlage Rodgau-Niederroden!" allerdings auch nicht so schlecht an der Wand macht."

Die einzige Frankfurter Meisterschaft datiert von 1959, da bekommen die allermeisten Fans wohl kaum noch Namen zusammen. Da geht es Ihnen ähnlich, oder?

Henni: "Ich versuche es mal, ohne irgendwo nachzuschauen, und Sie sagen mir, ob die Namen stimmen: Pfaff, Loy, Stinka – mehr weiß ich nicht."

Aufklärung folgt. In der Bundesliga hat es am Wochenende wieder mal Randale an verschiedenen Orten gegeben. In Italien wurde vor dem Pokalfinale sogar auf Fans geschossen, und im WM-Land Brasilien wurde ein Zweitliga-Fan im deutschen WM-Spielort Recife mit einer Kloschüssel erschlagen. Mutiert der Fußball zum Ersatzkriegsschauplatz?

Henni: "Fußball ist ja nicht erst seit Neuestem Schauplatz solcher Dinge, sondern schon lange, und darüber hier zu diskutieren, würde den Rahmen sprengen. Gewalt rund um diesen Sport ist wie ein Geschwür, das man nicht wegbekommt. Du kannst es so gut wie es geht beobachten, aber restlos beseitigen wirst Du das nie. Ich halte das für eine unangenehme Gegebenheit."

Die WM steht vor der Tür, die Missstände treten vielerorts offen zu Tage. Obdachlose haben nun gegen die horrenden Investitionen protestiert, während für das Volk nichts getan werde. Sind aus dem Boden gestampfte Großereignisse noch zeitgemäß?

Henni: "Das Erbauen von zig neuen Stadien in Ländern, die wirtschaftliche Probleme haben, ist sicherlich im hohen Maße absurd und zynisch. In Südafrika zum Beispiel stehen die tollen, teuren Fußballtempel jetzt mehr oder weniger ungenutzt in der Gegend rum. Einfacher wären Großturniere in Ländern, die schon über die geeignete Infrastruktur verfügen. Aber bei dem unübersichtlichen Tümpel aus Korruption und Interessenslagen auf vernünftigere Vorgehensweisen zu hoffen, wäre im hohen Maße naiv. Wobei ich anmerken möchte, dass wir mit Wolfgang Niersbach meiner Wahrnehmung nach einen ausgesprochen vernünftig denkenden Mann an der Spitze des DFB haben, was mich ein klein wenig beruhigt."

Die Bayern haben sich gegen Olympia entschieden, und ob die Fußball-WM in Katar zwischen Dekadenz und ausgebeuteten Arbeitern wirklich stattfindet, wird sich erst noch zeigen müssen. Ist Fußball nur noch ein Spiel um Geld und Macht?

Henni: "Zumindest nicht ausschließlich. Selbstverständlich hat Fußball als weltweite Volksdroge auch ein Meer an Verbrechern, korrupten Drecksäcken und egomanen Selbstdarstellern angezogen, die der Sport null interessiert. Als aber Ronaldo das 3:0 in München erzielt hat, erschien mir seine Freude absolut ehrlich, ja fast kindlich. Dieser Moment hat mich für einen Augenblick vergessen lassen, dass da zwei riesige Wirtschaftsunternehmen auf dem Platz standen, von dem das eine auch noch in einem unfassbar hohen Maß auf Pump basiert. Es passiert viel schlimmer Mist rund um den Fußball, aber ein gutes Spiel bleibt trotzdem ein gutes Spiel. Wobei ich Skeptikern, die mir jetzt eine etwas egoistisch-verklärte Sichtweise vorwerfen, durchaus recht gebe! Ich will auf Fußball nicht verzichten, auch wenn ich weiß, dass vieles rund um diesen Sport im Argen liegt.

"

Zur Aufklärung: Pfaff, Loy und Stinka ... richtig, sie alle haben für die Eintracht gespielt. Applaus. Eigenbrodt, Lutz und Kreß waren auch vor Ort. Das Beste für Sie zum Schluss: Es ist nämlich der 28. Juni 1959, vor Ort bedeutet Berlin, die SGE siegt im DM-Finale 5:3 nach Verlängerung. Gegen wen?

Henni: "In Frankfurt gibt es Menschen, die weder den Mauerfall, noch den 11.September mitbekommen haben. Aber wenn Du sie mitten in der Nacht wachrüttelst und fragst, wen die Eintracht damals im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft besiegt hat, werden sie mit einem verklärten Lächeln ›Offebach!" seufzen."

Ausgesprochen Henni 18

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