1963 wurde das Haus, in dem auch eine jüdische Schule untergebracht war, abgerissen.
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1963 wurde das Haus, in dem auch eine jüdische Schule untergebracht war, abgerissen.

Wo einst die Synagogen standen

  • vonStefan Schaal
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Zwei jüdische Gebetshäuser gab es einst in Holzheim. Heute weist nichts mehr im Dorf darauf hin. Pfarrer Matthias Bubel will das ändern und gleichzeitig weitere historische Orte, die im Dorf zunehmend in Vergessenheit geraten, in Erinnerung rufen. Er sucht Mitstreiter.

Übrigbleibsel der alten Scheune sind noch zu erkennen, der hölzerne Giebel ist unverändert. Direkt vor dem früheren Scheunengebäude, das zu einem Wohnhaus umgebaut wurde, klafft allerdings eine Lücke. Eine Lücke, die nur ältere Holzheimer erkennen - oder Dorfbewohner, die sich mit der Geschichte ihres Orts befassen. Wo heute Autos parken, stand bis in die 60er Jahre hinein ein kleines, einstöckiges Fachwerkhaus: eine Synagoge.

"Wir brauchen Orte der Erinnerung", sagt Matthias Bubel, während er vor der Fläche steht, auf der das jüdische Gebetshaus einst beheimatet war. Er fügt hinzu: "Damit wir uns diesem Teil der Geschichte stellen können." Der 51 Jahre alte evangelische Pfarrer hat ein Buch aufgeschlagen, in dem die Synagoge in der früheren Schulstraße, die heute Im Noll heißt, abgebildet ist. "33 Männer und 12 Frauen haben in der Synagoge Platz gefunden", erzählt er. Auch eine Schule für jüdische Kinder habe sich in dem Gebäude befunden. 1963 wurde das Haus wegen Baufälligkeit abgerissen.

Der Holzheimer Pfarrer engagiert sich dafür, die Erinnerung an Orte in seinem Dorf wach zu rufen. Dass zwei frühere Synagogen in Holzheim allmählich aus dem Gedächtnis der Dorfbewohner verschwinden, sei traurig und dürfe man nicht hinnehmen.

Vor zwei Jahren hat Bubel in einer Gedenkstunde zur Reichspogromnacht auch auf die beiden einstigen jüdischen Gebetshäuser aufmerksam gemacht. "Einige Ältere sind danach auf mich zugekommen und haben von ihren Erinnerungen erzählt."

Dass das Gebäude der Synagoge in der alten Schulstraße den Nationalsozialismus überstand, war allein der Tatsache zu verdanken, dass das Gebetshaus mitten im eng bebauten Dorf stand. Die Synagoge wurde in der Pogromnacht im November 1938 nicht in Brand gesteckt, nachdem Anwohner die Befürchtung geäußert hatten, dass das Feuer auf den benachbarten Stall und weitere Gebäude übergreifen könnte.

Bubel spaziert mit Albert Mehl vom Kirchenvorstand seiner Gemeinde durch den Dorfkern Holzheims. Bubel ist ein Zugereister, erst 2015 kam er aus Ulrichstein im Vogelsberg als Pfarrer nach Pohlheim. In der Geschichte Holzheims allerdings kennt er sich mittlerweile bestens aus. "Als Pfarrer habe ich viel mit älteren Menschen zu tun, die mir häufig aus ihrer Kindheit erzählen", erklärt er.

Nahe des Haingrabens hält Bubel an. "Wusstest du, dass es an dieser Stelle mal zwei Bäche gab?", fragt der Pfarrer Mehl, der in Holzheim geboren ist und sein ganzes bisheriges Leben in dem Dorf verbracht hat. Mehl schüttelt den Kopf. Und Bubel erzählt. "Hier war die Treppebach. Da wurden im Herbst die Kartoffelsäcke gewaschen." Und weiter hinten sei "die Wäschebach" geflossen. "Die Dorfkinder sind dort zum Schwimmen hineingesprungen."

Von beiden Bächen ist heute nichts mehr zu sehen. "Historische Orte drohen in Vergessenheit zu geraten", sagt der Pfarrer. "Das ist leider in vielen Dörfern so." Es gehe auch darum, Verbindungen zu den Eltern und Großeltern der heutigen Dorfbewohner zu knüpfen. "Und damit auch die Bedeutung von Orten für die Gegenwart und die Zukunft zu würdigen."

Mit Blick auf die früheren Synagogen im Dorf stehe man derweil gleichzeitig in der Verantwortung. Es gelte, auch das traditionsreiche jüdische Leben in Holzheim wieder in das Heute und Jetzt zu holen.

Holzheim war seit dem 19. Jahrhundert von jüdischem Leben geprägt. Viehhändler, Kaufmänner und Schuhmacher jüdischen Glaubens lebten in dem Dorf. In der Hauptstraße war im Eckhaus an der heutigen Turngasse eine weitere Synagoge untergebracht. Im linken Teil des heute noch stehenden Hauses hatte ein Gewürzhändler seinen Laden, in der rechten Hälfte war ein Betsaal eingerichtet.

Die Shoa bedeutete das Ende der 1836 gegründeten jüdischen Gemeinde in dem Dorf, 1942 wurden zwölf jüdische Holzheimer deportiert.

Bubel sucht Ehrenamtliche, die helfen, das Gedächtnis an das jüdische Leben in Holzheim neu zu wecken. "Wir wollen unter anderem vor den früheren Synagogen Stolpersteine anbringen", sagt er. Planungen gibt es dafür bereits seit vergangenem Jahr. Gleichzeitig schlägt Bubel vor, weitere historische Orte in Holzheim wieder in Erinnerung zu rufen. "Die vielen Schulen zum Beispiel, die es in Holzheim bisher gegeben hat."

Der Pfarrer schlägt vor, Schilder und Zeittafeln an Häusern anzubringen. "Möglich wären auch QR-Codes, um dann mit dem Handy weitere Informationen zur Geschichte der Orte abrufen zu können. Für einen Moment hält er inne. Vielleicht sei das Ziel zu hoch gegriffen, sagt er. "Aber man wird ja noch träumen dürfen."

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