Annalisa Weyel ist als Kind einer gehörlosen Mutter und eines schwerhörigen Vaters aufgewachsen. Heute setzt sie sich dafür ein, die Hürde zwischen Hörenden und Gehörlosen zu verkleinern. FOTOS: SDA
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Annalisa Weyel ist als Kind einer gehörlosen Mutter und eines schwerhörigen Vaters aufgewachsen. Heute setzt sie sich dafür ein, die Hürde zwischen Hörenden und Gehörlosen zu verkleinern. FOTOS: SDA

In einer Welt voller Hörender

  • Sabrina Dämon
    vonSabrina Dämon
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Bevor Annalisa Weyel die Wörter "Mama" und "Papa" zum ersten Mal gesagt hat, konnte sie sie in Gebärdensprache ausdrücken. Nur so konnte sie sich mit ihren Eltern verständigen. Heute sagt die Butzbacherin: Als Kind gehörloser Eltern habe ich viel Gutes erfahren - und will es weitergeben. Auch, weil Hörende viel von Gehörlosen lernen können.

Annalisa Weyels Hände sind ständig in Bewegung. Zum Beispiel, wenn sie "Ich" sagt und dabei mit ihren Fingern auf sich deutet. Oder wenn sie von ihrer Kindheit erzählt und davon, wie sie im Kindergarten nach dem Tischgebet als Einzige die Fäuste übereinander gelegt hat. "Weil es in Gebärdensprache ›Amen‹ heißt", sagt sie. "Ich dachte damals, jeder kann Gebärdensprache."

Gebärdensprache ist ihre Muttersprache. Bevor die heute 19-Jährige gelernt hat, sich mit Worten auszudrücken, verständigte sie sich über Gestiken und Mimik. Ihre Mutter ist seit der Geburt gehörlos, ihr Vater schwerhörig. Erst mit zwei, drei Jahren hat Annalisa Weyel gelernt zu sprechen - durch Früherziehung und durch Oma und Opa.

Die Butzbacherin kennt die Probleme deswegen sehr gut, mit denen gehörlose Menschen im Alltag konfrontiert werden. Das fängt mit scheinbaren Kleinigkeiten an: Neulich wollte ihre Mutter einen Film anschauen - doch es gab keine Untertitel. Oder als Annalisa Weyel noch zur Schule ging und ein Elternabend bevorstand: Einen Gebärden-Dolmetscher zu beantragen sei stets ein großer Aufwand gewesen. "Es macht mich oft sauer, zu sehen, wie Gehörlosen der Zugang verwehrt wird."

Das, glaubt sie, habe viel damit zu tun, dass das Bewusstsein für das Thema fehle. Alltägliche Situationen bestätigten das immer wieder. Viele Menschen seien überfordert im Umgang mit Gehörlosen. "Im Supermarkt - wenn der Kassierer den Preis nicht in Gebärden darstellen kann."

Die meisten Gehörlosen haben deswegen gelernt, von den Lippen zu lesen - um sich in einer Welt voller Hörender zurechtzufinden.

In Deutschland leben rund 80 000 Gehörlose; hinzukommen weit mehr Schwerhörige. "Die meisten von ihnen stehen am Rand der Gesellschaft", Kontakte zu Hörenden gebe es kaum. "Das ist schade", sagt Annalisa Weyel. Gerade weil Hörende viel von Gehörlosen lernen könnten - von ihrer Gemeinschaft, von der offenen Art der Kommunikation. "Hinter gesprochener Sprache kann man sich leicht verstecken. Bei Gebärdensprache muss der ganze Körper mitmachen. Meine Eltern wissen immer sofort, wenn mit mir etwas nicht stimmt."

Seit vergangenem Herbst möchte sie das hörenden Menschen vermitteln. Und vor allem eine Brücke zwischen den "zwei Welten" bauen. "Als Hörende sind wir privilegiert. Da ist es unsere Aufgabe, gehörlose Menschen einzubeziehen, auf sie zuzugehen und zu sagen: Wir sehen Euch."

Mit einer Partnerin bietet sie in Frankfurt kostenlos Kurse für Gebärdensprache an. Der Einstieg lief gut, doch dann mussten die Kurse wegen Corona unterbrochen werden. Im Herbst soll es weitergehen.

Wenn Annalisa Weyel heute davon spricht, wie sie als Kind gehörloser Eltern aufgewachsen ist, sagte sie, sie hat viel Positives dadurch erfahren. Ihre Eltern sind gut vernetzt - "gefühlt kennen sie alle Gehörlosen in Deutschland". Die Mutter hat in den 80er Jahren die evangelische Gehörlosengemeinde in Friedberg mitgegründet. "Es war für mich ein großes Glück, dass meine Eltern viele Freunde mit Kindern hatten." So konnten sie sich austauschen. "Ich habe aber auch gelesen, dass viele Kinder von Gehörlosen ausgeschlossen werden."

Sie selbst habe die Situation nie als nachteilig empfunden. Klar habe es die Momente gegeben, in denen sie sich anders als die restlichen Kinder gefühlt oder verhalten habe. Einfach, weil sie es von zu Hause so kannte. "Wenn man gehörlose Eltern hat, kann man sie nicht rufen. Man muss sie antippen." Und so hatte sie es sich angewöhnt, die anderen im Kindergarten erst anzutippen. "Das fanden viele seltsam." Heute lacht sie darüber. Und sagt: "Dafür kann man sich in Gebärdensprache durch Schreiben unterhalten."

Erst seit 2002 ist die Gebärdensprache in Deutschland rechtlich anerkannt. Früher, Annalisa Weyel weiß das aus Erzählungen ihrer Mutter, mussten gehörlose Kinder zum Logopäden, um sprechen zu lernen. Dass jedoch jemand aus der Familie Gebärden gelernt habe oder Hörende einen Schritt auf Gehörlose zugegangen seien, sei so gut wie nie vorgekommen. Heute, ganz langsam, ändere sich das ein wenig. Annalisa Weyel möchte so gut es geht dazu beitragen. Soweit es die Zeit neben ihrem Studium zulässt, ist sie als Dolmetscherin bei Besprechungen im Gehörlosenzentrum in Frankfurt tätig. Sie kann sich vorstellen, später einmal im Bereich Aufklärung zu arbeiten - zum Beispiel in Schulen. "Ich empfinde es als meine Berufung, der Gemeinschaft zu helfen."

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