Einer der schönsten Dörrie-Filme seit Jahren

Eine große Überraschung bescherte der einzige deutsche Wettbewerbsbeitrag auf der Berlinale. Nachdem Doris Dörrie in ihren letzten Filmen zunehmend ins Esoterische abglitt, ist "Kirschblüten-Hanami" einer der schönsten, sensibelsten Dörrie-Filme seit Jahren. Einer, der zu Herzen geht und nie peinlich wirkt.

Ein bizarres Straßenbild tut sich auf: Auf vier- bis fünfspurigen Schnellstraßen sind im gefährlichen Slalom zwischen dichten Autokolonnen auch Motorradfahrer unterwegs, die ihre Fahrgäste auf dem Rücksitz mitnehmen oder als Spediteure schwere Lasten transportieren. Einige Fahrgäste führen inmitten des lauten Verkehrs gar noch mit einer Hand Handygespräche oder sind selbst schwer bepackt, und keineswegs alle Fahrer tragen einen Schutzhelm wie Karim, der Protagonist in Majid Majidis wunderbarem, sensibel erzählten Film "The Song of Sparrows", mit dem die Berlinale einen weiteren würdigen Anwärter auf den Goldenen Bären im Wettbewerb hat. Solche schwindelerregenden Ansichten aus Teheran kannte man bislang noch nicht aus dem allemal produktiven iranischen Kino.

Mit tragikomischem Humor skizziert Majidi den harten Existenzkampf eines Mannes, der sich auf den abenteuerreichen, schlauchenden Job eines Zweirad-Transporters in der vibrierenden Metropole einlässt, nachdem er seine Arbeit auf einer Straußenfarm verloren hat. Aber dieser Karim macht das Beste aus seiner Situation, entwickelt sich zu einem Lebenskünstler, der bei jeder seiner Rückfahrten etwas Trödel mit nach Hause nimmt, den er von der Straße aufliest.

Majidis große Kunst liegt dabei in der Leichtigkeit seines Erzähltons, mit der er soziale Themen wie Armut, Kinderarbeit und unzumutbare Arbeitsbedingungen streift.

Eine große Überraschung bescherte der einzige deutsche Wettbewerbsbeitrag. Nachdem Doris Dörrie in ihren letzten Filmen zunehmend ins Esoterische abglitt, buddhistische Umkehr im Zen-Kloster lehrte, gar Erleuchtung in Gemüseschnippeln fand, war man auf das Schlimmste gefasst, zumal in ihrem jüngsten Film auch wieder die asiatische Kultur großen Raum einnimmt. Doch siehe da, "Kirschblüten-Hanami" ist einer der schönsten, sensibelsten Dörrie-Filme seit Jahren. Einer, der zu Herzen geht und nie peinlich wirkt. Eigentlich sind es zwei Filme in einem. Im ersten geht es ums Verlieren, im zweiten ums Finden. Trudi, intensiv durchlitten von Hannelore Elsner, überredet ihren Mann Rudi (Elmar Wepper), der an Krebs im Endstadium leidet, was sie ihm aber verschweigt, zu einer gemeinsamen Reise zu ihren Kindern nach Berlin. Die aber sind ihnen fremd geworden und haben kaum Zeit für sie. Dann ein radikaler Bruch im Film: Nicht der grantelnde, etwas verbitterte Rudi stirbt plötzlich bei einem Ausflug ans Meer, sondern seine Frau, die ihm zuliebe ihre Lebensträume nie verwirklicht hat.

In der zweiten Hälfte des Films muss Rudi erkennen, dass sich seine Frau für ihn aufgeopfert hat. Jetzt erfüllt er ihre Lebensträume für sie, reist nach Japan, sieht die Kirschblüten, lernt eine junge Butoh-Tänzerin kennen und macht sich auf den Weg zum Fuji-Berg, von dem Fotos in ihrem Haus hingen. Dabei trägt er stets ihr Jäckchen unterm Mantel - um ihr zu zeigen, was sie immer sehen wollte.

Ein ähnliches Gefühlskino schwebte wohl auch Isabel Coixet vor, die in "Elegy" von der Liebe eines Literaturprofessors (Ben Kingsley) zu einer 30 Jahre jüngeren Studentin (Penelope Cruz) erzählt, die am Ende an Brustkrebs erkrankt. Allerdings kann man es kaum glauben, dass diese sich recht pathetisch zuspitzende, bisweilen reichlich kunstgewerblich inszenierte Geschichte nach dem Roman "The Dying Animal" von Philip Roth dieselbe Frau gedreht hat, die noch mit "Mein Leben ohne mich" von einer Krebskranken erzählte, die mit innerer Stärke ihren Tod plant. Penelope Cruz dagegen identifiziert sich mit den Augen des Machomannes: "Ohne Brust bin ich nicht mehr schön."

Die starken Frauen sieht man eher außerhalb des Wettbewerbs. Die noch im Alter von 80 Jahren wunderschöne Jeanne Moreau etwa verkörpert in Amos Gitais Literaturadaption "Plustard tu comprendras" eine Pariserin, deren Eltern einst nach Auschwitz deportiert wurden. Ihre traumatischen Erinnerungen hängen ihr nach, aber sie redet nicht groß darüber, will ihre Kinder nicht belasten. Schmerz und Kummer behält sie für sich selbst. Diese Rivka ist durch und durch eine Dame, bescheiden, selbstlos, gütig. Erst als sie spürt, dass sie bald sterben wird, da nimmt sie ihre Enkel mit in die Synagoge und gibt ihnen als Erinnerung den aufbewahrten Judenstern, den sie während der Okkupation tragen musste. Allein diese Szene dieses intimen, an wenigen Schauplätzen angesiedelten Kammerspiels, wird als eine der anrührendsten in die Filmgeschichte eingehen mit einer faszinierenden Jeanne Moreau, die noch im hohen Alter geheimnisvoll und ungemein schön ist.

Kirsten Liese

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