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Behzad Borhani (Bündnis 90/Die Grünen) rechnet sich Chancen für den Einzug in den Bundestag aus.

Wahl am 26. September

Bundestagswahl-Kandidat Behzad Borhani (Grüne): Einer, der sich einmischt

  • Ursula Sommerlad
    VonUrsula Sommerlad
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Er hat große Ambitionen: Er will die Welt ein kleines bisschen besser machen. So steht es auf der Homepage von Behzad Borhani. Der Grünen-Politiker aus Steinbach will in den Bundestag und rechnet sich dafür realistische Chancen aus.

Gießen – Er war Schulsprecher. Er saß lange im Vorstand der Sportjugend Hessen. Er macht Kommunalpolitik und kandidiert nun als Direktkandidat von Bündnis 90/Die Grünen im Wahlkreis 173. Für Behzad Borhani war es seit jeher selbstverständlich, sich einzumischen, mit anderen zu diskutieren und seine Meinung zu vertreten. Das hat mit seiner Familie zu tun. Seine Eltern haben 1990 mit dem damals sechs Jahre alten Behzad und seiner Schwester ihre Heimat Iran verlassen. »Sie sind nach Deutschland gegangen, weil es hier Meinungsfreiheit gibt. Also war für mich klar, dass ich davon Gebrauch mache«, sagt der Sohn in der Rückschau. Aber er legt Wert auf die Feststellung, dass er den Mund nicht zur Durchsetzung eigener Interessen aufmacht, sondern für die der Gemeinschaft. Genauso will er jetzt sein bundespolitisches Engagement verstanden wissen. »Es geht nicht um Behzad Borhani. Es geht um eine starke grüne Fraktion in Berlin.«

Für das Direktmandat im Wahlkreis gilt Kanzleramtschef Helge Braun von der CDU als haushoher Favorit. Aber Borhani ist von seiner Partei aus dem Stand heraus auf Platz zwölf der Landesliste gewählt worden. Auch wenn die Grünen in den Umfragen zuletzt an Zuspruch verloren, bleibt der studierte Politik- und Literaturwissenschaftler zuversichtlich: »Die Wahrscheinlichkeit ist da, dass ich in den Bundestag gewählt werde.« Falls es klappt. wäre sein Wunsch ein Platz im Sportausschuss, denn: »Sport ist einer der letzten Orte, an dem sich ganz unterschiedliche Menschen auf Augenhöhe begegnen.« Ob einer arbeitslos ist oder Professor, auf dem Sportplatz spiele das keine Rolle.

Bundestagswahl in Gießen: Für Behzad Borhani (Grüne) spielt Sport eine große Rolle

Diese integrative Wirkung hat der Kandidat am eigenen Leib erfahren, beim Fußball in Großen-Buseck, wo die Familie eine Weile gelebt hat. Der fremde kleine Junge stand am Rand und schaute zu, als ihn der Trainer spontan aufs Spielfeld winkte. »Ich hatte kein Trikot und gar nichts, aber ich war dabei.«

Ganz anders dagegen eine Episode aus dem Iran, die ihm seine Eltern erzählt haben. Der Vierjährige hatte im Kindergarten getanzt, einfach so, aus Freude an der Bewegung. Doch Tanz gilt als unislamisch, der kleine Junge wurde alleine in einen Raum gesperrt, seine Mutter musste ihn abholen. »Sie hat mich dort sofort abgemeldet«, berichtet Borhani. Seine Eltern seien wegen dieses Vorfalls bei den Revolutionsgarden angezeigt worden.

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Sport und Bewegung spielen für den 37-Jährigen eine große Rolle. Bis heute kickt er bei den Alten Herren in Utphe. Zudem ist er ausgebildeter Fitnesstrainer und Zumba-Instructor. Ein Sabbatical, bei dem er durch die Welt zog und Kurse leitete, gab seinem Leben eine entscheidende Wendung. In Spanien lernte er bei einem Seminar seine Frau kennen. Nur dank ihrer Unterstützung, das betont er, könnte er das Familienleben mit zwei kleinen Kindern und sein politisches Engagement vereinbaren. »Ohne sie ginge das gar nicht.« Was seine Berliner Ambitionen betrifft, seien er und seine Frau sich einig: »Das Beste, was wir für unsere Kinder machen können, ist, die Welt für sie lebenswert zu gestalten.«

Bundestagswahl in Gießen: „So viel Geld wie möglich in Transformationsprozess stecken“

Privat ist die Familie Borhanis Anker, beruflich war es über viele Jahrzehnte das Gießener Stadttheater. Seit einem Freiwilligen Sozialen Jahr gleich nach dem Abitur blieb er dem Haus am Berliner Platz in verschiedenen Funktionen verbunden, zuletzt als Leiter der Öffentlichkeitsarbeit. Der Kultur misst er als Ort der Begegnung einen ähnlichen Stellenwert bei wie dem Sport. Die Intendantin spreche vom »Marktplatz der Gedanken«. Borhani, der gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler Claus Leggewie die Diskussionsreihe »Offene Gesellschaft« moderiert hat, hält den Begriff für treffend. Leider hätten gerade Sport und Kultur unter Corona besonders gelitten. »Alle sagen, wie wichtig sie sind. Aber dann fallen diese Bereiche hinten runter.«

Als politischen Menschen hat Borhani sich immer schon betrachtet. Aber das gelte eigentlich für jeden. »Alle Entscheidungen, die wir treffen, sind politische Entscheidungen«, sagt er. Doch die Verantwortung auf den Einzelnen abzuwälzen, findet er zu kurz gedacht. Vor allem mit Blick auf den Klimawandel. »Wenn es um den Ressourcenverbrauch geht, braucht es einen klugen Rahmen.« Den müsse die Politik entwickeln, im Großen wie im Kleinen. Auch deshalb habe er sich dafür entschieden, nach vielen Jahren als Sport- und Kulturlobbyist konkret Politik zu machen.

Momentan ist der Steinbacher im Wahlkampf, dafür hat er seine Stelle am Stadttheater gekündigt. In den letzten Wochen habe er viele Gespräche mit der Wirtschaft geführt, erzählt er. Dabei sehe er sich in erster Linie in der Rolle des Zuhörers. Aber er versuche auch, gängige Narrative zurechtzurücken. Etwa das von den Grünen als Verbotspartei. Es gehe nicht um Verbote, es gehe um Alternativen.

»Wir wollen die Frage nach dem guten Leben beantworten«, sagt Borhani. Auf bundespolitischer Ebene setze das den Abschied von der »schwarzen Null« voraus. »Wir müssen so viel Geld wie möglich in den Transformationsprozess stecken.«

Bundestagswahl in Gießen: Behzad Borhani (Grüne) bekannt aus Kommunalpolitik

Aber Borhani ist auch Kommunalpolitiker. Seit diesem Frühjahr sitzt er im Kreistag und in der Fernwälder Gemeindevertretung. Die Arbeit gefällt ihm, weil sie so direkt ist. »Man trifft die Leute beim Rewe oder beim Bäcker.« Und man sei in Fernwald auf einem guten Weg des Miteinanders. Erst kürzlich hat die Gemeindevertretung einstimmig einen Dringlichkeitsantrag der Grünen zum fairen demokratischen Umgang verabschiedet. Das passt zum Fraktionsvorsitzenden, der von sich sagt: »Ich mag das Reden über verschiedene Perspektiven.«

Nur beim Fußball hört die Gelassenheit auf. Vorm Fernseher und auf dem Platz wird nicht geredet. Da wird laut geschrien. Behzad Borhani lacht: »Das ist ja das Schöne am Sport.«

Redaktioneller Hinweis: Dieser Text erschien erstmals am 13.09.2021.

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