Einen Killer und ein Gingerale, bitte!

»Die Technik bitte die Bodenheizung hochfahren«, säuselt der Aufnahmeleiter durchs Mikro. Nun, eine Bodenheizung gibt es auf dem Schlachthofgelände natürlich nicht, und die frühlingshaften Temperaturen sorgten am Donnerstagabend dafür, dass die Premierengäste in der Halle nicht allzu sehr frösteln mussten.

Und wem trotzdem ein wenig kalt war, für den gab es Decken und wärmenden Tee. Und eine Performance, die Schauspieler wie Publikum auf Trab hielt, denn wer wollte, konnte während des turbulenten Treibens seinen Sitzplatz wechseln.

Der erste Block des dreigeteilten Abends war ohnehin im Stehen zu betrachten. Auf einem Laufsteg zwischen zwei hochgezogenen Bauplanen machten die zahlreichen Zuschauer Bekanntschaft mit dem Plot. Schließlich wird hier eine filmische Vorlage umgesetzt, die der Finne Aki Kaurismäki mit seinem skurrilen Streifen »I hired a contract killer« lieferte. Verschwommen wie hinter Milchglas wird im Stakkato-Ton die Geschichte von Henri Boulanger entworfen, der seine Arbeit verliert und sich deshalb umbringen will. Da er es selbst nicht schafft, bestellt er kurzerhand in einer zwielichtigen Kneipe »einen Killer und ein Gingerale, bitte!«. Zu dumm nur, dass Henri sich das Ganze wieder anders überlegt - nun macht der Mörder abenteuerlich Jagd auf seinen Auftraggeber.

So schräg, wie die Story klingt, ist auch die szenische Umsetzung unter der konzeptionellen Leitung von Christian Fries, der als Regisseur seinen Schauspielkollegen viel Freiheit lässt. Auf den »Albtraum« folgt die Vorstellung des »Drehbuchs« in atemberaubendem Tempo, bei dem alle Akteure aufgeregt durcheinander reden und agieren, bis sie ihre Kostüme (Ausstattung: Marion Eiselé) und die einzelnen Einstellungen für den Film gefunden haben. Und dann wohnt das Publikum in aller Ruhe den »Dreharbeiten« bei und genießt das ausgewogene Spiel der Darsteller, die an diesem Abend gekonnt alle Register ziehen von wilden Improvisationen bis hin zu ausgefeilten Aktionen samt passender Mimik.

Gunnar Seidel behält mit seiner sanft beruhigenden Stimme als Aufnahmeleiter im Chaos stets die Übersicht. Roman Kurtz mimt den lungenkranken Killer mit fieser Visage. Irina Ries - ihr Jazz-Gesang hat Extraklasse! - bleibt als seine Tochter im entscheidenden Moment völlig cool.

Kyra Lippler versteckt als schüchterne Rosenverkäuferin ihr Gesicht hinter Blumen, wenn sie dem lebensmüden Henri begegnet, dem Karsten Morschett seine großen traurigen Augen leiht und die Verzweiflung des Ausgestoßenen in jeder Geste spüren lässt.

Und dann gibt es noch einen sechsten Mitspieler, ohne den das ganze schöne Experiment nur halb so reizvoll wäre: Helmut Buntjer sorgt für die passende akustische Atmosphäre und entlockt seiner Posaune die schrillsten Töne, die mal wie Regen klingen oder sich gar harmonisch zu einer Melodie formen. Mit seiner Trompete bläst er zum Alarm und zaubert schließlich den Klangteppich für den gnadenlosen Showdown.

Ob nun Happening, Event oder Performance genannt - das Stadttheater beweist den Mut, seine Guckkastenbühne zu verlassen und das Publikum mit einer Raum- und Spielsituation zu konfrontieren, die man sonst eher von den Studenten der Theaterwissenschaften erwartet. Auch wenn das Geschehen phasenweise zerfleddert und etwas kürzer hätte ausfallen können - langweilig wird es nie und sei deshalb zum Ansehen empfohlen. Marion Schwarzmann

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