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Schön? Praktisch? Naturfern? An Schottergärten scheiden sich die Geister.

Eine steinige Debatte

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Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Über Umweltschutz sehr wohl. Und auch über die Frage, was eine Kommune alles für ihre Bürger regeln darf und soll. Schottergärten sind ein gutes Beispiel dafür. Die einen finden sie schick und praktisch - für andere sind sie ein ökologischer Sündenfall.

In Grünberg sind sie aktuell Thema, in Langgöns, in Biebertal, in Gießen und in Heuchelheim: Die "Schottergärten". Flächen, bei denen Steine, Kies oder Schotter das dominierende Gestaltungselement sind. Nicht selten wird darunter der Boden noch mit Folie abgedeckt, damit kein Kräutchen durch die Steine hochkommen kann.

Solche Flächen, da dürfte es wenig Dissens geb en, sind "ökologisch weitgehend wertlos", wie Stephan Henrich, der Bauexperte der Grünen aus Heuchelheim, konstatiert. Pflanzen, Vögel und Insekten haben dort wenig bis keinen Lebensraum - das wirkt sich auf Artenvielfalt aus und sogar auf das Mikroklima. Denn Schottergärten heizen sich auf, und geben die Wärme bis in die Abendstunden ab. Die Luftfeuchtigkeit sinkt, wenn die Verdunstung von Pflanzen wegfällt, reduziert dies die kühlende Wirkung, erläutert Henrich.

In Biebertal unternahm die SPD aktuell einen Vorstoß, solcherlei Gartengestaltung am besten zu untersagen.

Doch in welchem Maß kann und darf eine Kommune in privates Eigentum und bürgerlichen Gestaltungswillen eingreifen? Wie viel Regulierung darf sein? Darüber wird seit Wochen vielerorts in Gremien trefflich gestritten. In Langgöns beispielsweise argumentiert die FDP gegen ein Verbot von Schottergärten. Die finden die dortigen Liberalen zwar auch nicht gut. Aber, so sagt FDP-Vorsitzende Barbara Fandré: Mit Bestimmungen, Regulierungen und Vorschriften sei die Bevölkerung bereits zur Genüge überzogen. Und deren Einhaltung würden ohnehin häufig überhaupt nicht kontrolliert.

Zu ähnlicher Einschätzung kommt man in Heuchelheim und Biebertal. Mit dem Ergebnis, dass man von rigiden Regelungen erst einmal Abstand nimmt und stattdessen auf Aufklärung und Beratung setzt.

Ursprünglich hatten die Heuchelheimer Grünen beantragt, eine Satzung zu erarbeiten, mit der die Gestaltung der nicht überbauten Flächen auf Wohngrundstücken geregelt wird. Erwünschte Vorgabe: Gartenflächen sollen wasserdurchlässig sein und sollen begrünt oder bepflanzt werden. Bedenken hatten die anderen Fraktionen. Als Beispiel benannt wurde die Seniorin, die sich ihren Vorgarten mit Steinen auslegen lässt, um die (von ihr nicht mehr leistbare) Pflege zu reduzieren: Viele Steine - wenig Arbeit. Bei einer älter werdenden Bevölkerung kann die Pflege der Hausgärten durchaus ein gesellschaftliches Thema werden.

Steingärten: Mehr Grün in Grünberg

So belassen es die Heuchelheimer vorerst dabei, dass das Rathaus in der Öffentlichkeit bzw. gegenüber Hauseigentümern auf die nachteiligen Auswirkungen von Schottergärten hinweist und für naturnahe Gärten wirbt.

Auch im benachbarten Biebertal wurde der SPD-Vorstoß gegen Schottergärten in der Gemeindevertretung entschärft. Über die Bebauungspläne, so die ursprüngliche Idee der Genossen, könnte die steinige Gartengestaltung ausgeschlossen werden. Parallel zur Prüfung dieser Frage sollte mit einer Aufklärungskampagne bei den Bürgern angeregt werden, bestehende Schottergärten zurückzubauen. Zudem will man Alternativen aufzeigen, wie denn ein Hausgarten gleichermaßen ökologisch wertvoll und pflegeleicht sein kann. Doch ein Verbot geht vielen anderen Kommunalpolitikern in Biebertal zu weit: CDU-Sprecher Jürgen Purrucker sieht darin einen "sehr starken Eingriff in die Eigentumsrechte und die persönliche Freiheit". Auch in Biebertal belässt man es erst einmal beim Appell zur Vermeidung von Schottergärten und will prüfen, ob mehr rechtlich machbar ist.

Dabei gehen die Kommunen selbst nicht überall mit gutem Beispiel voran, wie der eine oder andere mit Schotter verzierte Kreisverkehrsplatz zeigt. Oder auch das Beispiel Grünberg: Das Thema "Schottergärten" ploppte dort vor zwei Jahren erstmals auf. Im Zuge des Endausbaus einer Stichstraße wurde eine grasbewachsene Fläche, teilweise eine Böschung beidseits einer Treppe, mit den Basaltsteinen zugepflastert, die man sonst nur vom Gleisbau kennt. Kaschiert wird die grau-dröge Szenerie mittlerweile von hochwachsenden Gräsern. Auf Grünen-Antrag schob das Stadtparlament 2018 solcher Gestaltung auf öffentlichem Gelände einen Riegel vor.

Die Grünberger SPD hat nun eine Initiative gestartet, um solche unökologischen Sündenfälle auch auf privaten Flächen zu vermeiden. Die Genossen wollen in Bebauungsplänen das Verbot von Schottergärten durchgesetzt sehen. Eine entsprechende Verpflichtung soll auch bei Baulandverkäufen gelten. Sofern der Antrag beschlossen würde, wäre die Verwaltung überdies gehalten, per Aufklärungskampagnen bei Besitzern von Schottergärten für Rückbau zu werben.

"Mehr Umweltbewusstsein bei der Gartengestaltung" ist denn auch das Stichwort für die Langgönser FDP-Vorsitzende Fandré. Ziel müsse sein, ein Umdenken, nicht nur bei Haus- und Gartenbesitzern zu erreichen, sondern auch bei Landschafts- und Gartenbauern.

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