Das Landgericht Gießen. FOTO: KHN
+
Das Landgericht Gießen. FOTO: KHN

Überfall vor Gericht

Eine Melone statt Bargeld

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
    schließen

27-Jähriger will beim Überfall auf eine Supermarktmitarbeiterin in Fernwald Geld stehlen und erwischt deren Einkäufe. Jetzt steht er vor Gericht.

Gießen(so). "Ich dachte zuerst, da erlaubt sich einer einen Scherz!", hat die Angestellte des Rewe-Markts in Steinbach den Überfall bei der Polizei zu Protokoll gegeben. Denn sie hörte nur einen Knall, der klang wie ein Silvesterböller, ließ vor Schreck eine Getränkedose und ihr Handy fallen, und in dem Moment riss ihr ein junger Mann auch schon die Einkaufstasche aus der Hand. Der vermutete an jenem Montagmorgen im Juli 2018 in dem Stoffbeutel die Bareinnahmen des Marktes vom Samstag, die üblicherweise dann zur Bank gebracht werden. Doch er erwischte nur die Einkäufe der Frau. Unter anderem ein angebissenes Würstchen im Schlafrock, Fertigsuppen und eine Mini-Melone, alles zusammen Ware im Wert von rund 20 Euro.

Überraschungsmoment

Das Ausnutzen des Überraschungsmoments beim Überfall auf dem Parkplatz des Getränkemarkts hat Richter Heiko Söhnel dem Angeklagten am Freitag im Landgericht beim Urteil zugute gehalten: Dass er die Frau eben nicht bedroht, dass er keine Gewalt angewendet hatte. Das unterstrich auch Pflichtverteidiger Axel Weber (Friedberg).

Dennoch: Dass der junge Mann bei der Tat eine Schreckschusspistole abfeuerte, führte letztlich zu einer Verurteilung wegen versuchten Diebstahls mit einer Waffe plus Unterschlagung. Eben weil er die Einkäufe mitgenommen hatte. Die Melone habe er, so sagte der 27-Jährige, später selbst gegessen.

Das Urteil: ein Jahr

Das Urteil: Eine Haftstrafe von einem Jahr. Das Gericht gab dem Mann mit auf den Weg, sich einer stationären Drogentherapie zu unterziehen. Tut er dies, bleibt die Haftstrafe für bis zu zwei Jahre ausgesetzt. Womöglich müsse er die Haft nicht antreten, stellte der Richter in Aussicht. Von einer gerichtlich angeordneten Unterbringung zwecks Entzugs vor der Haftstrafe sah das Gericht ab. Das hätte in Summe auf bis zu drei Jahre hinauslaufen können. "Unverhältnismäßig", meinte Richter Söhnel. Der junge Mann, der das Urteil offensichtlich erleichtert aufnahm, räumt die Tat in Steinbach vollumfänglich ein. Auch das rechnete ihm das Gericht positiv an.

Überfall in Butzbach kein Thema mehr

Einen sehr ähnlichen Überfall wenige Tage später auf eine Angestellte eines Getränkemarktes in Butzbach stritt er ab. Diesen Anklagepunkt ließ nach drei Verhandlungstagen und etlichen Zeugenvernehmungen auch die Staatsanwaltschaft fallen, denn da gab es zwar Verdachtsmomente, wie den Einsatz einer Schreckschusspistole, den Versuch, die Tageseinnahmen zu erwischen und die Anwesenheit des Angeklagten in Tatortnähe, belegbar durch seine Handydaten. Doch dabei blieb es auch. Denn der Mann wohnt ganz in der Nähe des Marktes. Zeugen konnten den Angeklagten nicht als Täter identifizieren, Und von der Pistole fehlt jede Spur. Der Mann führte die Ermittler vergangene Woche zwar zu dem Brombeergestrüpp, in das er die Waffe geworfen haben will. Doch sie blieb verschwunden. Ergo lässt sich auch nicht klären, ob sie bei den Überfällen zum Einsatz kam. Die gleichen Patronenhülsen jedenfalls reichten dem Gericht nicht aus.

Drogenschulden

Warum aber der Überfall? Der junge Mann konsumiert seit seinem 14. Lebensjahr Drogen, brauchte das Geld, um Schulden von mehreren tausend Euro bei denjenigen zu begleichen, die ihm den Stoff besorgten. Angesichts des bis heute andauernden Drogenkonsums war das Gericht nach Zurateziehen einer psychiatrischen Gutachterin sehr Verhalten, was die Prognose angeht: Der Mann hat zwar derzeit eine feste Arbeit bei einem Bauunternehmen, und die Beziehung zu seiner Lebensgefährten sei stabil. Aber wenn da eine Säule wegknicke… "Wird das Suchtproblem nicht behandelt, läuft er hoch in Gefahr, wieder in Probleme zu kommen", so der Richter.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare