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Das war vor zweieinhalb Jahren: Schülerinnen und Schüler empfangen Cornelia Anthes an deren 60. Geburtstag mit einem Rosenspalier.

Eine Meisterin im Improvisieren

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Es war eine schnelle, klare Entscheidung kurz vor Weihnachten: Am Ende des laufenden Schuljahrs im Sommer wird Cornelia Anthes in den Ruhestand treten. 22 Jahre lang hat sie die Grundschule Krofdorf-Gleiberg geleitet, 39 Jahre war sie Lehrerin. Sie sagt: »Lehrer zu sein, das war für mich nie ein Halbtagsjob.«

Wir sind noch mitten in den Osterferien, doch Cornelia Anthes schaut auf die nächsten Wochen. Die Leiterin der Grundschule Krofdorf plant mit ihrem Kollegium für den Unterricht in Präsenz, für Wechselunterricht. etc. Eben für alle Eventualitäten, die angesichts der Pandemielage möglich wären. Zugleich sind es ihre letzten Osterferien. Jetzt, mit 62, hat sie entschieden, kürzerzutreten.

1999 war Anthes an die Grundschule Krofdorf-Gleiberg gekommen, um die Nachfolge von Egon Fritz als Schulleiterin anzutreten. Sie übernahm zugleich die Leitung einer dritten Klasse - und führte ihre Klasse 4 an der Gießener Korczak-Schule noch fertig. Wie war das leistbar? »Ich war damals hoch ambitioniert«, sagt sie rückblickend. Sie hatte zugleich eine Fortbildung für Leitungsfunktionen beantragt. Denn »man wird im Studium ja nicht zur Schulleitung ausgebildet«.

Letzterer wurde damals, ohne die Wichtigkeit der Arbeit schmälern zu wollen, »mitgemacht«. Und trotzdem ging man gegen 14 Uhr nach Hause. Heute wird das locker 16 Uhr.

Gleichwohl hat Anthes über 20 Jahre lang die Leitung der Schule mit rund 180 Schülern und einem Dutzend Lehrkräften parallel zur Führung einer Klasse gestemmt. Erst in den vergangenen zwei Jahren ging das nicht mehr. Die Verwaltung einer Schule, die Bürokratie, ist schlicht aufwändiger geworden. So hat die Lehrerin für Deutsch und Sport zuletzt nur noch Fachunterricht erteilt.

Als Anthes ihre Arbeit als Lehrerin begann, da tippte die Sekretärin noch auf einer Schreibmaschine. Und als sie verbeamtet wurde, da kam noch der Schulrat persönlich zum Aushändigen der Urkunde. Heute überreicht die Rektorin das begehrte Stück Papier der Anerkennung. Vieles, was damals im Schulamt verortet war, das machen heute die Schulleitungen.

»Verwalten bedeutet zumeist, nicht innovativ zu sein«, sagt die Schulleiterin rückblickend, aber sie ist zugleich stolz darauf, was sie in den vergangenen 22 Jahren geleistet hat. Ungeachtet der geänderten Rahmenbedingungen: Was ihr immer wichtig war, das war die Arbeit mit den Kindern. »Lehrer zu sein, das war für mich nie ein Halbtagsjob«, sagt sie. Das gab sie in den vergangenen Jahren auch immer wieder den Referendaren mit auf den Weg, die an ihrer Grundschule einen Teil ihrer Ausbildung durchliefen. Das war nicht immer einfach: »Mama, du kümmerst dich mehr um andere Kinder als um uns«, musste sie sich gelegentlich von ihrer Tochter Sophia vorhalten lassen. So etwas kann schmerzen. Zumal man immer wieder viel mit nach Hause mitbringt. Weil die Arbeit eben nicht mit dem Verlassen der Schule abgeschlossen ist, sondern darüber hinaus vereinnahmt.

»Manchmal habe ich Väter, erwachsene Männer, bei mir im Büro weinen sehen«, erinnert sie sich. Dann war sie neben dem Beruf als Lehrerin zugleich als Pfarrerin und Psychologin gefragt.

Und Bauherrin war sie auch noch. Denn in ihre Amtszeit fiel vor wenigen Jahren der Erweiterungsbau der Grundschule Krofdorf plus der »Pakt für den Nachmittag«. Damit wurde viel für die Schule erreicht. Auch wenn die Zusammenarbeit mit dem Landkreis als Schulträger gelegentlich »durchwachsen« war.

Aber Schule war für sie eben Berufung, nicht nur Job. Wenn Anthes rückblickend davon spricht, dann nimmt man es ihr ohne Zweifel ab.

Als die Leitungsstelle in Krofdorf-Gleiberg nach dem Weggang von Egon Fritz in die Wetterau vakant wurde, da wurde sie vom Schulrat auf die Chance hingewiesen. Doch er gab ihr zugleich einen Hinweis mit auf dem Weg: Die Elternschaft in dem Dorf am Rande von Gießen sei nicht einfach, sei vielmehr anspruchsvoll, wolle gerne mitreden und an Entscheidungen beteiligt sein.

Die junge Lehrerin sah das aber nicht als Warnung, sondern nahm das vielmehr als konstruktiven Hinweis an. »Ich mache Elternarbeit gern«, sagt sie. Unvergessen sind die zahllosen Elternabende, bei denen sie nach dem offiziellen Teil noch auf ein kleines Weizen in das Restaurant »Lava« oder in die Turnhallengaststätte mitging. Um sich eben Zeit zu nehmen für Einzelgespräche, für das notwendige Austauschen jenseits der Tagesordnung. Hilfreich, um viele kleine Fragen auf dem kleinen, persönlichen Dienstweg zu lösen, bevor sie zu einem großen Problem wurden.

Der Dialog mit den Eltern ist eines ihrer Geheimnisse, warum vieles an der Schule »rund« läuft: »Ohne deren Mitarbeit und Hilfe geht vieles nicht«, weiß die Schulleiterin. Und sei es, dass das Streichen eines Klassenzimmers ansteht. Auch das wurde fix erledigt. »Wenn man eine gute Schulgemeinde hat, kann man viel bewegen«, sagt Anthes. Auch wenn es immer wieder am Geld oder der schnellen Umsetzung von Notwendigem mangelt. Etwa aktuell bei der Digitalisierung, wichtiger denn je in Zeiten des veränderten Unterrichts unter Pandemie-Bedingungen. Denn bis heute fehlen etwa digitale Endgeräte für Lehrer. Aber: »Grundschullehrer sind Meister im Improvisieren«, sagt sie.

Und dann macht sie das wohl schönste Kompliment an die Schule, die Schüler, die Lehrerkollegen und die Eltern. »In meinem nächsten Leben«, sagt sie, »werde ich wieder Schulleiterin.«

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