Regisseur Sebastian Heinzel und sein Vater Klaus begeben sich auf Spurensuche in Weißrussland. FOTO: ILYA KUZNIATSOU
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Regisseur Sebastian Heinzel und sein Vater Klaus begeben sich auf Spurensuche in Weißrussland. FOTO: ILYA KUZNIATSOU

Was eine Kriegssituation bewirkt

  • vonSascha Jouini
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In seinem Film "Der Krieg in mir" geht der Regisseur Sebastian Heinzel der Frage nach, warum er so häufig vom Krieg träumt. Am Sonntag stellte er sich im Licher Kino Traumstern den Zuschauern.

Auf reges Interesse stieß der Film "Der Krieg in mir" im Rahmen des Hessischen Dokumentarfilmtags - das Kino Traumstern war am Sonntag fast ausverkauft.

Regisseur Sebastian Heinzel beleuchtet in dem Film ein gesellschaftlich wichtiges Thema. Immer wieder erscheinen ihm im Traum Kriegsbilder. Unter der Annahme, dass Traumata vererbt werden können, recherchiert er zu seinen Großvätern, die im Zweiten Weltkrieg Soldaten an der Ostfront waren.

Heinzel stellte sich in Lich den Fragen des Publikums. Interessant wurde die Veranstaltung auch durch persönliche Erfahrungen einiger Besucher.

Für Moderator und Dokumentarfilmer Andrzej Klamt geht der Film mit seiner Realitätsnähe "ans Eingemachte". Heinzel glaubt ebenso, mit dem Film und dem dazugehörigen Buch, in dem er stärker auf seine Familiengeschichte eingeht, der Wahrheit näher gekommen zu sein.

Dabei sei es schwierig gewesen, Spuren des längst gestorbenen Großvaters Heinz zu finden, dafür sei er seinem Vater umso näher gekommen. Beide reisten nach Weißrussland zu dem Ort, an dem Heinz verwundet wurde.

Wie der Filmemacher hervorhob, sei für ihn der Beziehungsaspekt zentral, so sei ihm klar geworden, wie distanziert das Verhältnis zwischen seinem Vater und Opa war. Der Aspekt der Schuld, im Krieg womöglich Menschen getötet zu haben, stand für ihn nicht im Vordergrund, vielmehr sprach er von Verantwortung, und die könne nur sein Großvater übernehmen.

Eine Witwe und weitere Menschen, die er in Weißrussland interviewte, hätten ihn entlastet und versöhnt.

Eine weitere Ebene im Film bilden nachgestellte Kriegsszenen. Heinzel wollte mitempfinden, was die Kriegssituation in ihm bewirkt, dabei in die Haut seines Großvaters schlüpfen. Sich in spielerischem Rahmen bewusst "verwunden" zu lassen, um den Vorfahren näher zu rücken, habe eine kathartische Wirkung gehabt.

Gegenüber dem Publikum scheute Heinzel nicht vor Systemkritik: Dass es "mächtige politische Interessen" gebe, immer wieder Kriege anzuzetteln, rege ihn auf.

Im Gegensatz dazu könnten wir, wie er es in seinem Projekt vormacht, durch die Traumabewältigung "eine Brücke zum Osten bauen".

Eine Zuschauerin bewegte der Gedanke, wie man bewusster in der Gegenwart leben kann, indem man die Vergangenheit begreift, eine weitere fand den epigenetischen Aspekt, der sich auch in Ängsten und Zwangsstörungen äußern könne, besonders interessant.

So liefert die Dokumentation Erklärungsmuster, wie Traumata nicht nur durch die Erziehung, sondern auch durch Veränderungen im Erbgut auf die Kinder- und Enkelgeneration übergehen können. Von den persönlichen Anmerkungen blieb vor allem die Schilderung einer Besucherin haften, die im therapeutischen Bereich tätig ist und beobachtet hat, wie über 80-jährige Männer erstmals über Kriegserfahrungen sprechen - Bewusstseinsprozesse können manchmal erst spät in Gang treten. Eine Wandlung stellte Heinzel denn auch bei seinem Vater fest, der eine Kindheit ohne Liebe gehabt habe und sich durch intensive Begegnungen auf der Weißrusslandreise sehr geöffnet habe.

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