Dieses Kunstwerk von Walter Kröll schmückt seit 1965 eine Grundschule in Watzenborn-Steinberg.
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Dieses Kunstwerk von Walter Kröll schmückt seit 1965 eine Grundschule in Watzenborn-Steinberg.

Aufarbeitung

Kunstwerk an Schule löst Diskussionen aus - Kommt es nun weg?

  • Rüdiger Soßdorf
    VonRüdiger Soßdorf
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Der Gießener Künstler Walter Kröll war schon im Dritten Reich erfolgreich und setzte seine Laufbahn in der Bundesrepublik fort. Wie damit heute umzugehen ist, das soll umfassend aufgearbeitet werden.

Gießen/Pohlheim – Hunderte Male hat Hiltrud Hofmann in früheren Jahren auf die Kunst an der Klinkerfassade geschaut, wenn sie vor der Watzenborn-Steinberger Limesschule auf ihrer Töchter wartete, um sie vom Sport oder dem Geigenunterricht abzuholen. Doch tiefere Gedanken hat sie sich um das Kunstwerk seinerzeit nicht gemacht. Heute, als Pohlheimer Stadtverordnetenvorsteherin, begrüßt Hofmann den soeben eingeleiteten öffentlichen Dialog über Leben und Werk von Walter Kröll (1911-1976). Denn bis heute nicht erschöpfend erörtert ist die Frage der nationalsozialistischen Vergangenheit des Künstlers. Mittlerweile gibt es eine öffentlich ausgetragene Kontroverse um die Einordnung Krölls.

Projektseminar an der Uni Gießen nimmt Künstler mit nationalsozialistischer Vergangenheit unter die Lupe

Der Kreistag hat im Juni das Aufarbeiten in Auftrag gegeben, um eine Entscheidungsgrundlage zu bekommen, wie mit dem Kunstwerk, vor allem auch der Person des Künstlers umzugehen ist. Der Diskurs wird in den kommenden Monaten nicht nur auf politischer Ebene geführt, sondern zugleich wissenschaftlich begleitet. Professorin Sigrid Ruby und Annabel Ruckdeschel vom Institut für Kunstgeschichte der Justus-Liebig-Universität Gießen planen für das kommende Sommersemester ein Projektseminar, in dem Kröll und andere Künstler wie Ernst Eimer oder Wilhelm Heidwolf Arnold in den Blick genommen und zugleich die Gründungsgeschichte des 1943 von Kröll mitbegründeten Oberhessischen Künstlerbundes (OKB) beleuchtet werden sollen. Zudem wird die Idee verfolgt, neben allen Interessierten auch die Schule mit einzubinden.

Den Stein ins Rollen gebracht hat die frühere Lehrerin und Pohlheimer FDP-Politikern Annelie Müller. Der anstehende Neubau mit Abriss älterer Gebäude hat geradezu zwangsläufig die Frage nach der Zukunft des Kunstwerks aufgeworfen, das 1965 beim Bau der Limesschule angebracht worden war. Es symbolisiert Fähigkeiten und Tätigkeiten, die die Schule neben dem Wissen vermitteln sollte: Spiel, Sport, Musik und Kunst.

Walter Kröll kein Einzelfall: Künstler und Werke mit NS-Vergangenheit besser einordnen

Erste Einschätzung der Kunsthistorikerin Ruby: Kröll ist ein exemplarischer Fall eines Künstlers, dessen Laufbahn über politische Systeme hinweg verlief, der sich nachweislich unterstützend im Nationalsozialismus zeigte und der seine Laufbahn nahtlos in der Bundesrepublik fortsetzen konnte. Kein Einzelfall übrigens, wie die Expertin darlegt mit Verweis auf eine aktuelle Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu Künstlern, die vom NS-Regime protegiert wurden und danach in den 50er, 60er und 70er Jahren weiter öffentliche Aufträge von Staat, Wirtschaft und Kirchen erhielten oder auch lehrten. So wie Kröll, der von den frühen 1950er Jahren an an der Gießener Uni Studenten im gegenständlichen Zeichen, Aktzeichnen und Fertigen von Radierungen unterwies. Zudem soll Kröll wohl neben dem Relief an der Limesschule weitere öffentliche Aufträge erhalten haben.

Kröll war schon im Dritten Reich erfolgreich. Seine Bilder entsprachen dem nationalsozialistischen Realismus, sagt der heutige OKB-Vorsitzende Dieter Hoffmeister, in den 1970ern Schüler von Kröll. Später habe sich dieser in seiner Ästhetik davon völlig gelöst. In der NS-Zeit herausragend war derweil ein bei einem Wettbewerb preisgekröntes Hitler-Porträt, das kurz darauf einen besonderen Platz in der Gießener Universität erhielt, wie der Historiker Jörg-Peter Jatho erinnert. Er will ebenfalls Forschungserkenntnisse zur Verfügung stellen.

Wo kommt Walter Krölls Kunstwerk an der Limesschule in Gießen künftig hin?

Expertin Ruby geht es aus wissenschaftlicher Sicht hingegen nicht um die Frage, ob das gute Kunst ist oder schlechte. Sondern: Wie lässt sich das Werk in seinem Kontext verstehen? Und wie können wir heute mit dem Kunstwerk gut umgehen? »Denn Kunst im öffentlichen Raum geht uns alle an.« Letztlich sei die Antwort auf die Frage wichtig, wo das Kunstwerk künftig hinkommt und wie es »gerahmt« wird, dass die Menschen die komplizierte Geschichte dahinter verstehen.

Ein Ansatz, den auch FDP-Fraktionschef Harald Scherer teilt. Es gehe um mehr als den Erhalt des Kunstwerks; eben auch um den Umgang mit dem Künstler, sagt er. Und die frühere Volkshochschulvorsitzende Marieanne Ebsen-Lenz bittet darum, »vorsichtig zu sein, beim Verurteilen und Beurteilen«. Wenn, dann bitte fundiert, indem man sich einordnend mit Künstler und Werk auseinandersetze.

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