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Eine ganz besondere Tracht

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Auf Hof Haina veranstaltet die Kreisvolkshochschule einen ungewöhnlichen Kurs. Es geht um Trachten, die Frauen einst trugen. Was die Biebertaler Tracht von anderen unterscheidet und warum man Seidenborten darauf vergeblich sucht, erzählt Museumsleiterin Gabriele Freyer.

Frauen in Tracht: Dieses Bild ist seit vielen Jahrzehnten aus dem Alltag verschwunden. Nun erinnert die Volkshochschule des Landkreises Gießen am Sonntag, dem 22. September, an die Kleiderkonvention einer vergangenen Bauernkultur. Bei einem Besuch im Biebertaler Bauernhausmuseum Hof Haina erfahren die Teilnehmenden von Museumsleiterin Gabriele Freyer, was im Biebertal, einem Teil des "Gemeinen Lands an der Lahn", getragen wurde und welche Sitten und Gebräuche damit verbunden waren. Anschauungsmaterial ist auf Hof Haina reichlich vorhanden, die Schubladen und Schränke des privaten Museums bergen einen großen Fundus an Trachtenteilen.

Frau Freyer, Sie beschäftigten sich mit Trachten. Können Sie sich selbst noch an Frauen in Tracht erinnern?

GabrieleFreyer: Ja, natürlich. Trachten sind ein Schwerpunkt des Museums, meine Mutter hat sie gesammelt. Sie hat damals auch den Kontakt zu Trachtenträgerinnen geknüpft. Ich erinnere mich gut an Frau Lenz aus Hüttenberg, die bis ins hohe Alter an ihrer Tracht festgehalten hat. Einmal, zur 1200-Jahr-Feier von Wieseck, ich war elf Jahre alt, habe sogar ich Tracht getragen. Sie gehörte einer früheren Bewohnerin des Nachbarhofs in Hof Haina. Ich fuhr darin auf dem Festwagen von Hof Haina beim Festzug mit und durfte dem Ministerpräsidenten Albert Osswald ein Geschenk überreichen.

Was unterscheidet die Biebertaler Tracht von anderen?

Freyer:In Hessen gab es wegen der Kleinstaaterei sehr viele verschiedene Trachten. Bei uns, also in der Gegend um Hof Haina, wurde eine vereinfachte Form der evangelischen Marburger Tracht getragen, natürlich sehr viel schlichter. Die Böden hier sind eher karg und die Bauern waren nicht so wohlhabend wie zum Beispiel im Hüttenberg oder in der Wetterau. Kostbare Seidenborten konnten sie sich nicht leisten.

Warum haben die Leute aufgehört, Tracht zu tragen?

Freyer:Da kommen verschiedene Gründe zusammen. Zum einen war eine Tracht teuer. Es gab ja die profane Alltagstracht und dazu noch die kirchliche Tracht und davon auch wieder unterschiedliche Varianten. Für arme Bauern war das unerschwinglich. Hinzu kamen die Realteilung und im 19. Jahrhundert die beginnende Industrialisierung. Die Äcker waren klein, viele Leute haben Landwirtschaft nur noch im Nebenerwerb betrieben und sind zum Arbeiten in die Fabrik gegangen. In der Stadt haben sie dann moderne Kleidung kennengelernt. Die Tracht war meist schwer und in der Fabrik unpraktisch. Die Entscheidung, die Tracht abzulegen, wurde in manchen Orten sogar gemeinschaftlich gefasst. Bei uns legte man als erstes Ende des 19. Jahrhunderts die Häubchen, auch Stülpchen genannt, ab. Nach dem Ersten Weltkrieg tauschten viele die Tracht gegen moderne Kleidung aus oder trugen eine modifizierte Form aus leichteren Stoffen. Andernorts, zum Beispiel in der Schwalm, wurde die Tracht viel länger getragen. Ich bin froh, dass die VHS mit der Anregung für diesen Kurs auf mich zugekommen ist. Das Thema ist sehr vielschichtig und interessant.

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