Geschädigtes Holz muss abgeräumt und vermarktet, neue Kulturen müssen gepflanzt werden. Für Wiebke Schrell gibt es im Hungener Revier viel zu tun. FOTO: TI
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Geschädigtes Holz muss abgeräumt und vermarktet, neue Kulturen müssen gepflanzt werden. Für Wiebke Schrell gibt es im Hungener Revier viel zu tun. FOTO: TI

Eine Frau für Hungens Wald

  • vonChristina Jung
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Sie ist 30 Jahre alt und liebt die Natur. Ihre Passion hat die studierte Forstwissenschaftlerin zum Beruf gemacht. Jetzt hat Wiebke Schrell auch ihr eigenes Forstrevier. Zunächst für drei Jahre wird sie sich um die Bewirtschaftung des Hungener Stadtwaldes kümmern.

Wiebke Schrell ist keine Frau der großen Worte. Fragt man sie etwas, fällt ihre Antwort eher knapp aus, ins Plaudern gerät sie während eines Gespräches nicht. Worte sind in ihrem Beruf allerdings auch nicht von großer Bedeutung. Bäume dagegen schon. Die 30-Jährige ist Försterin und seit Beginn dieses Jahres für das Hungener Revier verantwortlich. Gestern stellte Bürgermeister Rainer Wengorsch sie der Öffentlichkeit vor.

37 Jahre lang hatte sich Dieter Jungblut als Landesbediensteter von Hessen Forst um den Hungener Stadtwald gekümmert. Doch aus kartellrechtlichen Gründen darf der Landesbetrieb seit vergangenem Jahr die Holzvermarktung der kommunalen Wälder nicht mehr übernehmen.

Da man in der Schäferstadt Waldbewirtschaftung und Verkauf aber in einer Hand lassen wollte, entschied sich das Parlament für eine Trennung von Hessen Forst. "Beides in einer Hand zu belassen, war die bessere Lösung für uns", erklärte Wengorsch bei einer Pressekonferenz. Aus Gründen der Effizienz und Nachhaltigkeit.

Die Suche nach einem neuen Förster wurde gestartet, Wiebke Schrell gefunden. Sie ist eine Angestellte der Taunus GmbH, jenes Unternehmens, das nach der Ausschreibung der Stadt Hungen den Zuschlag erhielt.

Die 30-Jährige, die aus dem Weserbergland stammt und in Göttingen Forstwissenschaft und Waldökologie mit Schwerpunkt Forstbetrieb und Waldnutzung studierte, bringt bereits Berufserfahrung mit. Im Forstamt Vöhl am Edersee absolvierte sie ihr Anerkennungsjahr und war anschließend als Bauleiterin für Baumpflege, Verkehrssicherung und Baumfällung beschäftigt. Als sie die Stellenausschreibung für das Hungener Revier las, bewarb sie sich sofort.

Zunächst für drei Jahre wird Schrell für knapp 1200 Hektar "wirklich schönen Wald" zuständig sein, wie sie sagt. Viele Eichen- und Edellaubbestände, landschaftlich attraktiv mit einigen Naturschutzgebieten in der Umgebung, außerdem einheimischen Vogelarten. "Ich bin glücklich, hier gelandet zu sein", so Schrell.

Für die Natur konnte sich die 30-Jährige schon in ihrer Kindheit begeistern. Aufgewachsen in einem etwas abgelegenen Neubaugebiet von Grupenhagen bei Hameln war sie schon immer viel draußen unterwegs. "In den Ferien sind wir morgens aus dem Haus gegangen und wenn es dunkel wurde, wiedergekommen", erzählt sie. Schon damals waren Wald und Flur ihr Revier.

Als es auf das Abitur zuging, war der Naturliebhaberin schnell klar, wohin ihre berufliche Reise gehen würde. Schrell: "Ich habe gar nicht in Erwägung gezogen, etwas anderes als Forstwissenschaft zu studieren."

Was sie daran fasziniert? Die Vielseitigkeit, sagt Schrell. Der Wald erfülle viele Zwecke - er sei Lebensraum für die unterschiedlichsten Tier- und Pflanzenarten, außerdem Ort der Holzproduktion und Naherholung.

Dass die Arbeit vor Ort mitunter auch mal anstrengender ist als bei einem klassischen Schreibtischjob, macht der Försterin nichts aus. Da sie in ihrer Freizeit gerne klettert, ist sie körperliche Beanspruchung gewohnt. Außerdem sei es ja gerade "das Schöne an diesem Beruf, dass man draußen an der frischen Luft ist und sich bewegt".

Ebenso wenig stört Schrell, dass sie als Försterin nach wie vor in einer Männerdomäne arbeitet. Unter den neun Revierförstern, die derzeit in der Region für das Forstamt Wettenberg rund 17 500 Hektar Wald bewirtschaften, ist nur eine Frau.

Ob sie aufgrund ihres Geschlechts schon mal negative Erfahrungen gemacht hat? Nein, sagt Schrell. Im Gegenteil: "Die Leute sind eher positiv überrascht, wenn sie es mal mit einer Försterin zu tun haben."

Egal ob Mann oder Frau, im Hungener Stadtwald warten viele Aufgaben. Eine Herausforderung sieht Schrell in nächster Zeit in der Verkehrssicherung. Denn viele Buchenkronen weisen Totholz auf, eine Folge der trockenen Sommer. Schrell: "Da heißt es mit offenen Augen durchgehen, regelmäßig kontrollieren und Äste entfernen, wo es nötig ist." Ein Ende ist nicht in Sicht, und der nächste heiße Sommer kommt bestimmt, sind sich Schrell und der Bürgermeister einig.

Womit die nächste Herausforderung thematisiert wäre: der Klimawandel, unter dem in der Vergangenheit vor allem die Fichten gelitten haben. Hier gilt es, alte Flächen neu zu kultivieren, und zwar mit standortangemessener Bepflanzung, wie Schrell sagt. Sie setzt auf einheimische Laubbaumarten und Edelhölzer sowie trockenresistentere Arten wie Hainbuche und Elsbeere. Wengorsch: "Die klimatischen Veränderungen sind eine besondere Herausforderung." Reagieren statt agieren laute die Devise.

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