Christa Schnepp, Anneliese Heuser und Maria Anna Tickert (v. l.) beim Videotelefonie-Kurs mit Wilfried Jost. FOTO: LKL
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Christa Schnepp, Anneliese Heuser und Maria Anna Tickert (v. l.) beim Videotelefonie-Kurs mit Wilfried Jost. FOTO: LKL

Eine Frage des Wollens

  • vonLena Karber
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Der Anteil der älteren Menschen, die online sind, stagniert - und das trotz der vielen Vorteile, die das Internet gerade in Corona-Zeiten bietet. Ist die Hürde für Senioren zu hoch? Beim Lollarer Videotelefonie-Kurs ist man sich einig: Man muss es nur wollen. Der örtliche Computerclub geht mit bestem Vorbild voran.

Als die drei Teilnehmerinnen im Alter zwischen 67 und 81 endlich mit dem WLAN verbunden sind, lassen die nächsten Probleme nicht lange auf sich warten: Auf dem kleinen Handy-Display von Christa Schnepp wird das Programm nicht richtig angezeigt. Bei Anneliese Heuser ist plötzlich alles auf Katalanisch, weil die SIM-Karte des Geräts, das der Kursleiter ihr gegeben hat, aus Spanien stammt. Und Maria Anna Tickert kämpft damit, dass die Tastatur auf ihrem Tablet immer wieder automatisch ausgeblendet wird. "Das ist ganz normal, Sie haben ja heute erst Ihre erste Fahrstunde", sagt Wilfried Jost. Der Leiter des Kurses bleibt entspannt. "Die ersten Tausend Kilometer sind immer die schwersten."

Jost, der lange Zeit als Datenschutzbeauftragter gearbeitet hat und bereits seit 20 Jahren für den Seniorenbeirat Lollar Computer-Kurse gibt, bleibt bei seiner Metapher und spricht vom "Einparken" und "Ausparken". Eigentlich geht es bei den "Fahrstunden", die er unentgeltlich anbietet, aber nicht um Autos, sondern um Computer, Tablets und Smartphones. Auf dem Programm steht Videotelefonie. Ein Kommunikationsmittel, das durch Corona einen Schub erlebt hat - auch bei den Senioren. So ist der Anteil der Onliner ab 65 Jahre, die Videotelefonie nutzen, laut einer Umfrage des Digital-Branchenverbandes Bitcom von 31 Prozent im Januar auf 49 Prozent im Juli gestiegen.

Allerdings, auch das geht aus der Bitkom-Umfrage hervor, hat sich der Anteil der älteren Internetnutzer insgesamt kaum verändert. Online-Banking, Lebensmittel-Einkäufe auf Knopfdruck, risikofreie Kontaktmöglichkeiten - all die Vorteile, die das Internet gerade in Zeiten der Pandemie bietet, haben kaum neue Senioren in das Internet gelockt.

Dass die Zahl der Onliner ab 65 Jahren stagniert, ist nach Einschätzung von Jost zum Teil auch der mangelnden Infrastruktur geschuldet. "Wie wollen wir denn digitalisieren, wenn wir die Infrastruktur nicht haben?", fragt er. Zuletzt habe das Sozialministerium über die Landkreise "nach dem Gießkannenprinzip" 10 000 Tablets an stationäre Pflege-, Alten- und Behinderteneinrichtungen verteilt - zum Teil gebe es dort jedoch gar kein WLAN, um die Geräte im Internet zu nutzen. "Der Wille ist da, aber manchmal fehlt das Konzept."

Andererseits scheint die Hemmschwelle bei älteren Menschen oftmals sehr hoch. Viele scheuen sich vor der Herausforderung, weil sie glauben, dass sie zu alt seien. Inge Leinweber, die als Mitglied des Lollarer Computerclubs via Videostream zugeschaltet ist, kann davon ein Lied singen: Als vor 20 Jahren in der Stadt ein Internet-Café für Jugendliche eingerichtet wurde, setzte sie sich dafür ein, dass auch ein Internet-Angebot für Senioren geschaffen wird. Das Unverständnis sei groß gewesen, erzählt sie. "Wegen des Alters. Da war ich Ende 60."

Doch Leinweber ließ nicht locker. Heute produziert die 86-Jährige das Lollarer Seniorenjournal am PC und schreibt als Vorsitzende des Seniorenbeirats und ehrenamtliche Mitarbeiterin des Seniorenheims auch ihre Reden digital. Das Internet nutzt sie, um mit ihrer Urenkelin zu schreiben oder als Informationsquelle, etwa um Rätsel für Seniorenreisen zu erstellen. "Aber wir sind ja eine Generation, die nicht jede Kleinigkeit nachgucken muss", sagt sie. "Wir haben noch ein großes Wissen."

Trotzdem weiß Leinweber um die Vorteile des Internets. Mit den Mitgliedern des Lollarer Computerclubs, der vor 20 Jahren auf ihre Initiative unter der Anleitung von Jost zusammengekommen ist, trifft sie sich noch heute einmal pro Woche - normalerweise persönlich, zuletzt wegen Corona aber wochenlang online. "Wir haben die ganzen Hürden und Neuheiten mitgemacht", sagt Leinweber stolz und zählt auf: Erst die Chips, dann die CDs...

Die 86-Jährige glaubt, dass man nie zu alt ist, um das digitale Neuland zu betreten: "Lernen kann man, solange man lebt, und man lernt nie aus", sagt sie und es klingt, als sei das ihr Lebensmotto. "Man darf sich nicht nur berieseln lassen", betont sie. "Viele gehen in Rente und hocken dann vor dem Fernseher."

Auch die drei Teilnehmerinnen des Videotelefonie-Kurses sehen das so. "Das ist eine Frage des Wollens", sagt Schnepp, und die anderen stimmen ihr zu. Tickert erzählt, dass sie das Internet zuvor gar nicht genutzt habe, aber dann wurde ihr Sportkurs nur noch online angeboten. "Ich habe erst gedacht, das geht vorbei", sagt sie. Doch die steigenden Infektionszahlen hätten ihr gezeigt, dass es wohl noch länger dauern werde. Die Lösung, um weiter mitmachen zu können: ein Tablet und ein Kurs für Videotelefonie.

In dieser Woche will die 81-Jährige nach Ruttershausen kommen, wo Jost denselben Kurs noch einmal anbietet, um weiter zu üben. Und auch die anderen beiden Teilnehmerinnen spielen mit dem Gedanken. Leinweber ermutigt sie: "Aller Anfang ist schwer", spricht die 86-Jährige in ihr Headset.

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