Eine Lehrerin unterrichtet am Laptop mithilfe der Lernplattform Padlet im Distanzunterricht während ihre Tochter im Hintergrund lernt.
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Seit Montag lernen die meisten Grundschüler pandemiebedingt wieder zu Hause, nur knapp 20 Prozent der Erst- bis Viertklässler im Landkreis nutzen das Angebot des Präsenzunterrichtes. (Symbolbild).

Zweiter Corona-Lockdown

So läuft der Distanzunterricht im Kreis Gießen: „Eine enorme Belastung für Eltern“

  • vonChristina Jung
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Keine Freizeitaktivitäten, möglichst wenig Kontakte. Und jetzt auch schon wieder Lernen im Distanzunterricht. Gerade für Grundschüler und ihre Eltern ist das eine große Herausforderung - aber auch für die Lehrer.

Ein Bleistift wirbelt durch die Luft. Zwei Kinderhände schlagen auf eine Küchentischplatte. »Ich mache in Deutsch aber auch alles falsch«, schimpft der siebenjährige Emil (Name von der Redaktion geändert), springt vom Stuhl und stürmt in sein Zimmer. Seine Mutter folgt ihm, versucht, den Zweitklässler zu beruhigen und zum Weitermachen zu motivieren. Doch die Luft ist raus, und das schon um halb zehn an diesem Vormittag.

Distanzunterricht im Kreis Gießen: Große Herausforderung für Eltern und Kinder

Seit Montag steht für die meisten Schüler hierzulande wieder Homeschooling auf dem Stundenplan, was sie und ihre Eltern einmal mehr vor große Herausforderungen stellt. Und je jünger die Kinder, desto schwieriger der Distanzunterricht. Während Emils 16-jährige Schwester ihren digitalen Schultag vollkommen selbstständig organisiert und lediglich einmal ein technisches Problem - beispielsweise mit der Informations- und Kommunikationsplattform IServ - hat, braucht ihr Bruder während des Lernens immer wieder einen Ansprechpartner. Für Erklärungen, für Feedbacks, für die Motivation.

»Den Eltern wird gerade wieder sehr viel abverlangt«, sagt Julia Schäfer, Leiterin der Goetheschule in Großen-Buseck. »Das ist eine enorme Belastung«, weiß auch Cornelia Anthes, Leiterin der Grundschule in Krofdorf-Gleiberg. Gerade bei den Kleinen sei das Lernen an die Gemeinschaft gekoppelt. »Das können Eltern zu Hause nicht leisten«, sagt Anthes. Und doch versuchen viele Mütter und Väter genau das. Schon wieder. So gut wie möglich eben und neben ihrem Job.

Distanzunterricht im Kreis Gießen: Gerade jüngere Kinder brauchen geregelte Abläufe

Damit es irgendwie läuft, teilen sich Emils Eltern das Homeschooling auf, je nachdem, wie es die Arbeit zulässt. Eines ist aber jeden Tag gleich: Punkt acht geht es für den Junior los, für seine Schwester eine Viertelstunde früher. Gegen halb zehn steht die erste Pause an, bevor am späten Vormittag ein weiterer Lernblock folgt. Andere Eltern nehmen sich den kompletten Vormittag Zeit und verlegen ihre Arbeit auf den Nachmittag. Denn die eigenen Kinder unterrichten und gleichzeitig effektiv im Homeoffice arbeiten, das funktioniert nicht.

Spätestens am frühen Nachmittag ist dann Schluss mit Lernen, weil auch der Schulalltag zu Hause ein Ende haben muss, wie die Eltern finden. Und das sagt auch Jürgen Vesely, Leiter der Erich-Kästner-Schule in Lich und zudem stellvertretender Vorsitzender des Interessenverbandes hessischer Schulleiter (IHS). Zeitliche Struktur lautet das Zauberwort. Die sei für Kinder, besonders jüngere, ohnehin wichtig und in der aktuellen Situation, in der viele geregelte Abläufe fehlen, ganz besonders. »Alles im Leben hat seine Zeit«, sagt Vesely. Wenn man Lern- und Freizeitphasen nicht klar voneinander trenne, seien erstere weniger effektiv. »Die Kinder arbeiten dann nicht mehr so konzertiert.«

Distanzunterricht im Kreis Gießen: Neuer Stoff schwierig für Grundschüler

Doch so sehr sich Eltern auch bemühen, den ausgebildeten Lehrer können sie nicht ersetzen. Und das wird Folgen haben. »Der Distanzunterricht; wie wir ihn anbieten; umfasst vor allem die Wiederholung und Festigung bereits bekannter Lerninhalte«, sagt Vesely. Denn neuen Stoff auf digitalem Weg einzuführen sei in der Grundschule schwierig, bestätigt Cornelia Anthes. Dies bedürfe des persönlichen Kontaktes mit den Lehrkräften.

Immerhin: Die Vorgabe des Kultusministeriums lautet diesmal, den Präsenzunterricht unter dem Betreuungsaspekt zu sehen. Das heißt, auch jene Kinder, die von ihren Eltern in die Schule geschickt werden, bekommen nicht mehr geboten als die daheim. Damit letzteren keine Nachteile entstehen. Dennoch wird es Defizite geben und »es wird Zeit brauchen, das mit den Kindern aufzuarbeiten«, so Anthes.

Zeit für ihre Schüler brauchen die Lehrkräfte aber schon jetzt mehr als im Frühjahr. Sie sind in der aktuellen Situation doppelt gefordert, auch wenn Schulleitungen versuchen, im Präsenzunterricht »ressourcenschonend« zu arbeiten. Morgens stehen viele Lehrkräfte in der Schule, nachmittags sind sie mit der Reflektion des Distanzunterrichtes oder mit Videokonferenzen beschäftigt.

Distanzunterricht im Kreis Gießen: Neue Erfahrung für alle Beteiligten

Ein erfahrener Pädagoge könne im Präsenzunterricht auf sein Wissen zurückgreifen. Das Lehren auf Distanz aber sei für alle neu, so Vesely. »Vorbereitungszeit und Kontaktpflege sind viel intensiver, man ist ständig am Reflektieren und Anpassen.« Gerade in der Grundschule sei die Belastung für die Lehrer sehr hoch.

Es ist mittlerweile 11.30 Uhr. Emil hat sein zweites Frühstück hinter sich, im Garten getobt und einen Schneemann gebaut. Sein Vater ist mit dem Vormittagsprogramm durch und startet mit dem Junior in die zweite Runde Unterricht, bevor es gegen eins Mittagessen gibt. Zum Glück kocht an diesem Tag die Oma. Denn am Nachmittag braucht Emil ja wieder Betreuung. Denn Fußball und Freunde treffen fallen aus.

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