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Gunter Demnig verlegt Stolpersteine und Robert Varady spielt dazu Geige.

Ein Zeichen setzen

  • Nastasja Akchour-Becker
    VonNastasja Akchour-Becker
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13 Stolpersteine hat Gunter Demnig gestern im Auftrag der AG Stolpersteine in der Licher Kernstadt verlegt. Sie erinnern an drei Brüder und deren Familien, die in der Bahnhofstraße gelebt haben. Ihre Schicksale sind bewegend, wie die Gedenkveranstaltung zeigte.

Lich hat wieder ein Zeichen gegen Ausgrenzung und Fremdenhass gesetzt. Davon zeugen nun die frisch im Boden verlegten Gedenktafeln in der Bahnhofstraße 10 und 27, die an die jüdischen Familien erinnern, die dort einmal gelebt haben. »Erinnern ist nicht auf bestimmte Altersgruppen begrenzt«, macht Bürgermeister Dr. Julien Neubert in seiner Ansprache deutlich. »Und Erinnern hat auch damit zu tun, konkrete Gesichter vor Augen zu haben.«

Es sind drei Brüder und ihre Familien, die diesmal in den Fokus rücken. Eigentlich stammen Hermann, Louis und Adolf Stiefel aus Birklar. Ihr Vater Nathan lebte dort am Freien Platz 15, war Getreide- und Fruchthändler und hatte eine große Familie. Er war zweimal verheiratet und hatte 18 Kinder. Bei seinem Tod 1919 waren schon fast alle aus Birklar weggezogen, sein Haus wurde 1928 verkauft und in Birklar gab es niemanden aus der Familie Stiefel mehr.

Drei seiner Söhne ließen sich mit ihren Familien in der Bahnhofstraße in Lich nieder: Hermann und Louis unter der Hausnummer 10 und Adolf baute 1923 ein Haus, das die Nummer 27 erhielt. Wie ihr Vater waren auch sie Getreidehändler und bis 1929 Mitinhaber der väterlichen Firma. Doch nach den schlimmen Ereignissen des ersten Licher Pogroms am 12. und 13. März 1933 wurde die Situation für die Juden unerträglich. Und so waren auch die Nachfahren von Nathan Stiefel der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt. Sieben Geschwister wurden deportiert und ermordet, sechs Geschwistern gelang die Flucht.

Zunächst wählten die Stiefels aus der Bahnhofstraße einen Wohnort, der nicht allzu weit entfernt war. Hermann Stiefel zog im Juni 1935 mit Familie nach Frankfurt, doch nach der Flucht in die Niederlande wurden er und Ehefrau Selma im KZ Westerbork interniert und 1943 in Sobibor ermordet.

Tochter Irma lernte in Westerbork Hermann Windecker kennen, den jüngeren Bruder von Gustav und Eduard Windecker, an die Stolpersteine in Lich bereits erinnern. Sie heirateten und zogen nach 1948 nach New York.

Louis Stiefel zog in Juni 1935 mit Ehefrau Frieda nach Gießen. Dort starb er 1936, sein Grabstein ist auf dem neuen Friedhof erhalten. Seiner Frau und seinem Sohn Hans gelang 1938 die Flucht in die USA. Auch Tochter Ida und ihr Ehemann konnten in die USA flüchten, Tochter Bertha emigrierte zunächst in die Niederlande und flüchtete 1938 weiter in die USA. Die Familie des dritten Bruders Adolf Stiefel verließ im Oktober 1938 Lich und zog nach Frankfurt. Während Adolf 1939 nach London kam, dort als »feindlicher Ausländer« zunächst interniert wurde und 1943 den Reisepass erhielt, um in die USA auszuwandern, und Sohn Norbert bereits als 18-Jähriger 1938 dort ankam, folgten Ehefrau Irma und Tochter Liesel in einer abenteuerlichen Flucht mit der Transsibirischen Eisenbahn über Japan in die USA.

Dank an Schülerinnen

Liesels Sohn Lenny Nathan zögerte nicht lange, als er eine Einladung zur Stolpersteinverlegung erhielt. Extra aus New York angereist, war es für ihn sehr emotional, dass seine Mutter und Großeltern auf diese Weise geehrt werden (siehe Bericht unten).

Einen großen Dank sprach Nathan den Schülerinnen der Licher Dietrich-Bonhoeffer-Schule aus, die seine Familiengeschichte vorgelesen und weiße Rosen an den Steinen niedergelegt haben.

Dies wird nicht die letzte Aktion in Lich gewesen sein. Insgesamt sollen 120 Stolpersteine in Lich und den Stadtteilen verlegt werden.

Gunter Demnig verlegte gestern weitere Stolpersteine in Hungen und Laubach. Berichte hierzu folgen.

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