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Bereits im vergangenen Sommer haben vielerorts Schüler in den Ferien Unterrichtsstoff nachgeholt. Schulamtsleiter Norbert Kissel rechnet 2021 mit einem flächendeckenden Angebot in Hessen. SYMBOLFOTO: DPA/FELIX KÄSTLE

Ein wenig Schule in den Ferien?

  • Lena Karber
    VonLena Karber
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Seit über einem Jahr stellt die Pandemie den Schul- alltag auf den Kopf. Dennoch hatte in den Osterferien keine Schule außerhalb der Stadt Gießen ein Lerncamp angeboten, um Defizite auszugleichen. Schulamtsleiter Norbert Kissel ist allerdings zuversichtlich, dass das im Sommer anders sein wird.

Im Lockdown verbringen Kinder im Durchschnitt weniger Zeit mit Lernen als mit Fernsehen, Computerspielen und Handy. Das ist das Ergebnis einer Studie des ifo-Instituts, die angibt, dass sich die durchschnittliche Lernzeit zu Beginn des Jahres gegenüber dem normalen Schulalltag um drei Stunden auf nun 4,3 Stunden täglich reduziert hatte. Mangelnde soziale Kontakte, technische Schwierigkeiten und das Fehlen des direkten Kontakts zu den Lehrern sind weitere Faktoren, die dazu beitragen, dass es beim Lernen aktuell zu Defiziten kommt.

Der Gießener Kreisschülerrat um Christoph Bonarius hat sich daher im April für das Angebot einer freiwilligen Sommerschule ausgesprochen, in der Schülerinnen und Schüler bei Bedarf »zumindest einen kleinen Teil des verpassen Unterrichtsinhalts aufholen können«.

Bereits in den Sommerfreien 2020 und zuletzt in den Osterferien hatten hessenweit einige Schulen solche Lerncamps angeboten. Dafür war vom Land ein Budget zur Verfügung gestellt worden, sofern die vorgeschriebenen Rahmenbedingungen eingehalten wurden. Sprich: Eine Dauer von mindestens drei Tagen, durchschnittlich vier Lernangebote à 45 Minuten täglich, möglichst zehn Teilnehmer pro Lerngruppe. Zudem gab es bei jedem Schulamt einen »Campbeauftragten«, der die Schulen etwa bei administrativen oder koordinatorischen Aufgaben unterstützen sollte. Und es wurde vom Kultusministerium ein Pool mit Unterrichtsmaterial für die Fächer Deutsch, Mathematik und Englisch zur Verfügung gestellt. Beteiligt haben sich in den Osterferien etwa 139 hessische Schulen und 7000 Schüler und Schülerinnen; darunter drei Schulen und 120 Schüler aus Gießen. Im restlichen Landkreis gab es jedoch an keiner Schule ein entsprechendes Angebot.

Norbert Kissel, der Leiter des Staatlichen Schulamts für den Landkreis Gießen und den Vogelsberg, führt das auf die zugespitzte Infektionslage vor den Osterferien zurück. »Ursprünglich hatten sich im Landkreis Gießen sehr viel mehr Schulen für ein Lerncamp gemeldet, darunter auch viele Grundschulen, aber wegen der seinerzeit extrem hohen Inzidenz von einer Durchführung wieder Abstand genommen«, sagt er. Das sei aus seiner Sicht auch nachvollziehbar gewesen. Ohne die hohe Inzidenz, so seine Vermutung, wären »sicher mehr als 500 Schülerinnen und Schüler im Lerncamp gewesen«.

Zwar sah das Konzept explizit vor, dass auch digitale Lerncamps angeboten werden können, vielfach scheint das die Schulen jedoch abgeschreckt zu haben. Schließlich führt ja gerade der digitale Unterricht zu Problemen. Laut der ifo-Umfrage hatte noch zu Beginn des Jahres ein Drittel der Schüler regelmäßige Probleme bei der Nutzung digitaler Lernplattformen, also etwa beim Login, wegen Serverüberlastung oder wegen eines Absturzes. Auch kommt das gemeinsame Lernen offenbar häufig viel zu kurz: Fast 40 Prozent der Schülerschaft hatten im Homeschooling demnach maximal einmal pro Woche Online-Unterricht - die restliche Zeit mussten sie selbstständig lernen. Und jedes fünfte Kind erhielt seine Aufgaben auch noch Monate nach dem Ausbruch der Pandemie in Papierform.

Angesichts dieser und vieler anderer Probleme könnten Lerncamps in den Ferien helfen, Lerndefizite auszugleichen. »Ich gehe davon aus, dass auch in den kommenden Sommerferien - landesweit - ein entsprechendes Lerncamp-Angebot vorgehalten werden kann«, sagt Kissel. Angesichts der sinkenden Infektionszahlen könnte dieses dann auch mehr Schulen im Kreis Gießen umfassen. »Ich bin mir sicher, dass diejenigen Schulen, die sich ursprünglich für die Osterferien angemeldet hatten, auch im Sommer wieder dabei sind«, lautet seine Einschätzung.

In der Vorbereitung der Lerncamps war Kissel zusammen mit seiner Amtskollegin aus Offenbach und zwei weiteren Kollegen als beratendes Mitglied in die Planungsgruppe am Hessischen Kultusministerium berufen worden. »Von der Grundkonzeption der Lerncamps bin ich auf jeden Fall überzeugt«, sagt er. Daher hoffe er, dass auch weiterhin in dieser Form »ein wenig Schule in den Ferien« stattfinden könne - und dann vielleicht unter weniger heiklen Bedingungen. Kissel: »Ich hoffe sehr, dass im Sommer Corona nicht mehr das letzte Wort über solche Vorhaben in unseren Schulen sprechen darf.«

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