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1971 haben Laubachs Bürgermeister Alfred Funk, Forstamtmann Werner Kaiser und Oberinspektor Ulrich Beierle den ersten Trimm-Dich-Pfad des Kreises eingeweiht. Inzwischen gibt es wieder solche Anlagen, etwa in Linden.

Ein Trend kehrt zurück

  • Lena Karber
    VonLena Karber
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Vor 50 Jahren wurde in Laubach die erste Freizeit-Sportanlage des Kreises eröffnet. Damit zählte die Stadt zu den absoluten Trendsettern, denn zu Beginn der 1970er Jahre veränderte die sogenannte Trimm-Dich-Bewegung das Verhältnis der Deutschen zum Sport. Viele der Anlagen, die einst eingerichtet wurden, gerieten gegen Ende der 1980er zwar in Vergessenheit.

Doch inzwischen zeigt sich: Der Trend kehrt zurück.

Mit weißem Hemd und Krawatte zieht sich Alfred Funk auf einem der Fotos an einer Reckstange hoch. »Höher geht’s nicht«, stöhnt der damalige Laubacher Bürgermeister dabei laut einem Bericht anlässlich der Einweihung des örtlichen Trimm-Dich-Pfades aus dem Jahr 1971. »Erste Freizeit-Sportanlage des Kreises - Alle Altersstufen angesprochen - Fremdenverkehr soll forciert werden« titelte die Gießener Allgemeine Zeitung dazu vor 50 Jahren.

Rückblickend ist der Artikel ein Stück Zeitgeschichte. Denn nur wenige Monate vorher, im März 1971, hatte der Deutsche Sportbund (DSB) eine Kampagne ins Leben gerufen, mit der die Deutschen zu mehr Bewegung animiert werden sollten, um Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen entgegenzuwirken. »Trimm Dich durch Sport« lautete der dazugehörige Slogan, der eine Bewegung begründete, die insbesondere im Zuge der Olympischen Spiele von 1972 eine enorme Bekanntheit erreichte.

Ein Beleg dafür ist die damalige Popularität von Trimmy, einem gezeichneten Männchen in Sportbekleidung. Das Maskottchen der Bewegung ermutigte die Deutschen in Fernsehspots und auf Plakaten mit erhobenem Daumen zu Dauerlauf, Rumpfdrehungen und Bocksprung - und war laut DSB nach drei Jahren 90 Prozent der Deutschen bekannt. Besonders Ehrgeizige versuchten gar, die Trimm-Spirale vollzubekommen, eine Teilnahmekarte mit 100 Feldern, in die man Aktivitäten eintragen konnte.

Als Zeugen dieses Zeitgeistes gelten aus heutiger Sicht spezielle Fitnesspfade mit verschiedenen Übungsstationen, die ab den 1970ern in vielen deutschen Städten und Gemeinden errichtet wurden. Dabei stammte die Idee dazu nicht vom DSB, sondern aus der Schweiz, wo die gleichnamige Lebensversicherung 1968 den ersten Vitaparcours eröffnet hatte. Bisweilen wurde diese Bezeichnung auch hierzulande verwendet.

Eine Bewegung der 70er und 80er Jahre

Mit ihrem Trimm-Dich-Pfad gehörte die Stadt Laubach damals jedenfalls zu den absoluten Trendsettern. Das zeigt ein Blick auf die Zahlen: »Wie uns Bürgermeister Alfred Funk in einem Gespräch mitteilte, ist dies die erste derartige Sportanlage des Kreises Gießen, in Hessen gäbe es davon bis jetzt etwa zehn und im Bundesgebiet wurden rund 70 eingerichtet«, heißt es in dem GAZ-Bericht. Bis in die 1980er Jahre stieg diese Zahl Schätzungen zufolge auf rund 1500.

Gegen Ende der 1980er Jahre ließ die Begeisterung dann nach. Sportwillige zog es zunehmend in die Fitnessstudios und Aerobic-Kurse, während die Trimm-Dich-Pfade langsam in Vergessenheit gerieten und verwilderten, weil die Kommunen sich nicht mehr um ihre Pflege kümmerten. Manchmal sind die Routen jedoch noch heute zu erkennen. So ist der frühere Vitaparcours zwischen Watzenborn und Grüningen sogar in einer bekannten Outdoor-App ausgewiesen - allerdings als Rundkurs für Mountainbiker.

Inzwischen scheint sich jedoch wieder einmal zu bewahrheiten, was sich schon oft gezeigt hat: Jeder Trend kommt wieder. Sport im Freien und Übungen mit dem eigenen Körpergewicht erfreuen sich seit einigen Jahren zunehmender Beliebtheit. Und Corona hat den Trend nun noch einmal verstärkt. Während Fitnessstudios lange geschlossen hatten, stand der Wald jederzeit zur Verfügung. So mancher dürfte Gefallen daran gefunden haben.

Neue Namen, alte Ideen

Entsprechend reaktivieren auch einige Kommunen ihre Pfade wieder. Bestes Beispiel dafür ist die Stadt Linden, die in ihren Trimm-Dich-Pfad »Bergwerkswald« jüngst einen vierstelligen Betrag investiert hat. Im Zuge der Wiederherstellung der Anlage wurde diese auch erweitert, unter anderem um einen Platz für Bodenübungen und Yoga am Beginn der Strecke, auf der insgesamt 20 Übungen ausgewiesen sind. Unterschieden wird auf den Schildern, die die Übungen in den Bereichen Aufwärmen, Dehnung, Koordination und Kraft anleiten, in eine Variante für Anfänger und eine für Sportler.

Auch die Internetseite »trimm-dich-pfad.com« listet die Lindener Anlage auf - neben 171 weiteren in Hessen. Beim näheren Blick wird zwar schnell klar, dass es sich bei den wenigsten Einträgen tatsächlich um Trimm-Dich-Pfade handelt. Doch ob Reckstangenpark, Calisthenics-Station oder Outdoor-Parcour - der Gedanke dahinter ist ein ähnlicher: Es geht um Breitensport an der frischen Luft, wobei häufig mit dem Eigengewicht trainiert wird. Das gilt aber beispielsweise auch für die Fitnessfläche des im vergangenen Jahr eröffneten Staufenberger »Aktivparks Lumdatal«, die auf besagter Internetseite noch nicht aufgeführt ist.

In einigen Orten dürften zudem bald neue Anlagen hinzukommen. So haben etwa in Laubach die Freien Wähler einen Antrag auf eine Reaktivierung des Trimm-Dich-Pfades gestellt, der zur Zeit geprüft wird. Weiter fortgeschritten sind indes die Planungen für einen Meditationspfad über den Ramsberg. »Das hat nicht nur einen sportlichen Charakter, da geht’s auch um Entschleunigung und Informationen über die Natur«, sagt Markus Stiehl, Leiter des örtlichen Tourismusbüros. Auch das beschreibt einen Trend. Denn statt »Trimm dich« lautet das Motto heute eben vielfach deutlich allgemeiner: »Tu etwas für dich«.

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