Ein Super-Wahlsonntag

  • Rüdiger Soßdorf
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208 000 Menschen im Landkreis Gießen können morgen ihre Stimme bei der Bundestagswahl und der Landratswahl abgeben. In Buseck, Grünberg und Wettenberg werden zudem die Bürgermeister für die kommenden sechs Jahre gewählt. Was sich schon jetzt abzeichnet: Es wird einen Rekord bei der Briefwahl geben.

Immer mehr Menschen nutzen die Briefwahl: In Wettenberg etwa hatten bis Donnerstagabend rund die Hälfte der knapp 10 200 Wahlberechtigten die Unterlagen nach Hause bestellt. Fast 50 Prozent Briefwahl - das hat es noch nie gegeben. Bundesweit zeichnet sind ein Briefwahlanteil auf Rekordniveau ab. Landauf, landab melden Wahlämter Werte von 30 oder gar über 40 Prozent. Alles Wissenswerte zu den einzelnen Wahlen:

Im Landkreis Gießen bewerben sich zwei Kandidatinnen und ein Kandidat um das Landratsamt: Landrätin Anita Schneider (60) strebt eine dritte Amtszeit an. Getragen wird ihre Kandidatur von der SPD. Für Bündnis 90/Die Grünen tritt die Spitzenkandidatin aus der Kreistagswahl, Kerstin Gromes aus Wieseck, an. Die 53-jährige Lehrerin arbeitet als schulfachliche Aufsichtsbeamtin beim Staatlichen Schulamt Gießen/Vogelsberg. Dritter Bewerber ist der Jurist Peter Neidel (51, CDU) aus Heuchelheim. Der Christdemokrat, einst Richter am Landgericht Gießen, ist 2017 ins politische Hauptamt bei der Stadt Gießen gewechselt. Dort endet seine Amtszeit Ende September.

Legt man das Abschneiden der Parteien bei der Kommunalwahl im März zugrunde, wo alle eher dicht beieinander lagen, dann ist eine Stichwahl durchaus im Bereich des Wahrscheinlichen (CDU: 25,3 Prozent, Grüne: 21,3, SPD: 21,0). Die spannende Frage: Wie entscheiden sich die knapp 32 Prozent der Wähler der anderen Parteien, die keinen eigenen Kandidaten haben? Aber: Bei der Direktwahl spielt auch der Faktor Persönlichkeit eine bedeutende Rolle. Die Besonderheit: Gromes und Neidel arbeiten in einer Koalition zusammen.

In Buseck treten zwei Bewerber um den Chefsessel im Schloss an: Bürgermeister Dirk Haas (SPD), 59 Jahre alt, hofft auf eine zweite Amtszeit ab 1. Januar 2022. Der gebürtige Steinbacher ist auch Co-Vorsitzender der SPD-Fraktion im Kreistag. Herausforderer Michael Ranft (45), der als CDU-Mitglied auch von den Freien Wählern unterstützt wird, möchte den Arbeitsplatz in seiner eigenen Anwaltskanzlei in Wieseck gern gegen jenen des Busecker Bürgermeisters tauschen. Er wohnt aktuell in Gießen und darf deshalb am Sonntag nicht in Buseck mitwählen, fasst für den Fall des Wahlsiegs aber einen Umzug ins Auge.

Auch in Buseck zeichnet sich ein Briefwahl-Rekord ab: Laut Wahlleiterin Ilona Schindler wurden bis Freitagmittag 4149 Wahlscheine für die Direktwahlen (Bürgermeister- und Landratswahl) ausgestellt - bei insgesamt circa 10 900 Wahlberechtigten in Buseck. Ob Briefwahl oder Votum im Wahllokal: Ausgezählt wird erst am Sonntagabend. Auch Buseck mit seinen fünf Ortsteilen steht also ein sehr langer Wahlabend bevor.

In Grünberg sieht sich ein langjähriger Rathauschef mit einem (jüngeren) Herausforderer konfrontiert: Bürgermeister Frank Ide (59), der eine vierte Amtszeit anstrebt, und Marcel Schlosser (31), der dessen Platz einnehmen will. Beide dürfen sich der ungeteilten Unterstützung ihrer Partei beziehungsweise Wählergruppe sicher sein. Die Nominierung des gelernten Sparkassenbetriebswirtes Frank Ide durch »seine« Freien Wähler erfolgte ebenso einstimmig wie jene von Marcel Schlosser. Der gelernte Verwaltungsfachwirt und Leiter der Kasse des Gemeindeverwaltungsverbandes Laubach/Lich ist Vorsitzender des CDU-Stadtverbandes und seit dem Frühjahr auch der Fraktion im Stadtparlament.

Grünbergs CDU ist nach der März-Wahl eine lockere Kooperation mit SPD und Grünen eingegangen. Bislang freilich hat sich die vor allem in Personalentscheidungen manifestiert. So sicherte man sich die Mehrheit im Magistrat und den Posten des Ersten Stadtrats, der viele Jahre der FW als nach wie vor stärkster Fraktion vorbehalten war.

Trotz der für Grünberg neuen »schwarz-rot-grünen Einigkeit« - eine Wahlempfehlung der Partner hat es nicht gegeben. Wie Schlosser gegenüber dieser Zeitung bestätigte, hofft er dennoch auf Stimmen aus deren Reihen. Dass Grünbergs Liberale sich weder für Ide noch für Schlosser ausgesprochen haben, sei der Vollständigkeit halber ergänzt.

In Wettenberg wird es auf jeden Fall einen neuen Bürgermeister geben. Vier Kandidaten haben einen engagierten Wahlkampf geführt um die Nachfolge von Thomas Brunner (SPD). Der 57-jährige Amtsinhaber tritt nach zwölf Jahren kein drittes Mal an. An gesichts der vier Bewerbungen gilt eine Stichwahl als sehr wahrscheinlich. Die zwei Kandidaten, die die meisten Stimmen auf sich vereinen, gehen in vier Wochen ins Stechen.

CDU-Kandidat ist Andreas Heuser (56) aus Frankenbach. Die Wurzeln des Ersten Hauptkommissars und Diplom-Verwaltungswirts bei der hessischen Polizei liegen in Krofdorf. Neben Heusers Partei hat auch der FDP-Gemeindeverband zu dessen Wahl aufgerufen

Marc Nees aus Wißmar tritt als unabhängiger Kandidat an und wird von den Freien Wählern unterstützt. Der 52-Jährige ist Vertriebsleiter eines Getränkeunternehmens.

Philipp Nickel (Jahrgang 1977) aus Krofdorf-Gleiberg ist unabhängiger Kandidat. Der Unternehmer und Diplom-Agraringenieur (Fachrichtung Wirtschafts- und Sozialwissenschaften).

Die SPD hat Ralf Volgmann (58) nominiert. Der Sozialdemokrat ist Geschäftsführer der Gießen@Schule GmbH, jener Gesellschaft, die in der Stadt Gießen den Ganztagsschulbetrieb organisiert. Volgmann ist Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Wettenberg, Er leitete in den vergangenen Jahren den Sozialausschuss in der Gemeindevertretung und ist seit dem Frühjahr Erster Beigeordneter. Unterstützung erfährt er auch durch die Grünen.

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