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Ein Stück Wißmarer Geschichte

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Der Kiosk mitten in Wißmar besteht seit knapp 70 Jahren und ist eine Institution im Dorf. Petra Stroh hat ihn jüngst übernommen - und will ihn weiterführen im Sinne von Gründer Kurt Stroh und dessen Nichte Conny.

Der Dialog spielt sich wie folgt ab: »Zwei Reval, ohne, bitte«. - »Und die ›Bild‹?« - »Ja. ’ne ›Bild‹ noch. Ach, und dann noch Lotto« - »Wie immer für 20? Ohne Spiel 77?«

Petra Stroh kennt ihre Kunden vorm Kiosk-Fenster. Seit rund 20 Jahren arbeitet sie dort - und seit wenigen Tagen ist es »ihr« Kiosk. Sie hat das kleine Lädchen übernommen, verkauft dort montags bis samstags Zigaretten, Zeitungen und Zeitschriften, ein paar Süßigkeiten, Schreibwaren. Grußkarten und Dekoartikel. Dazu nimmt sie für die Reinigung Rennemann Kleidung an, ist zudem Annahmestelle für DPD und DHL.

»Der Kiosk ist Kult. So etwas darf man nicht aufgeben«, sagt Petra Stroh. Sie weiß um den Stellenwert diese Einrichtung im Dorf, die - zurückgehend auf den Gründer - als »Strohs Ecklädchen« firmiert. Wenngleich die 55-Jährige sich andere Umstände gewünscht hätte.

Im Februar starb Cornelia Stroh plötzlich und unerwartet im Alter von 65. Conny, wie die Leute im Dorf sie nannten, hatte das kleine Geschäft im alten Ortskern seit 2008 betrieben. Sie war die angeheiratete Nichte von Kurt Stroh, dem ersten Besitzer des Lädchens an der Ecke Bahnhofstraße/Langgasse. Den Kiosk hatte sie übernommen, als Gundi Geis, die vorherige Betreiberin, nach etwas mehr als 25 Jahren in Rente ging.

Conny Stroh wurde zu einer weiteren guten Seele mitten im Ort: Einfühlsam, immer freundlich und hilfsbereit. Sie war quasi über Jahrzehnte mit dem Kiosk und den Menschen im Dorf vertraut, kannte all ihre Kunden und deren besonderen Wünsche. Sie betrieb das kleine Geschäft mit Herzblut, hatte immer ein offenes Ohr für die Kunden. Die waren ihr ans Herz gewachsen, eine Art erweiterter Freundeskreis.

Petra Stroh, die seit Jahren mit ihr und zuvor mit Gundi Geis zusammenarbeitete, wird den Betrieb in ihrem Sinne fortführen. Dass sie denselben Nachnamen wie Gründer Kurt und dessen Nichte Conny trägt, ist übrigens nur Zufall. Sie ist weder verwandt noch verschwägert mit beiden. In Wißmar ist Stroh lediglich ein häufig vorkommender Name.

Doch wie es zur Einrichtung des Kiosk vor bald 70 Jahren kam, das ist ein ganz besonderes Stück Wißmarer Dorfgeschichte: Gebaut wurde der Kiosk 1952 für Kurt Stroh. Der war im September 1934 unter keinem guten Stern in Wißmar auf die Welt gekommen. Sein Zwillingsbruder starb am Tag nach der Geburt. Kurt selbst hatte wohl durch Sauerstoffmangel bei der Geburt Schäden davongetragen, in den Folgejahren mangelte es an adäquater Behandlung der Folgen, es gab weitere frühkindliche Erkrankungen. Sehnenverkürzungen sowohl an den Händen als auch an den Beinen und den Füßen waren Folgen seiner Geburtsschäden und der mangelnden Mobilität. Doch er besuchte den Kindergarten, der spätere Schulbesuch wurde ihm, dem Behinderten, wiewohl geistig völlig normal entwickelt, im Dritten Reich verwehrt. 1940 kam er in die damals sogenannte »Schwerbehindertenanstalt« Scheuern bei Nassau an der Lahn. Eineinhalb Jahre, bis 1942, verbrachte er dort. Vor dem Hintergrund des Euthanasie-Programms der Nazis beschlossen die Eltern, Kurt wieder nach Hause zu holen.

Erst im Herbst 1945, nach Kriegsende, wurde Kurt, bereits elf Jahre alt und immer noch gehunfähig, in der zweiten Klasse in Wißmar eingeschult. Mitschüler oder die Eltern brachten ihn im Handwägelchen zur Schule. Die Lehrer trugen ihn die rund 20 Stufen in den Klassenraum in der Pfaffschule hinauf. War ein Gang zur Toiletten erforderlich, musste er über die Straße in ein anderes Gebäude getragen werden, denn in der Pfaffschule befand sich keine Toilette. Nach fünf Jahre Volksschule und weitere Therapien lernte er als Jugendlicher, auf eigenen Beinen zu stehen. Im wörtlichen wie im übertragenen Sinne, wie er ein Jahr vor seinem Tod 2008 berichtete.

Ende 1952 wurde für Kurt Stroh in einer Lücke zwischen einer Scheune und einem Wohnhaus eben jener Kiosk eingerichtet. »Aufm Berg«, an der Ecke Bahnhofstraße/In der Ecke mitten im alten Dorf. Das war seine Chance, selbst für sich zu sorgen. Viele Wißmarer halfen damals mit, auch Bürgermeisters Heinrich Will, die komplette Gemeindevertretung, die Familie und das Sozialamt in Wetzlar. Sieben Tage in der Woche, von morgens um 8 bis abends um 21 Uhr war der Kiosk offen. Die Eltern und Bruder Alfred sowie Cousine Hilde Antonioli gingen ihm bei Bedarf unterstützend zur Hand.

Für Kurt Stroh war es die Möglichkeit, am Dorfleben teilzuhaben. »Stets mittendrin und dabei« wurden seine biografischen Notizen in dieser Zeitung im Jahr 2007 überschrieben, die seine Nachbarin Erika Weimer aus der Wißmarer Bahnhofstraße aufgezeichnet hatte. Er ging mit den Burschen auf die Kirmes, war im Rollstuhl am Fußballplatz zu sehen. 1964 kaufte er eine angrenzende Scheune hinzu, erweitere den Kiosk im Erdgeschoss, bezog seine Wohnung im ersten Stock. 30 Jahre lang betrieb er den kleinen Laden, der sich mehr oder weniger bis heute in diesem Zuschnitt zeigt.

Kurzum, der Kiosk wurde eine Institution in Wißmar. »Das kann man doch nicht einfach loslassen«, sagt Petra Stroh. »Der Kiosk mit dieser Geschichte ist mir eine Herzensangelegenheit.«

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