"Mittlerweile ist das Virus sehr nah an den Menschen dran, das macht Angst", sagt Irina Ackmann, die auf Stressbewältigungstherapie spezialisiert ist.	FOTO: SCHEPP
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»Mittlerweile ist das Virus sehr nah an den Menschen dran, das macht Angst«, sagt Irina Ackmann, die auf Stressbewältigungstherapie spezialisiert ist. FOTO: SCHEPP

Interview

Psychologin zum Leben im Lockdown und unter Corona-Regeln: „Wir jammern auf einem sehr hohen Niveau“

  • vonStefan Schaal
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Weniger Kontakte, Einsamkeit und quälende Ängste: Die Pandemie und ihre Folgen drücken vielen aufs Gemüt. Die in Annerod lebende und praktizierende Psychologin Irina Ackmann (59) beobachtet eine Zunahme von Depressionen. Allerdings räumt sie ein: »Wir jammern auf einem hohen Niveau.«

Seit gut neun Monaten leben wir mit der Corona-Krise, Kontaktbeschränkungen und weiteren Regeln, um die Pandemie einzudämmen. Stellen Sie einen Gemeinschaftsgeist in der Gesellschaft fest?

Ehrlich gesagt nein. Ein Gemeinschaftsgeist würde vielleicht entstehen, wenn wir ein gemeinsames Feindbild hätten, das greifbar wäre, um es zu bekämpfen. Genau genommen ist das Virus ein solches Feindbild, aber es ist nicht sichtbar und nicht greifbar. Jeder lebt für sich isoliert. Und jeder bastelt sich seine eigene Theorie zusammen und verharrt darin ziemlich fest. Wo soll da ein Gemeinschaftsgefühl herkommen?

Aber eine große Mehrheit hält sich an die Corona-Regeln. 90 Prozent der Deutschen stimmen der Maskenpflicht zu. Das weist doch auf ein Gemeinschaftsgefühl hin. Oder ist das nur Pflichterfüllung?

Meiner Ansicht nach eher letzteres. Wobei es schwierig ist, pauschale Aussagen zu treffen. Natürlich gibt es auch viele Menschen, die auf andere Rücksicht nehmen.

Sind Kontaktbeschränkungen aus psychologischer Sicht schädlich?

Mal im Ernst: So schädlich sind Kontaktbeschränkungen für unsere Psyche nicht. Schädlicher wären eine Infektion mit Corona und ein schwerer Verlauf der Erkrankung. Man darf natürlich bei all den Regeln nicht die Zuversicht verlieren und muss sich bewusst machen, dass das Ganze ein Ende haben wird.

Was ist entscheidend dafür, dass wir die Situation als belastend empfinden oder dass wir mit ihr zurechtkommen?

Ein Grund dafür, die Beschränkungen als belastend wahrzunehmen, ist, dass wir alle mittlerweile sehr verwöhnt sind. Wir sind es gewohnt, jederzeit überall auf der Welt herumreisen zu können. Besuche im Restaurant, in der Bar, im Club oder ein Wellness-Urlaub waren immer möglich - und jetzt mit einem Schlag nicht mehr. Damit kommen viele, die mit diesen Möglichkeiten aufgewachsen sind, schlecht zurecht.

Das hört sich nach einem Luxusproblem an.

Genau genommen schon. Wir jammern auf einem sehr hohen Niveau. Es gibt wirkliche Katastrophen. Krankheiten, Hungersnöte oder Kriege. Wenn zum Beispiel jemand mit Corona infiziert und schwer erkrankt ist, möglicherweise daran stirbt. Was wir aber im Lockdown und unter Corona-Beschränkungen erleben, ist nicht wirklich schlimm.

Heißt das, dass es uns vielleicht sogar gut tun könnte, mal ohne einen gewissen Luxus auszukommen?

Gerade weil es jetzt weniger Möglichkeiten gibt, sich mit viel Aktivität abzulenken, wäre es sinnvoll, wieder mehr in sich selbst hinein zu hören und darauf zu achten, wie man sich fühlt. Das ist etwas, was wir zunehmend verlernt haben.

Und wie lernt man das wieder?

Zum Beispiel mit Achtsamkeitsübungen. Das bedeutet, einmal nichts weiter zu tun als zu beobachten, was gerade im Moment in einem vorgeht. Gedanken, Schmerzen, gute oder schlechte Gefühle. Einfach nur einmal darauf achten, wie es sich anfühlt, in diesem Augenblick hier zu sitzen.

Beobachten Sie in Ihrer beruflichen Praxis als Psychotherapeutin, dass Ängste und Depressionen vor dem Hintergrund der Pandemie zunehmen?

Ja, definitiv. Mir fallen dabei regionale Unterschiede auf. Ich biete ja auch psychologische Betreuung am Telefon an. Und in den vergangenen Monaten habe ich deutlich häufiger Anrufe aus dem Osten Deutschlands bekommen, in denen Menschen von Depressionen berichten, die sich durch die Pandemie verschlimmert haben.

Worauf führen Sie das zurück?

Möglicherweise die Vorgeschichte. Vielleicht wiegt das Gefühl, eingesperrt zu sein, schwerer? Das würde Sinn ergeben, ist aber Spekulation.

Stellen Sie, was die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Psyche angeht, einen Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Welle fest?

Ich habe den Eindruck, dass eine Müdigkeit entstanden ist. Ein Überdruss. Das ist ein Verdrängungsmechanismus. Der setzt ein, weil sich viele Menschen überfordert fühlen. Im Frühjahr war die Bedrohung noch nicht so nah zu spüren. Die meisten haben da noch gesagt, dass sie keinen kennen, der infiziert ist oder war. Das hat sich komplett geändert. Mittlerweile ist das Virus sehr nah an den Menschen dran, das macht Angst. Und mit dieser Angst geht man unterschiedlich um. Man kann sie verdrängen, indem man so tut, als gäbe es das Virus nicht.

Aus psychologischer Sicht wohl ein Fehler.

Das ist nie eine gute Idee. Mit welchem Problem auch immer.

Welche Ängste stehen nach Ihrer Beobachtung im Vordergrund: Sind es Sorgen um die Gesundheit oder wirtschaftliche Nöte?

Zuerst mal sind es Ängste um die Gesundheit. Dann ist da auch die Angst vor dem Unbekannten. Weil das Virus völlig ungewiss ist. Es mutiert. Bei jedem wirkt es sich anders aus. Es ist unvorhersehbar.

Wie ist psychologisch zu erklären, dass mehrere Menschen sich in absurde Verschwörungstheorien hineinsteigern?

Ich glaube, dass die Regierung am Anfang versäumt hat, umfassend aufzuklären. Es blieb sehr viel im Ungewissen. Jeder hat angefangen, sich sein eigenes Bild zu machen und einen tieferen Sinn hinter der Pandemie und den Konsequenzen zu suchen. Dahinter steckt auch eine Ungläubigkeit: Es kann doch nicht sein, dass wir im 21. Jahrhundert von so einem kleinen Virus überrollt werden und erstmal nichts dagegen in der Hand haben. Da muss doch ein größerer Sinn dahinter stecken.

Verschwörungstheoretiker, Corona-Leugner und auch Maskenverweigerer im Supermarkt sind in großer Mehrheit Männer. Ist das eine falsche Wahrnehmung?

Nein, das mag schon sein. Männer sind in vielerlei Hinsicht risikobereiter und neigen daher vielleicht eher dazu, sich auch mal über die Maskenpflicht hinweg zu setzen.

Wir haben unter Corona auch unser Verhalten geändert, begegnen anderen Menschen mit Distanz. Wird das bleiben?

Am Anfang vielleicht schon. Aber das wird sich verflüchtigen. Weil Kontakt, Zugehörigkeit und Geborgenheit Grundbedürfnisse im Menschen sind. Dazu gehört, sich auch mal zu umarmen. Das wird schnell wieder da sein.

Haben Sie Tipps, wie man diese Zeit psychisch besser übersteht?

Zum einen ist wichtig, dass man sich nicht ständig Fragen stellt wie: Was könnte ich jetzt ohne Corona alles tun? Zuerst muss man die Situation annehmen, wie sie ist und dann überlegen: Was kann ich tun, dass es mir trotzdem gut geht?

Zum Beispiel?

Für den einen ist es hilfreich, mit dem Partner ein schönes Essen zu zelebrieren, mit Musik und Kerzen. Für den nächsten ist es schöner, in der Badewanne zu liegen. Es geht darum, in sich hinein zu spüren und herauszufinden: Was tut mir gut? Das wichtigste aber ist: Nicht verdrängen. Ängste zulassen.

Und darüber reden?

Genau. Sich austauschen. Das ist ja noch ein Symptom unserer Zeit: Wir sind eine sogenannte Spaßgesellschaft geworden. Wir funktionieren wie Roboter. Das bedeutet, dass es uns immer gut gehen muss. Wir sind immer gut drauf, immer super fröhlich, und wir kriegen alles wunderbar hin. Was natürlich nicht stimmt. Aber das ist ein Anspruch, den viele an sich haben. Das gelingt jetzt in dieser Corona-Krise überhaupt nicht. Das liegt außerhalb unserer Kontrolle. Angst ist aber keine Schwäche. Es ist ein normales, menschliches und sehr sinnvolles Gefühl.

Zur Person

Die Psychologin und Psychotherapeutin Irina Ackmann lebt und praktiziert in Annerod. Die 59-Jährige ist unter anderem auf Stressbewältigungstherapie spezialisiert. Infos unter: www.beratungspraxis-ackmann.de

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