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»Ein Schwimmbad ist nirgends zum Nulltarif zu haben«

  • vonPatrick Dehnhardt
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Hüttenberg ohne Hallenbad - das ist für den Trägerverein undenkbar. Vorsitzender Thomas Birkenstock und Sprecher Walter Krack hoffen darauf, dass beim Bürgerentscheid am 1. November viele für den Hallenbadneubau votieren. Im Interview kritisieren sie, dass in der Vergangenheit die Infrastruktur kaputt-gespart wurde und dadurch überhaupt erst ein Neubau notwendig wird. Und sie erklären, mit welchen Kosten sie planen.

Am 1. November können die Hüttenberger darüber entscheiden, ob der Beschluss für den Neubau des Hallenbades aufgehoben werden soll oder nicht. Was erhoffen sie sich von dem Bürgerentscheid?

Walter Krack: Wir hoffen auf eine deutliche Bestätigung dafür, dass die Hüttenberger das Hallenbad wollen. Wer das möchte, muss mit Nein stimmen - gegen die Aufhebung des Beschlusses.

Die Hallenbäder im Landkreis Gießen sind in einem guten Zustand. Was ist in Hüttenberg schiefgelaufen, dass das Bad so marode ist?

Krack: Über Jahrzehnte hinweg waren möglichst geringe Schulden das Ziel der Gemeinde, beim Erhalt der Infrastruktur wurde deshalb gespart. Das schlägt nun an vielen Stellen bitterböse zurück.

Dr. Thomas Birkenstock: Wenn man ehrlich ist, hat man 50 Jahre überhaupt nichts an dem Hallenbad gemacht. Die genauso alte Sporthalle bekam ein neues Dach, warum nicht auch das Schwimmbad? Bereits 1969 beschrieb ein Sachverständiger, dass der Beckenkopf nicht richtig ausgeführt worden ist. Damals war es wohl zu peinlich, das Bad sofort wieder zu schließen und das zu reparieren. Seitdem wurde an vielen Stellen nur das Notwendigste gemacht.

Gibt es dafür Beispiele?

Birkenstock: Als der Trägerverein das Bad übernahm, gab es eine undichte Stelle im Nichtschwimmerbereich, das Wasser tropfte seit Jahren auf die Steuerung der Heizung. Auf unser Drängen hin wurde dann etwas gemacht: Eine Aluschale als Auffangbehälter montiert. Wir hätten uns aber solche Investitionen in das Hallenbad gewünscht, wie sie in Lich getätigt wurden. Dabei hatte die Gemeinde bei der Gründung des Trägervereins zugesagt, dass sie alles für den Erhalt des Bades tun wolle. In der Schließpause im Winter 2019/2020 hat der Bademeister - ein gelernter Fliesenleger - marode Fugen im Becken erneuert. Auf einmal sank der Wasserverlust um 80 bis 90 Prozent.

Das Hauptargument der Initiatoren des Bürgerbegehrens sind der hohe Baupreis und die Folgekosten. Mit welchen Beträgen rechnen Sie?

Birkenstock: Die Gemeindevertretung hat vergangenen November beschlossen, ein neues Bad zu bauen. Normalerweise hätte sich der Trägerverein mit dem Bauausschuss zusammengesetzt, es wäre gemeinsam festgelegt worden, was das Bad haben muss. Die Vorplanungen hätten dann belastbare Zahlen ergeben.

Krack: Schaut man auf vergleichbare Projekte in Hessen, liegen die Bruttobaukosten bei circa acht Millionen Euro. Das ist im Übrigen Konsens.

Welchen Anteil davon müsste die Kommune übernehmen?

Birkenstock: Von der Summe muss man mögliche Förderungen abziehen, etwa über das Swim-Programm oder die Hessenkasse. Der Trägerverein will bis zu 30 000 Euro zuschießen, zudem gibt es Spendenzusagen über circa 100 000 Euro. Nimmt man das alles zusammen, kann man von den Nettobaukosten rund zwei Millionen Euro abziehen, die Gemeinde müsste dann circa 4,7 Millionen Euro selbst tragen. Da relativieren sich die Zahlen deutlich. Auf der Homepage der Grünen ist eine gute Beispielrechnung dazu zu finden. Dort wurde eine zusätzliche Belastung von 172 000 Euro ermittelt. Das entspräche einer Erhöhung der Grundsteuer B um 57 Hebesatzpunkte, also rund 30 Euro pro Jahr für einen Durchschnittshaushalt.

Was ist mit den Unterhaltungskosten?

Birkenstock: Ein neues Bad ist energetisch auf dem aktuellsten Stand, die Energiekosten sind dadurch niedriger. Die Sporthalle und das Hallenbad teilen sich zurzeit eine Heizungsanlage. Ein Blockheizkraftwerk für das Bad, die Halle, die Bürgerstuben und die Feuerwehr würde weitere Einsparungen bringen.

Die Bürgerinitiative spricht von 600 000 Euro jährlichen Kosten für das Bad.

Birkenstock: Das ist eine Zahl, die total verkehrt ist. Man kann nicht Tilgung, Zinsen und Abschreibung addieren. 2017 bis 2019 hat das Bad die Gemeinde im Schnitt 122 000 Euro gekostet. Davon ist der jährliche Zuschuss des Trägervereins noch nicht abgezogen.

Krack: Durch den Neubau würden die Abschreibungen steigen, wir rechnen mit maximal 200 000 Euro jährlich.

Wird die Grundsteuer dadurch steigen?

Krack: Die Unterhaltungskosten für das Hallenbad zahlt die Gemeinde bereits, sie finden sich jedes Jahr im Haushalt. Darum können sie nicht für eine Grundsteuererhöhung sorgen, sondern nur das, was über diesen Betrag hinausgeht. Ein Schwimmbad ist nirgends zum Nulltarif zu haben. Aber auch bei jedem Kindergarten, jedem Dorfgemeinschaftshaus legt die Gemeinde drauf. Wenn Hüttenberg mit Lebensqualität wirbt, kann die Gemeinde auf gewisse Infrastruktur nicht verzichten. Dazu gehört auch das Hallenbad.

Birkenstock: Da sollte auch kein Ortsteildenken aufkommen. Das Reiskirchener Bürgerhaus ist genauso mein Bürgerhaus wie unser Hallenbad das Hallenbad von Reiskirchen ist.

In der Politik wird stets die Bedeutung des Schwimm-unterrichts und der Bäder betont. Der Lahn-Dill-Kreis will sich dennoch nicht an den Baukosten beteiligen.

Krack: Der Landkreis müsste sich im Sinne des Schulschwimmens auch an den Baukosten beteiligen. Denn die Kapazitäten in anderen Bädern sind ausgelastet. Das Europabad in Wetzlar ist durch Schulschwimmen und die Vereine so stark belegt, dass es von Privatleuten kaum noch genutzt werden kann.

Das Hüttenberger Hallenbad war zuletzt ein reines Mitgliederbad. Das soll sich bei einem Neubau nach Wunsch der SPD ändern. Ist das für den Trägerverein ein Problem?

Birkenstock: Wir haben 2600 Mitglieder in 1300 Mitgliedschaften. Ein paar werden wir vielleicht verlieren. Aber der Einzeleintritt für das Bad wird bestimmt nicht bei 2,50 Euro liegen. Für regelmäßige Schwimmer lohnt sich da die Vereinsmitgliedschaft sicher, insbesondere für Familien. Wir sehen darum optimistisch in die Zukunft.

Krack: Wir planen, wie bisher die Personalkosten und die laufenden Kosten des Bades zu übernehmen. Da hat die Gemeinde sicher ein Interesse daran, dass der Trägerverein eine finanzielle Basis behält. Wir haben übrigens über 900 Mitglieder aus Linden und Langgöns. Darum hoffen wir auch auf positive Signale, dass man dort in den Rathäusern einem Hallenbadneubau positiv gegenübersteht. FOTO: PAD

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