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Keine freie Zufahrt mehr zum Parkdeck am Wall. Die Stellplätze dort sind nun fest vermietet. Auf dem großen Parkplatz´hinter der Ladenzeile dürfen Fahrzeuge nur noch zwei Stunden lang gratis abgestellt werden.

ZWISCHENRUF

Ein Platz fürs Auto

  • Ursula Sommerlad
    VonUrsula Sommerlad
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Anwohner, Besucher, Kunden und Beschäftigte: Die Konkurrenz um Parkplätze in der Licher Innenstadt ist groß. Bislang waren sie kostenlos. Doch nun haben am Stadtturmcenter verschiedene Formen der Parkraum- bewirtschaftung Einzug gehalten.

Mehr als 20 Jahre lang war das Parkdeck unter dem Stadtturmcenter ein praktischer Abstellplatz fürs Auto: kein Frost im Winter, kein Hitzestau im Sommer und die Altstadt nur wenige Schritte entfernt. Dazu kostenlos, wie alle Parkplätze in Lich. Praktisch ist die Tiefgarage immer noch, zudem sicherer als früher. Kostenlos allerdings ist sie nicht mehr. Ein Gittertor versperrt die Zufahrt. Parken kann hier nur noch, wer einen Stellplatz gemietet hat.

Kurze Rückblende: 1997 war das Parkdeck ein kommunalpolitischer Aufreger. Als der Bau der neuen Ladenzeile am Stadtturmcenter bevorstand, wollte der damalige Bürgermeister Ludwig Seiboldt 450 000 D-Mark in die Hand nehmen, um rund 50 zusätzliche Parkplätze nahe der Altstadt zu schaffen. Doch die Mehrheit im Stadtparlament verweigerte ihm die Gefolgschaft und stellte das Geld nicht zur Verfügung.

Das Parkdeck kam trotzdem, allerdings nicht in städtischer Regie. Die damaligen Betreiber der Geschäfte in der Ladenzeile übernahmen die Finanzierung. Eine Goodwill-Aktion, denn mit den bereits bestehenden Parkflächen im Stadtturmcenter waren die gesetzlichen Vorgaben mehr als erfüllt. Wie die Bauaufsicht des Landkreises Gießen mitteilt, spielten die Plätze in der Tiefgarage für die Genehmigung des Vorhabens keine Rolle. In diese Richtung äußert sich auch Uwe Schmidt, der Betreiber des Rewe-Marktes: »Die Parkplätze wurden nicht dem allgemeinen Kontingent zugerechnet, sie waren einfach da.«

Der Standort, der Tag und Nacht für jedermann zugänglich war, brachte allerdings Probleme mit sich. »Scherben, abgebrochene Antennen, zerstochene Reifen, Urin, Kot, alles«: So schildert es Uwe Schmidt.

Damit ist Schluss. Das Parkdeck war über ein Jahr komplett geschlossen und wurde rundum gesichert. Rein kommt man jetzt nur noch mit Schlüssel. Und auch die Eigentumsverhältnisse haben sich geändert. Wie Bürgermeister Dr. Julien Neubert auf Anfrage berichtete, hat die Rewenta Immobilien mit Sitz in Köln das Parkdeck Ende 2020 an eine Frankfurter GbR verkauft. Uwe Schmidt hat die Anlage von den neuen Eigentümern gemietet und vermietet die Plätze nun an einzelne Interessenten weiter. Zu diesem Kreis gehört auch die Stadtverwaltung. Wie Neubert berichtet, machen neun Mitarbeiter von dem Angebot Gebrauch. »Wir haben dafür die Konditionen ausgehandelt«, sagt er. Zu den weiteren Nutzern gehören laut Schmidt Angestellte seines Markts sowie Anwohner aus dem näheren Umfeld. »Es sind auch noch Plätze frei«, sagt er.

Autos werden registriert

Der Bürgermeister ist mit der neuen Situation zufrieden. »Ich bin froh, dass die Parkplätze wieder genutzt werden können, auch wenn sie jetzt bewirtschaftet sind.«

Wie vielerorts ist die Parksituation in Lich ein Thema, das die Leute umtreibt. Neubert findet das Angebot »eigentlich gut«. Auf dem neuen Parkplatz an der Kirchhofgasse zum Beispiel sei immer was frei. »Aber der Weg ist manchen wohl zu weit.« Direkt im Zentrum dagegen konkurrierten Anwohner, Kunden des Einzelhandels, Besucher und Beschäftigte um Stellflächen.

Uwe Schmidt kann ein Lied davon singen. Der Parkplatz vor seinem Markt wurde längst nicht nur von den Kunden der umliegenden Geschäfte und Arztpraxen genutzt. »Manche Innenstadtbewohner haben hier gewohnheitsmäßig ihre Autos abgestellt«, berichtet er. Von der eigenen Kundschaft habe er immer wieder Beschwerden gehört: Man finde ja gar keinen Platz...

Im letzten November hat der Marktbetreiber die Konsequenzen gezogen. Der Parkplatz wird jetzt von »Parkdepot« bewirtschaftet, einem Unternehmen, das für mehrere Rewe-Märkte tätig ist. Jedes Fahrzeug wird automatisch beim Rein- und Rausfahren registriert. Zwei Stunden parken ist okay und gratis. Wer länger bleibt, wird zur Kasse gebeten. »Wir gehen davon aus, dass zwei Stunden fürs Einkaufen reichen«, erläutert Schmidt das System, das viele seiner Kunden positiv aufgenommen hätten. Im Zweifelsfall sei er kulant. »Wenn es beim Arzt mal länger dauert, kann ich das Ticket stornieren.«

Die Parkplatzsituation in Lich sieht er übrigens skeptischer als der Bürgermeister. »Die Lage wird zunehmend angespannt.« Schmidt glaubt nicht daran, dass der Individualverkehr in absehbarer Zeit abnehmen wird. Deshalb müsse man weiter Flächen zur Verfügung stellen. Die Möglichkeit, Stellflächen finanziell abzulösen, sollte es nicht mehr geben. Aber: »Das ist meine persönliche Meinung. Entscheiden müssen das die Verantwortlichen der Stadt.«

In Lich ist es wie überall: Die Frage, ob die Parkplätze ausreichen, hängt vom Verhalten der Verkehrsteilnehmer ab. Eine Stichprobe, gemacht am gestrigen Mittwoch um die Mittagszeit, zeigt ein klares Ergebnis. In den wenigen Minuten, die es brauchte, um das Foto vom Parkdeck zu machen, passierten ein vollgepacktes Lasten-E-Bike und ein Radler mit Rucksack die Einfahrt zum Rewe-Markt. Und 23 Autofahrer. us

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