Ein Mord zu Übungszwecken?

  • Ursula Sommerlad
    VonUrsula Sommerlad
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Drei Freunde brechen auf zu einem Ausflug. Einer ist seither vermisst. Er soll ermordet worden sein, doch seine Leiche wurde bis heute nicht gefunden. Seine Kumpels stehen nun vor Gericht. Der eine belastet den anderen schwer. Der Mord sei »eine Übungssache« für weitere geplante Straftaten gewesen.

Am 17. November 2016 brechen drei Kumpels aus Hanau auf zu einer Tour nach Mittelhessen. Nahe Hungen wollen sie eine Hofreite besichtigen; zwei von ihnen, so heißt es, möchten dort einen Swingerclub realisieren. Am Ende des Tages ist einer der drei Freunde tot. Haben ihn die zwei anderen gemeinschaftlich entführt und ermordet, wie es die Gießener Staatsanwaltschaft den beiden 40 und 44 Jahre alten Männern zur Last legt? Oder hat der Jüngste aus dem Trio den Mord alleine begangen, die Leiche auf Nimmerwiedersehen verschwinden lassen und seinen Mitwisser so sehr eingeschüchtert, dass dieser mehr als drei Jahre lang den Mund hielt?

Diese Version der Ereignisse hat Olaf C., der angeklagte 44 Jahre alte Studienrat, Ende April am zweiten Prozesstag vor dem Gießener Landgericht ausführlich geschildert. Gestern wurde der Prozess fortgesetzt. Der einstige Physiklehrer musste sich den Fragen der Vorsitzenden Richterin Regine Enders-Kunze stellen.

Das gestaltete sich nicht ganz unkompliziert. Die beiden Rechtsanwälte des Angeklagten hatten zunächst einen schriftlichen Fragekatalog beantragt, der wahlweise mündlich, schriftlich oder in Form einer Stellungnahme beantwortet werden sollte. Nachdem die Kammer dieses Ansinnen zurückgewiesen hatte, musste die Verhandlung immer wieder unterbrochen werden, weil die Verteidigung Beratungsbedarf anmeldete.

Rechtsanwältin Dr. Iris Passek hatte bereits am zweiten Prozesstag auf Eigenheiten ihres Mandanten hingewiesen. Der sei mathematisch-naturwissenschaftlich geprägt. Er neige dazu, Antworten zu geben, weil sich ihm die Dinge logisch erschließen. Das heiße nicht unbedingt, dass sie auch Fakt seien. Zudem sei er mehrfach vernommen worden, sodass sich Erinnerungen überlagerten.

Auf Nachfrage der Richterin schilderte Olaf C. erneut, wie es nach der Besichtigung der Hofreite zum Mord am damals 39 Jahre alten Daniel M. gekommen sein soll. Zurück im Auto, habe Robert S. aus einer Pistole mit Schalldämpfer den ersten Schuss auf sein vor ihm sitzendes Opfer abgegeben. An insgesamt sechs Schüsse will sich der Angeklagte erinnern. Drei seien aus dem Inneren des Autos abgegeben worden, drei von außen; der letzte ein aufgesetzter Schuss in die Stirn. Und wieder schilderte der 44-Jährige, wie er von seinem Begleiter gezwungen worden sei, beim Verstecken der Leiche und der Beseitigung von Blutspuren zu helfen und wie er, nach Hause zurückgekehrt, dem Täter seine Kleidung aushändigte. »Gib mir alles, was du anhattest«, habe der gefordert. Schließlich blieb Olaf C. allein in seiner Wohnung zurück, eingeschüchtert und unter Schock, wie er sagt. »Warum sind Sie nicht zur Polizei gegangen?«, wollte die Richterin wissen. »Zu diesem Zeitpunkt hätte man noch Beweise sichern können.«

Nach neuerlicher Beratung mit der Verteidigung begründete der Angeklagte dieses Verhalten mit seiner großen Angst. »Hinterher kann man das vielleicht nicht mehr nachvollziehen«, räumte er ein. Aus der Situation heraus stelle sich das jedoch anders dar. Ebenfalls aus Angst will Olaf C. in Folge weitere Besuche des Mitangeklagten erduldet haben. Als besonders peinigend habe er Gespräche über das Tatgeschehen empfunden, nach Art einer Manöverkritik: »Was hätte man besser machen können…« Robert S. sei seit jeher von Entführungen fasziniert gewesen, seine Gedanken seien um die Frage gekreist, wie man sie perfekt plane und ausführe. »Daniel war eine Übungssache«, behauptet Olaf C.

Auf weitere Fragen blieb er die Antworten schuldig. Etwa die nach der zweiten Waffe, die Robert S. am Tatort plötzlich in der Hand gehalten haben soll. Wo kam sie plötzlich her? Hatte S. zeitweise beide Waffen in Benutzung? Hat er später auch in der Wohnung eine Pistole auf seinen Kumpel gerichtet? Ebenfalls offen blieben Fragen zu den Leder- und Plastikhandschuhen, die bei der Tat eine Rolle spielten. Die Verteidigung kündigte für einen späteren Zeitpunkt schriftliche Antworten an. Stirnrunzeln bei der Richterin: »Dass Fragen zu den Handschuhen kommen, war ja naheliegend.«

Der Prozess wird fortgesetzt.

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