Ein Minderheitenprogramm

  • Ursula Sommerlad
    VonUrsula Sommerlad
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An Heiligabend sind die Kirchen voll. Aber der ganz normale Gottesdienst am Sonntag hat sich zum Minderheitenprogramm gewandelt. Welchen Stellenwert hat er noch für das Gemeindeleben?

An Heiligabend muss man beizeiten aufbrechen, um beim Weihnachtsgottesdienst noch einen Sitzplatz zu ergattern. Aber das ist die Ausnahme. An normalen Sonntagen stehen die Pfarrerinnen und Pfarrer in der Kirche meistens einer überschaubaren Zahl von Gläubigen gegenüber. Der Gottesdienst, im Selbstverständnis der evangelischen Kirche der zentrale Moment der Begegnung mit Gott und der Gemeinschaft, spielt im Leben der meisten Kirchenmitglieder keine große Rolle mehr. »Der Besuch nimmt ab, an diesem Befund lässt sich nicht rütteln«, sagt Dr. Angela Stender, die Öffentlichkeitsbeauftragte der Arbeitsgemeinschaft der Dekanate Grünberg, Hungen und Kirchberg.

Corona hat dieser Entwicklung eine besondere Dynamik verliehen. »Als Gottesdienste wieder möglich waren, hatte sich die Zahl der Besucher halbiert«, berichtet der Licher Gemeindepfarrer Lutz Neumeier von seinen Erfahrungen aus dem vergangenen Sommer. Inzwischen habe sich die Lage stabilisiert, dennoch glaubt der Seelsorger nicht, dass die Vor-Corona-Zahlen wieder erreicht werden können.

Die Erfahrungen, dass ihnen die Leute sonntags nicht unbedingt die Bude einrennen, machen auch die Verantwortlichen in anderen Gemeinden. »Die Regel, dass aus jeder Familie mindestens ein Mitglied sonntags in den Gottesdienst ging, gilt schon längst nicht mehr«, sagt Traugott Stein, der seit 18 Jahren Pfarrer in Daubringen ist. Lange hat er nicht auf die Zahlen geschaut. »Ich kümmere mich um die, die da sind«, lautete seine Devise. Mittlerweile sagt er: »Wir müssen uns auch fragen, ob unsere gottesdienstlichen Formen noch passen.«

Der Umgang mit der nachlassenden Bindung an die Kirche ist unterschiedlich. In Lich macht Social-Media-Experte Neumeier gute Erfahrungen mit digitalen Gottesdienst-Formaten, die durch den Corona-Lockdown einen Schub erfahren haben. »Sie werden weiter nachgefragt und sollten beibehalten werden«, findet er.

In der Kirchengemeinde Kirchberg will sich der neu gewählte Kirchenvorstand in den kommenden Monaten mit der Frage auseinandersetzen, wie Gottesdienste künftig gestaltet werden sollen. Momentan findet dort jeweils ein Gottesdienst am Sonntag statt, abwechselnd in den Kirchen von Ruttershausen, Daubringen, Staufenberg und Mainzlar. »Lieber weniger, dafür intensiver«: Das ist eine Lehre, die Pfarrer Stein aus der Corona-Zeit gezogen hat.

Aber welchen Stellenwert hat der Gottesdienst heute überhaupt noch für das Gemeindeleben? Diese Diskussion wird vielerorts geführt und durchaus unterschiedlich beantwortet. »Christlicher Glaube hat viel mit Gemeinschaft zu tun«, sagt Pfarrer Stein. »Dass die Menschen zusammenkommen und Zeit miteinander teilen, halte ich für eine wichtige Geschichte.«

Carina Schmidt-Marburger, die neue Pfarrerin der WORM-Gemeinden an der Wetter setzt noch andere Schwerpunkte. »Zu unserer Gemeinde gehören viel mehr Leute, als zu den Gottesdienst kommen.« Dort sieht sie vorwiegend Menschen in der zweiten Lebenshälfte und Konfirmanden, aber wenig junge Familien. Die sagen häufig: »Wir schaffen es einfach nicht.« Das könne sie nachvollziehen. Insofern sei es wichtig, auch andere Formen der Gemeinschaft zu finden. Rauszugehen, die Menschen zu treffen, mit ihnen zu reden und zu erfahren, was sie bewegt, sind für sie wesentliche Aspekte ihres Berufs. Und selbst die von vielen ungeliebten administrativen Aufgaben betrachtet sie als »Gottes-Dienst«.

Auch in den WORM-Gemeinden Wetterfeld, Ober-Bessingen, Röthges und Münster sind neue Konzepte für den Gottesdienst ein Thema. Schmidt-Marburger möchte es mit Bedacht angehen. »Die Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich. Wenn man den einen entgegenkommt, verliert man die anderen.« Das betreffe die Anfangszeiten genauso wie die inhaltliche und formale Gestaltung. Während der Pandemie zum Beispiel haben sich verkürzte Gottesdienste ohne Kyrie und Gloria eingebürgert. »Manche finden das gut, andere vermissen die gewohnte Liturgie«, hat Schmidt-Marburger beobachtet. Grundsätzlich betrachtet sie den Gottesdienst als Möglichkeit, den Alltag hinter sich zu lassen, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten und die Dinge nicht nur vom Kopf her zu erfassen. Aus diesem Grund singt sie zum Beispiel sehr gerne. Den Stellenwert von Musik betont auch Traugott Stein. »Sie öffnet etwas in uns. Sie kann die Menschen erreichen, selbst wenn dem Pfarrer das nicht gelingt.« Die Einbindung guter Musiker findet er deshalb bei der Gestaltung von Gottesdiensten ebenso wichtig wie ein erkennbares Konzept mit unterschiedlichen Formaten und die Beteiligung weiterer Mitwirkender. »Vorne darf nicht nur einer stehen.«

Ebenso wie seine Kollegin Schmidt-Marburger hat der Theologe aus Daubringen gute Erfahrungen mit Gottesdiensten an ungewöhnlichen Orten gemacht. »Aber das geht natürlich nicht jeden Sonntag.«

Und in einem weiteren Punkt sind sich der erfahrene Gottesmann von der Lumda und die junge Pfarrerin von der Wetter einig: Die Menschen sollen gerne kommen und sich wohlfühlen.

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