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Dietrich Faber, ehemaliger Kolumnist (Fabereien) unserer Tageszeitungen, hat noch einmal zugeschlagen.

Ein Leben ohne die GAZ?

  • VonRedaktion
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Es gibt dieses berühmte Loriot-Zitat mit dem Mops. Dass ein Leben mit einem Mops zwar möglich sei, aber sinnlos. Ein wunderbarer Satz, auch wenn für mich persönlich ein Leben ohne Mops durchaus sehr gut möglich war und sich auch bisher als recht sinnvoll erweist, wie ich finde. Mit einem Leben ohne »Gießener Allgemeine Zeitung« allerdings sieht das ganz anders aus.

Ein Leben ohne »Gießener Allgemeine« ist auf jeden Fall sinnlos und eigentlich auch unmöglich.

Denn ich weiß noch sehr genau, wie das damals war und wie es sich anfühlte. Ich habe es am eigenen Leib erlebt. Ich gestehe das jetzt hier einfach mal: Vor einigen Jahren dachte ich tatsächlich und allen Ernstes in einem Anfall geistiger Umnachtung, mein Abonnement der »Gießener Allgemeinen« kündigen zu müssen. Ich glaubte wirklich, es ginge ohne, ich käme ohne sie zurecht. Eine regionale Tageszeitung sei aus der Zeit gefallen, redete ich mir ein, das Internet würde reichen. Was für ein dramatischer Irrglaube! Ich sage Ihnen, es war einer der größten Fehler meines Lebens. Es waren Jahre der Dürre, der Leere, der Sinnlosigkeit. Eine Zeit, die ich nie wieder zurückholen kann, die für immer verloren ist. Unverzeihlich! Glücklicherweise bewies der Verlag dann wahre Größe, als ich kleinlaut wieder angekrochen kam und um Wiederaufnahme als Abonnent bettelte.

Die »Gießener Allgemeine« gehört seit meiner Kindheit zu meinem Leben. Als kleiner Junge kämpfte ich an jedem Montagmorgen am Frühstückstisch gegen Vater und Bruder, wer zuerst den »Sport am Montag«-Teil zu lesen bekam. Als junger Student kämpfte ich mich dann als Praktikant durch die Rauchnebelschwaden der Kreisredaktion und lernte sehr viel über den Beruf des Lokaljournalisten. Ich bewunderte die Geduld der Redakteure und Redakteurinnen, wenn diese von erzürnten Lesern und Leserinnen am Telefon dafür beschimpft wurden, dass der Bericht über die Faschingssitzung des Nachbardorfs ein Tag früher erschienen war, als der Beitrag über die eigenen Veranstaltung. Ich lernte sehr viel über das Schreiben unter Druck und die Herausforderung, schnell auf den Punkt kommen zu müssen. Und ich lernte auch, dass ich mir zu schade war, Lokalpolitikern hartnäckig hinterherzutelefonieren, wenn diese eigentlich keine Lust hatten, mit mir zu reden. So lernte ich auch, dass es wohl besser wäre, wenn ich selbst kein Journalist werden würde.

Ein paar Jahre später freute ich mich wohlwollende und mutmachende Berichte über meine ersten Auftritte. Noch viele Jahre später erschienen meine Bücher als Fortsetzungsromane, und ich nahm gerne das Angebot an, eine Zeit lang regelmäßig Kolumnen zu schreiben.

Ich fühle also tatsächlich seit Jahren eine wirklich starke Verbundenheit zu dieser Zeitung und zu vielen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die ich zum Teil noch aus meiner Zeit als Praktikant kenne.

Ihr habt es geschafft, die Zeitung als traditionelle Institution und Konstante in dieser Region zu etablieren und seid dabei trotzdem nicht auf der Stelle getreten, sondern habt diese Zeitung immer weiterentwickelt und dabei die Herausforderungen des digitalen Zeitalters angenommen und gemeistert.

Herzlichen Glückwunsch dafür! Und zu diesen 75 Jahren!

Und sollte ich jemals tatsächlich noch einmal auf die Idee kommen, mein Abonnement zu kündigen, dann möge mich der Blitz treffen - oder ein Mops beißen.

Herzliche Grüße

Dietrich Faber

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