"Wir und auch die anderen Speditionsunternehmen haben nicht in ausreichendem Maße Berufskraftfahrer ausgebildet und für den Beruf geworben", räumt Steffen Bork ein. "Die Fahrer sind ja irgendwie immer zu uns gekommen."
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»Wir und auch die anderen Speditionsunternehmen haben nicht in ausreichendem Maße Berufskraftfahrer ausgebildet und für den Beruf geworben«, räumt Steffen Bork ein. »Die Fahrer sind ja irgendwie immer zu uns gekommen.«

Wirtschaft

Deutschland gehen die LKW-Fahrer aus: „Steuern auf ähnliche Entwicklung wie Großbritannien zu“

  • VonStefan Schaal
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Den Speditionen gehen die Lkw-Fahrer aus. Deutschlandweit fehlen mehr als 60 000 Fahrer. Auch die in Langgöns ansässige Firma Bork bekommt den Mangel zu spüren. Was unternimmt sie dagegen? Und welche Folgen hat das Problem? Steffen Bork von der Geschäftsleitung stellt sich den Fragen.

Drohen uns kurz vor Weihnachten leere Regale in Geschäften wie zuletzt in Großbritannien?

Bork: Die Uhr steht auf jeden Fall auf fünf vor zwölf. Wir steuern auf eine ähnliche Entwicklung wie in Großbritannien zu. An der ein oder anderen Stelle könnte es bereits im Weihnachtsgeschäft zu Engpässen kommen. Insgesamt denke ich aber, dass Weihnachten weitgehend gesichert ist. Der Prozess bei uns ist eher schleichend. Trotzdem muss sich jeder selber einmal in seinem Einkaufsverhalten hinterfragen. Ich nehme mich davon gar nicht aus. Aber das Konsumverhalten ist schon arg gedankenlos. Die Leute reden zwar immer sehr viel von Nachhaltigkeit und Ökologie, aber selber leben tun es die wenigsten.

Der Branche mangelt es massiv an Nachwuchs. Deutschlandweit fehlen 60 000 Fahrer. Sie haben bei Bork 290 Lkw zur Verfügung, aber nur 260 Fahrer. Warum finden Sie nicht mehr ausreichend Personal?

Bork: Das Problem besteht generell seit mindestens zehn Jahren. Diesen Sommer hat sich durch die deutlichen Lockerungen nach über einem Jahr Corona-Pandemie die Situation schlagartig zugespitzt. Während der Pandemie war die Unsicherheit groß, und einzelne Branchen lagen brach. Der Austritt Großbritanniens aus der EU hat nochmal eine Fahrerschwemme gebracht, die aber nur zur kurzfristigen Linderung beigetragen hat. Nachdem im Sommer die Wirtschaft wieder angezogen hat, wurden überall händeringend Mitarbeiter gesucht. Entsprechend war das Hauen und Stechen um gute Lkw-Fahrer unvermittelt in vollem Gange. Die Nachfrage nach Transportdienstleistung ist seither weitaus größer als die verfügbaren Kapazitäten an Lkw und vor allem an Fahrpersonal.

Speditionen in Deutschland vor Problemen: „Wertschätzung des Lkw-Fahrers nicht gegeben“

Das heißt, man war auf diese Situation nicht vorbereitet?

Bork: Wie gesagt besteht das Problem seit vielen Jahren. Auch wir und andere Speditionsunternehmen haben uns sicherlich zu lange zurückgelehnt. Nun aber den Bock innerhalb von wenigen Jahren umzuschmeißen ist nicht möglich. Hier sind auch Politik und die Gesellschaft gefragt. Die Wertschätzung des Lkw-Fahrers ist einfach nicht gegeben. Das Ansehen und das Image des Berufskraftfahrers haben über Jahrzehnte stark gelitten. Als ich in den 80er Jahren ein kleiner Junge war, war das noch ein angesehener, mittelständischer Beruf. Der Fernfahrer war der König der Landstraße, wie damals in der Serie »Auf Achse« mit Manfred Krug. Heute spielen Lkw-Fahrer beispielsweise Sonntagabend im »Tatort« eher als Verdächtige eine Rolle, im vollgekleckerten Shirt in irgendeiner schmuddeligen Spedition. Früher sind viele Leute aus der Region für unseren Betrieb gefahren, das ist vorbei. Ein wichtiger Einschnitt für uns war aber auch das Jahr 2009.

Sie meinen die Abschaffung der Wehrpflicht.

Bork: Ja. Ich habe Ende der 90er Jahre meinen Lkw-Führerschein auch bei der Bundeswehr gemacht. Den konnte ich auf der Führerscheinstelle für 75 Mark umschreiben. Leute, die bei der Bundeswehr waren und dann später beruflich nicht ihr Glück gefunden haben, sind häufig über Umwege zum Lkw-Fahren gekommen. Wer heute diesen Führerschein machen will und eben nicht bei der Bundeswehr war, muss 5000, 6000 Euro zahlen. Da ist ein riesiges Potenzial an Fahrern weggefallen. Heute ist den Menschen außerdem die Work-Life-Balance wichtiger, das passt mit dem Beruf des Fernfahrers nicht unbedingt zusammen. Und wir als Spediteure müssen zugeben, dass wir über die Jahre einiges versäumt haben.

Lkw-Fahrer in Deutschland nicht angemessen bezahlt: „Auch Endverbraucher gefragt“

Was meinen Sie?

Bork: Wir und auch die anderen Speditionsunternehmen haben nicht in ausreichendem Maße Berufskraftfahrer ausgebildet und für den Beruf geworben. Die Fahrer sind ja irgendwie immer zu uns gekommen. Aber auch die Industrie, die Großkonzerne und die großen Handelsunternehmen, die von der Logistik leben, tragen für die Entwicklung große Verantwortung.

Inwiefern?

Bork: Sie drücken enorm beim Preis. Der Geschäftsführer eines Messe-Ausstatters aus Ober-Mörlen hat es mal ganz gut ausgedrückt: Die Kunden kaufen Tische und Bestuhlung, und auch beim goldenen Besteck können es auch mal 1000 Euro mehr sein. Aber der Transport darf am Ende des Tages nichts kosten. Wenn Sie bei Amazon oder Zalando bestellen, dann am liebsten ja auch gerne für null Euro Versandkosten. Und am besten ist die Ware morgen noch da. Das Verhältnis passt nicht mehr.

Was könnte man also tun, um die Attraktivität des Berufs zu erhöhen? Eine bessere Bezahlung wäre vielleicht ein Schritt.

Bork: Die durchschnittliche Bezahlung ist aus meiner Sicht nicht angemessen für das, was den Mitarbeitern abverlangt wird. Sie bewegt sich ungefähr zwischen 2500 und 3000 Euro brutto plus Spesen. Viele, die das Interview lesen, werden sich nicht ganz zu Unrecht jetzt denken: »Fangt ihr als Spedition Bork doch mal an!«

Aber?

Bork: Dann würden wir auch schnell vom Markt verschwinden. Es ist ein langer Weg, bei dem nicht nur wir gefragt sind, sondern auch die Verlader und der Endverbraucher. Ein generelles Umdenken ist nötig. Die »Geiz ist geil-Mentalität« ist dabei wenig hilfreich. In den vergangenen fünf Jahren haben wir bereits den Lohn mehrfach erhöht. Insgesamt alleine in diesem Zeitraum zwischen 20 und 30 Prozent. Das Geld müssen Sie sich dann auch wieder bei den Kunden holen, um kostendeckend arbeiten zu können. Das ist weder einfach noch angenehm. Aber es gibt ein zusätzliches Problem.

Speditionen in Deutschland: Lkw-Fahrer kommen heute „eher aus Osteuropa“

Welches?

Bork: Dass Geld alleine nicht ausreicht, um Fahrer langfristig zu binden. Früher sind der Schorsch aus Oberwetz, der Jürgen aus Oberkleen, der Thomas aus Wetzlar und der Karl-Heinz aus Gießen für uns gefahren. Da war die Bindung und die Identifikation zumeist sehr groß. Heute kommen die Fahrer eher aus Osteuropa. Vor allem aus Polen. Hier haben wir sehr viele gute Fahrer, denen wir versuchen, auch durch die Beschaffung von Wohnungen und anderen Annehmlichkeiten ein Stück Heimat zu geben. Aber dennoch ist die Bindung einfach eine andere. Marek sagt dann: Wir können auch für ein Unternehmen in Leipzig fahren, da kriegen wir 50 Euro mehr und sind zudem schneller zu Hause. Und schon sind nicht nur er, sondern auch vier seiner Kollegen, eine ganze Fahrgemeinschaft, weg.

Könnten sich Unternehmen wie Bork und andere Speditionen nicht zusammenschließen, um die Lage zu verbessern?

Bork: Wir hatten mal mit anderen Speditionen in unserer Größenordnung eine Initiative bei einem gemeinsamen Kunden gestartet, die ausschließlich zur Verbesserung der Abläufe bei einem großen deutschen Automobilhersteller beitragen sollte. Dies wurde von dem Kunden so argwöhnisch begutachtet, dass zwei Jahre später keiner von den acht Mittelständlern für diesen Konzern mehr tätig war. Wir haben alle keinen neuen Vertrag mehr bekommen. Zudem hat sich die Branche in den vergangenen 30 Jahren stark verändert. Es gibt eine Konzentration von ein paar ganz Großen, welche sich wiederum an vielen kleinen Anbietern drängen

Mit welchen Folgen?

Bork: Die Konkurrenz ist entsprechend groß und ruinös. Da geht es manchmal um fünf Euro, und jeder ist sich selbst am nächsten.

Welche Ideen haben Sie, um die Vereinbarkeit des Berufs mit einem Familienleben zu verbessern?

Bork: Wir arbeiten mit Modellen wie Wechselschicht-Besatzungen. Am Standort Northeim beispielsweise teilen sich zwei Fahrer aus der dortigen näheren Umgebung einen Lkw. Einer fährt die Nordtour, kommt zurück, der andere steigt ein und fährt die Südtour, beide sind jeweils zehn Stunden unterwegs und haben zumindest einen strukturierten Arbeitstag.

Lkw-Fahrer leiden unter mangelhaften Arbeitsbedinungen

Was würden Sie sich von der Politik wünschen?

Bork: Ein wichtiger Schritt wäre, Zugangsmöglichkeiten zu Fahrern im Ausland für uns Unternehmen zu erleichtern. Polen hat ein separates Staatsabkommen mit der Ukraine, das ist historisch bedingt. Polnische Spediteure dürfen dadurch ukrainische Fahrer einsetzen, wir aber dürfen das nicht, die Politik erschwert uns das. Wir würden auch gerne ukrainische, russische oder serbische Fahrer beschäftigen. Durch bürokratische Hürden ist das viel zu kompliziert. Wir würden uns zudem in Europa mehr Wettbewerbsgleichheit wünschen. Strecken wie von Frankfurt nach Lissabon können wir nicht mehr bedienen, das macht jedes polnische oder litauische Unternehmen billiger. Mit fragwürdigen Konstellationen. Die Politik sollte insbesondere auf dem europäischen Gesamtmarkt faire Arbeitsbedingungen stärker fördern. Fahrer werden zum Teil wie Leibeigene behandelt.

Von wem?

Bork: Zum einen von fragwürdigen Speditionen in Osteuropa, zum anderen von den Kunden und der Gesellschaft selbst. Wenn ein Lkw-Fahrer zum Beispiel ein Lager von Amazon zwanzig Minuten zu spät erreicht, wird der Fahrer im Normalfall nicht mehr entladen. Dann ist die vermeintlich so dringende Ware plötzlich nicht mehr dringend. Dann lässt ihn das Unternehmen auch mal drei Tage dort stehen, bis das Fahrzeug entladen wird. Amazon ist hier sicherlich besonders hervorzuheben, aber auch bei anderen ist es nicht viel besser. Sanitäre Einrichtung und Möglichkeiten zur Verpflegung gibt es vor Ort meistens nicht oder nur in desolatem Zustand. Ich bekomme die schlechte Behandlung von Fahrern manchmal selbst mit.

Inwiefern?

Bork: Auch um den Bezug zur Basis nicht zu verlieren, fahre ich ein- bis zweimal im Jahr inkognito testweise selbst kurze Touren. Dabei wähle ich mir Ziele im Rhein-Main-Gebiet aus. Meistens zu einem Regionallager eines Handelsunternehmens. Die negativen Erlebnisse fangen meistens schon an, wenn Sie auf die Autobahn auffahren. Dort bekommen Sie von Autofahrern recht schnell einmal den Vogel gezeigt für Situationen, die man nicht selber, sondern in der Regel der Autofahrer durch seine Ungeduld zu verantworten hat. Beim Kunden gibt es dann häufig einen ziemlich frostigen Empfang bis hin zu Beschimpfungen.

„Ohne den Lkw und seine Fahrer bleiben die Regale leer“

In welcher Form?

Bork: Das fängt an der Pforte an und setzt sich an der Rampe fort. Wenn man zum Beispiel nur eine Frage nach der Bedienung der Rampe stellt, erhält man meistens keine Hilfe sondern eher folgende Antwort: »Bist du zu blöd, die Rampe zu bedienen?« Es ist wirklich absolut unangemessen, wie man mit den Menschen umgeht. Insgesamt würde ich mir über Transport, den Versand von Produkten und den Beruf des Warenchauffers eine gesamtgesellschaftliche Debatte wünschen, wie man das Berufsbild nicht nur stärken sondern vor allem wieder attraktiv machen kann. Denn eins ist klar: Ohne den Lkw und seine Fahrer bleiben die Regale leer.

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