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Ein 2000 Jahre alter Wall mit Symbolkraft

  • Philipp Keßler
    VonPhilipp Keßler
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(phk). »Hier ist am meisten los, hier wird am emotionalsten diskutiert.« Klar, wer Reporter einer Tageszeitung ist, der schwärmt für solche Verhältnisse - so wie Stefan Schaal, der seit 2017 aus Pohlheim, Linden und Langgöns berichtet. Bereits als Volontär stieg er in die Kreisredaktion ein, nachdem er zuvor mehr als zehn Jahre als freier Mitarbeiter für die Stadtredaktion in Gießen, seine zweite Heimat, unterwegs gewesen war.

Sein Engagement in Pohlheim begann gleich mit einer echten Bewährungsprobe: die Berichterstattung über das geplante Outlet-Center im Gewerbegebiet Garbenteich-Ost - inklusive Bürgerinitiative, Volksbegehren und Wahlkampf mit Fake News. »Das ist seit drei Jahren mein größtes Thema - aber es ist immer noch interessant«, sagt Schaal, der sich beim Vorbeilaufen an der Volkshalle wieder an den Abend der Entscheidung erinnert, als die Gegner schon ihren Sieg feierten, ehe herauskam, dass das Quorum an Stimmen verfehlt wurde.

Aber auch der eigentlich längst beschlossene Bau der größten Kindertagesstätte des Landkreises, für den einen Steinwurf vom Bürgerhaus entfernt schon Bäume gefällt worden waren, hat sich zum polarisierenden Thema entwickelt. »Das ist typisch Pohlheim - die Diskussionen sind immer kontrovers«, sagt Schaal. Besondere Brisanz bekommt dieses Thema auch angesichts des enormen Bedarfs an Betreuungsplätzen, schließlich ist Pohlheim die am stärksten wachsende Kommune des Landkreises Gießen.

Große aramäische Gemeinde

Ihren Anteil daran hat auch die große aramäische Gemeinde, die heute noch durch Migration aus der Türkei wächst. Die »Hauptstadt der Aramäer« hat inzwischen drei syrisch-christliche Kirchengemeinden, mit dem FC Turabdin/Babylon einen eigenen Fußballverein, zehn von 37 Abgeordneten im Stadtparlament haben aramäischen Hintergrund. So erklärt sich auch, warum bei der Christuskirche in Watzenborn-Steinberg ein Mahnmal für die Opfer des vom Osmanischen Reich zwischen 1915 und 1917 begangenen Völkermords an den syrisch-orthodoxen Christen entstanden ist, dessen Errichtung aber Protestbriefe der türkischen Regierung zur Folge hatte. Deren Veröffentlichung bezeichnet Schaal als »meine wichtigste Recherche«.

Zwischen Stadt und Dorf

Trotz seiner Themenvielfalt, die von harten politischen Auseinandersetzungen über das Porträt zum 90. Geburtstag des Gründers von Auto Häuser bis zum Start-up Schönwetterfront, das ein Hawaiihemd für Kampfsport-Legende Chuck Norris gefertigt hat, reicht, sei Pohlheim »Stadt und Dorf gleichzeitig«. Das liege vor allem an den Unterschieden der Stadtteile, denn während Watzenborn-Steinberg und Garbenteich mit ihren Gewerbegebieten eher städtisch geprägt sind, ist der Rest eher dörflich. Doch auch dort gibt es Sehenswertes, wie etwa die Grüninger Warte oder die Überreste des Limes. Pohlheim war die nördlichste Limes-stadt, hier lebten Römer und Germanen Tür an Tür. Heute ist der Limes eine Metapher für das Trennende, z. B. innerhalb der Politik, aber auch für den Kontakt zwischen verschiedensten Menschen. »Pohlheim ist eine lebendige Stadt«, sagt Schaal. »Die Pohlheimer integrieren schnell andere Leute.«

Angesichts der nie enden wollenden Themenfülle in Pohlheim, die über das Wiesnfest, die Erfindung des »Bellschuh« in der ehemaligen Traditionsgaststätte »Goldene Nuss« in Watzenborn-Steinberg bis zu früheren wilden Party-Nächten in der Gaststätte »Zum Grünen Baum« in Grüningen reichen, ist die nächste »srs«-Story gewiss.

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