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Gunter Demnig verlegt am "Café Göbel" gleich mehrere Stolpersteine.

Ehrung und Mahnung zugleich

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Zwölf kleine Messingquader erinnern seit gestern an das Leid der Laubacher Juden. Verlegt hat die "Stolpersteine" der Künstler Gunter Demnig. Weitere werden folgen, einer für jeden der 34 Laubacher und Ruppertsburger mosaischen Glaubens, die unter den Nazis vertrieben, verhaftet, ermordet wurden.

Sechs Gulden, 5 Albusse, 2 Pfennig vor einen Silbern Löffel, ein Paar Strümpf, eine Zinnern Schüssel und 4 1/2 Ellen seiden Band, worumb die Bürger (beim Ausschussfest, die Red.) geschossen, dem Juden Nathan bezahlt." Ein Auszug aus einer Rechnung der Gemeinde Laubach, ausgestellt im Juni 1712. Dort erwähnter Nathan, so schreibt der Lehrer und Friedensaktivist Dr. Rüdiger Mack (1918-2013) im Buch "Die Laubacher Juden", gelte als der erste Jude der Kleinstadt an der Wetter. Ihre Geschichte war Jahrhunderte mit der der israelitischen Gemeinde verwoben, 1861 erlangte diese mit 151 Mitgliedern ihren Höchststand. Um am 14. September 1942 jäh zu enden.

An jenem Tag wurden die letzten Laubacher Juden, die nicht weggezogen, nicht geflohen waren, deportiert. Wenige Monate später waren alle tot, umgebracht von Nazi-Schergen. An diese Schicksale erinnert seit den 1980ern bereits vor allem die örtliche Friedenskooperative; mit erwähntem Buch oder den Mahngängen am Jahrestag der Pogromnacht, der Schändung der Synagoge in der "Lippe".

Am 14. September 1942 deportiert

Seit gestern nun machen auch "Stolpersteine" darauf aufmerksam, wiederum auf Anregung der Kooperative, in Trägerschaft der Stadt. Unter den Augen von knapp 100 Teilnehmern, umrahmt von Peter Ehm (Klarinette) wurden sie von Gunter Demnig verlegt. Eben dortselbst, wo die Familien gelebt hatten: In Ruppertsburg in der Horloffstraße 4, wo der Viehhändler Samuel Wallenstein mit seiner Familie zu Hause war. Bis zu jenem Tag im September 1942, als auch sie abgeholt wurde. Als SS-Männer die Nachbarn, die sich verabschieden wollten, anherrschten: "Macht euch fort, sonst kommt ihr gleich mit!" Zwei weitere "Steine" wurden ins Pflaster vorm Haus Marktplatz 2 in Laubach eingelassen, wo das Ehepaar Joseph und Helene Strauß lebte, das nebenan ein Stegwaren- und Wäschegeschäft betrieben hatte. Und noch zwei in der Friedrichstraße 4, vorm einstigen Heim von Sally und Hortense Heynemann und ihrer Familie.

Wie alle zuvor erwähnten, wurden auch die Heynemanns an diesem Herbsttag deportiert. Mit Margarethe Roeschen (90), die sie als Kind gut kannte, gibt es noch eine Augenzeugin. Wie sie jüngst dieser Zeitung berichtete, war ein offener Lastwagen auf den Marktplatz gerollt, in den kurz darauf die letzten jüdischen Mitbürger gepfercht wurden: Samuel Wallenstein, er stirbt am 21. Februar 1943 im KZ Theresienstadt. Ebendort, am 25. Juli, wird sein Schwiegersohn Alexander Baum ermordet. Samuels Tochter Kathinka kommt ins Vernichtungslager Birkenau. Mit ihnen deportiert wurden die Ehepaare Strauß und Heynemann; sie werden mit der gehbehinderten Tochter der Baums, Sophie, ins KZ Treblinka geschafft und ermordet. Ihr Todestag ist unbekannt.

Bevor Demnig die ersten Messingquader am Markplatz verlegte, ergriff Stadtverordnetenvorsteher Joachim Kühn das Wort. "Heute ist ein bedeutsamer Tag in unserer jüngeren Geschichte, wir setzen ein Zeichen des Mahnens und Erinnerns an unsere jüdischen Mitbürger." Allesamt Opfer der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten.

Kühn schlug nun den Bogen ins Heute: Wie wichtig diese Aktion, diese Mahnung sei, das zeigten die rechtsradikalen Strömungen in unserem Land, zuletzt der Mord an Walter Lübcke. "Wir alle sind aufgefordert, rechtem Gedankengut aufrecht entgegenzutreten und Zivilcourage zu zeigen."

Nicht minder als Zeichen gegen Fremdenhass, bat Erste Stadträtin Isolde Hanak die "Stolpersteine" aufzufassen. Pfarrerin Anke Stöppler sprach die Segensworte. Mit Blick auf die Messingquader gab sie der Hoffnung Ausdruck: "Dass die Mörder nicht recht hatten, dass sie nicht zuletzt recht behalten."

Janina Gerschlauer verwies namens der Friedenskooperative auf jene wiederkehrenden Assoziationen, die jeder kenne. Die ein Duft auslöse, ein Farbenspiel, der Anblick eines Hauses. Annähernd so verhalte es sich bei allen, die sich mit der Geschichte der Laubacher Juden befasst hätten. So frage sie sich etwa beim Gang übern Marktplatz: "In welchen Zimmern hat das ermordete Ehepaar Strauß geschlafen? Haben sie auch so gern im Herbst die verfärbte Linde betrachtet, wie ich es heute tue? Ob sie auch der Jahreszeit so viel abgewinnen konnten - zumindest so lange, bis sie auf einen Lastwagen gestoßen, gewaltsam fortgebracht wurden. Hatten sie da noch eine Spur Hoffnung, Laubach jemals wiederzusehen?"

Assoziationen löst bei ihr auch der Anblick des "Café Göbel" aus, dessen eine Hälfte einst das Geschäft der Heynemanns war. Würde die Familie heute wohl auch allmorgendlich den Duft aus der Bäckerei genießen? Gerschlauer weiter: "Auch diese Laubacher Familien gibt es nicht mehr. Die Schuld eines verbrecherischen Regimes, das deren Zukunft, aber auch ein Stück weit das Gesicht Laubachs zerstört hat." Gebe es doch keine Synagoge mehr, keine Pessahfeiern, keinen Sabbat, an dem man, vielleicht beim Straße kehren, den vorbeiflanierenden jüdischen Mitbürgern zugewinkt hätte.

"In gewisser Weise scheint es, als habe sich der Spruch erfüllt, der so vielen jüdischen Grabsteinen eingemeißelt ist: ›Ihre Namen seien eingebunden in das Bündel des Lebens‹. Das sind sie noch heute, im Sommer des Jahres 2019."

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