Der Acker ist schon umgepflügt, im Frühjahr will Udo Becker auf dieser Fläche bei Allendorf 90 Rebstöcke pflanzen.	FOTO: JWR
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Der Acker ist schon umgepflügt, im Frühjahr will Udo Becker auf dieser Fläche bei Allendorf 90 Rebstöcke pflanzen. FOTO: JWR

Edler Tropfen aus Allendorf?

  • Jonas Wissner
    VonJonas Wissner
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Udo Becker, Wirt des »Alten Bahnhofs« in Allendorf/Lumda, hat ein ehrgeiziges Ziel: Er will aus 90 Rebstöcken seinen eigenen Wein zum Eigenbedarf keltern. Zurzeit steckt er mitten in den Vorbereitungen - und hofft, dass der Allendorfer Boden für Weinbau taugt.

Eigentlich hat Udo Becker mehr als genug zu tun: Im Hauptberuf ist der 59-Jährige Co-Geschäftsführer eines Ingenieurbüros, im Nebenberuf führt er die familieneigene Traditionsgaststätte »Alter Bahnhof«. Außerdem ist Becker Vorsitzender des örtlichen Angelsportvereins und stolzer Besitzer einer Streuobstwiese, »da habe ich alles im Griff«. Nun hat er sich ein neues, ehrgeiziges Projekt gesucht: Er will seinen eigenen Wein anbauen.

Ursprünglich, erzählt Becker, sei er eher Bier- als Weintrinker - wenngleich er schon jetzt Wein aus heimischen Äpfeln herstellt. Wirklich schätzen gelernt habe er gute Weine aber erst vor etwa zehn Jahren über seine Frau Renate. »Ich habe bei Scheens eingeheiratet, in eine große Familie«, die gerne Ausflüge in Weingegenden unternehme, sagt er. So sei eine freundschaftliche Beziehung zum Weingut Lenartz-Beth in Mesenich an der Mosel gewachsen. Im Sommer war er wieder dort. »Ich habe mir ein bisschen was zeigen lassen, zum Beispiel wie man die Stöcke beschneidet und hochbindet.«

Bei Weinbauern wie Immobilienmaklern gilt: Lage, Lage, Lage. Am günstigsten sei ein hoch gelegener Südhang, sagt Becker. Er hatte zwar kein passendes Grundstück, dafür gute Kontakte: »Ein Freund hat gesagt: Ich habe genau das, was du brauchst.« Den Standort hat Becker nun gefunden, das ist schon mal die halbe Miete.

Ganz ohne Papierkram geht es in Deutschland natürlich auch nicht. Beckers Frau forderte die nötigen Dokumente beim hessenweit zuständigen Weinbau-Dezernat des Regierungspräsidiums Darmstadt an. »Man darf als Privatperson 1000 Quadratmeter Wein ohne Genehmigung anbauen, es muss aber angezeigt werden«, so Becker. 50 Euro habe ihn das gekostet, die Stadt sei auch informiert. Rechtlich sei jetzt alles in trockenen Tüchern. Doch er betont: »Der Wein darf nicht verkauft und ausgeschenkt werden«, sei nur für den Eigengebrauch zugelassen. Im »Alten Bahnhof« werden die Gäste also auch künftig mit importierten Weinen Vorlieb nehmen müssen.

Stolz präsentiert der angehende Hobby-Winzer den Acker eines Freundes nördlich von Allendorf, auf dem er sein Projekt verwirklichen will. Ein etwa 500 Quadratmeter großer Streifen ist umgepflügt, darauf werden im Frühjahr 90 Rot- und Weißweinstöcke gesetzt und dazwischen Seile oder Drähte gespannt. Der Jagdpächter wisse Bescheid, die Parzelle werde noch eingezäunt, um sie vor Wildverbiss zu schützen. Für die Verarbeitung der Trauben will sich Becker noch eine so genannte Hydropresse zulegen.

Die Lage mag günstig sein. Aber die Lumda ist nicht die Mosel und Allendorf nicht für Weinbau bekannt. Ist der Boden wirklich geeignet? Becker lässt gerade eine Probe analysieren, ist gespannt auf das Ergebnis. »Dann schauen wir mal, was der Boden so hergibt«, sagt er und lächelt. Davon abhängig werde er sehen, ob und inwiefern Dünger nötig ist. »Wein ist eigentlich relativ anspruchslos«, gibt sich Becker optimistisch.

Er ist freilich nicht der erste, der im Lumdatal Wein pflanzt. Ein Allendorfer habe einen Weißweinstock vor seinem Haus, ein anderer einen Rotweinstock. Das sehe man schon ab und an, sagt Becker. »Die haben mitgekriegt, dass ich sowas anstrebe, und gesagt: Dann kannst du dieses Jahr schon mal bei uns was holen.« Aus den Trauben von fünf solcher Stöcken habe er immerhin gut 50 Liter Wein produziert, »aber einiges ist schon als Federweißer weg«. Auch bei sich zu Hause hat Becker einen Rebstock gepflanzt. Die Triebe sind kürzlich eingefroren, »da habe ich schon gedacht: Hups, hoffentlich funktioniert das da oben.«.

Er will nicht nur keltern, was wild wuchernde Stöcke abwerfen, sondern gezielt Wein anbauen. Zwar gebe es in Rabenau einen Winzerverein, der auf einem Grundstück pflanze. Doch er will sein Projekt lieber alleine durchziehen, sein eigener Chef sein. »Manche sagen: Da würde ich gern mitmachen! Ich sage: Ich mache das lieber allein, will autark sein - wenn es funktioniert.«

Gerade kommt Becker aus Hachborn, wo er einen Unterstand für seinen frisch erworbenen Traktor gefunden hat. Der Allendorfer stapft über den harten Boden und gestikuliert. »Aus den ersten Trieben kommt dann irgendwann der zukünftige Wein raus«, sinniert er, »alles andere wird weggeschnitten - das machen die Leute vor dem Haus nicht«. Die Vorfreude wird sichtbar.

In Allendorf hat sich Beckers Plan schon rumgesprochen, aber offenbar noch nicht bei allen: Als er auf dem Grundstück zeigt, wo er auf der umgepflügten Stelle die Stöcke setzen will, kommt ein anderes Allendorfer Original vorbei und hält interessiert inne. »Was guckt ihr denn hier oben?«, fragt der Mann. »Ich will hier Wein anbauen«, informiert Becker. Der Passant kann sich ein lautes Lachen nicht verkneifen - und erkundigt sich, ob Becker denn den Pächter der Fläche gefragt habe. Das hat er natürlich. »Ach du Scheiße, was du net all vorhast«, sagt der Fußgänger und spaziert weiter.

Wenn alles wie geplant funktioniert, kann Becker vielleicht im übernächsten Jahr erstmals Trauben verarbeiten. »Vielleicht mache ich hier oben mal ein kleines Weinfest«, sagt er. Bis dahin hat sich Corona dann hoffentlich auch erledigt

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