Die dunkelsten Tage

  • vonStefan Schaal
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Weihnachten, das Fest der Liebe, rückt näher. Viele aber fürchten die Feiertage. Menschen zum Beispiel, die kürzlich Familienangehörige verloren haben. Denn Weihnachten weckt Erinnerungen. "Für Trauernde bricht die schwierigste Zeit des Jahres an", sagt Jürgen Jakob. Der Trauerbegleiter aus Pohlheim hat Ratschläge, wie man dem Schmerz in der dunklen Jahreszeit begegnen kann.

Heiligabend kurz vor 18 Uhr: Jürgen Jakob sitzt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern zuhause in Dorf-Güll an einem Tisch und trinkt Kaffee. Sie sind dabei nicht allein. Jakob hat zehn weitere Menschen eingeladen, die kürzlich einen Familienangehörigen verloren haben. "Da bin ich bestimmt ein Spielverderber und vermiese die Stimmung", haben einige von ihnen zunächst abgewunken. "Da sind doch alle Spielverderber", hat der 55 Jahre alte Pohlheimer mit einem Augenzwinkern geantwortet. Jakob ist Trauerbegleiter - und gibt Ratschläge, wie man Weihnachten trotz Trauer übersteht.

?Warum ist das Weihnachtsfest für Trauernde besonders schwer?

"Für trauernde Menschen beginnt die schwierigste Zeit des Jahres", sagt Jakob. Die dunkle Jahreszeit drücke ohnehin aufs Gemüt. Weihnachten aber wecke zudem viele Erinnerungen - und sei es nur der Duft nach Bratäpfeln, als Oma noch gelebt und gebacken hat. "Die Zeit des Zusammenrückens ist angesagt", sagt Jakob. "Nur wo rückt man hin, wenn man allein ist und die Lücke im Wohnzimmer nicht ertragen kann?"

?Wie können Trauernde rund um die Weihnachtszeit dem Schmerz begegnen und sich schützen?

Indem sie die Trauer bewusst ausleben, sagt Jakob. Er rät beispielsweise, am Tag des Heiligabends morgens das Grab oder die Gedenkstätte des Verstorbenen zu besuchen, dort viel Zeit zu verbringen und zu trauern. "Danach aber geht es ins Leben zurück." Bewusst könne man anschließend die Gesellschaft von Menschen suchen. Es gelte außerdem, Egoist zu sein und es an Heiligabend nicht jedem in der Familie recht machen zu wollen. Jakob rät zu einem Tapetenwechsel, beispielsweise zu einer Reise, oder zu Gemeinschaft mit Menschen, die einem guttun.

?Trauernde verspüren oft das Gefühl, ja nicht zur Last fallen zu wollen. Wie integriert man sie an Heiligabend?

Jakob, seit zehn Jahren Trauerbegleiter, hat die Erfahrung gemacht, dass sich gerade ältere Menschen in Trauer zurücknehmen. "Dann muss die Familie um sie werben", sagt er. "Sie muss sagen: Wir wollen nicht auf dich verzichten, wir feiern in gedämpfter Form und würden uns freuen, wenn du mit am Tisch bist."

?Wie sollte man mit Trauernden im Freundes- und Bekanntenkreis an Weihnachten umgehen?

Aus Jakobs Erfahrung ist es weniger ratsam, bei Bekannten oder Nachbarn in der Weihnachtszeit zu klingeln und Gesellschaft anzubieten. "Das kann schnell aufdringlich wirken." Da werde man sehr wahrscheinlich einen verkehrten Moment erwischen. "Aber ich appelliere an Trauernde, ihr Bedürfnis nach Gesprächen oder Gesellschaft mitzuteilen und zu sagen: Ich möchte heute nicht allein sein. Bei guten Freunden könne man vorsichtig fragen, was für die Feiertage geplant ist. "Wichtig ist: Keine leeren Versprechungen. Und keine Floskeln, die das Wort müssen enthalten wie ›du musst unter Leute‹ oder ›du musst mal Sport machen‹. Vor allem gelte es, Leid anzuerkennen und nicht zu beschwichtigen.

?Wohin kann man sich wenden, wenn man sich an Weihnachten einsam und in der Krise fühlt?

Ehrenamtliche Trauerbegleiter gibt es im Kreis Gießen bei der Caritas und beim Verein "Gedankenschiff", den Jakob ins Leben gerufen hat. Ansprechpartner findet man auch bei der Telefonseelsorge (siehe Kasten). Jakob schlägt zudem vor, den Pfarrer der heimischen Gemeinde zu kontaktieren.

Der Irrglaube, dass gerade zu Weihnachten die Suizidrate ansteigt, ist weit verbreitet. Laut Statistischem Bundesamt ist der Dezember allerdings gar der Monat mit den wenigsten Suiziden. Statistiken belegen aber auch, dass die Zahl der Suizidversuche nach den Festtagen überdurchschnittlich hoch ist. Als Ursache werten Experten die mit Weihnachten verknüpften zu hohen Erwartungen an die Festtage.

Wenn Sie selbst depressiv sind, Suizidgedanken haben, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die Auswege aufzeigen. (srs)

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